Die Wurzeln Jesu

Matthäus 1, 1-17

Parallelstelle: Lukas 3, 23-38

Wurzeln
Wurzeln

Menschen möchten sich selber kennenlernen und zu sich selber finden. Sie fragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wo sind meine Wurzeln? Von wem stamme ich ab? Wer und wie waren meine Vorfahren? Was war in ihrem Leben? Wer und was hat mich geprägt?

Für die Selbstfindung ist es unter anderem wichtig, sich auf die Suche nach den eigenen Wurzeln zu machen. In mühevoller Kleinarbeit erstellen Menschen ihren eigenen Stammbaum oder lassen ihn erstellen.

Die Evangelien suchen Antworten zu finden auf die Frage: Wer ist Jesus? Sie machen sich dabei auch auf die Suche nach Jesu Wurzeln.

Die Verfasser des Matthäus- und des Lukasevangeliums überliefern uns Stammbäume Jesu. Sie unterscheiden sich. Das Matthäusevangelium geht in der Ahnenreihe Jesu zurück bis Abraham, der ihm Volk Israel als sein Gründervater und als der große auf Gott Vertrauende gilt, der dem Ruf seines Herzens und damit Gott konsequent gefolgt ist. Lukas beginnt den Stammbaum Jesu mit Adam, der in der Bibel als erster Mensch bezeichnet und als erstes menschliches Geschöpf Gottes gesehen wird.

Beiden geht es in ihren Stammbäumen darum, Jesus als einen Nachkommen von König David zu sehen. Denn so hieß es seit alten Tagen, der Messias werde ein Wurzelspross von Jesse sein. Jesse ist ein anderer Name für Isai, dem Vater Davids. In dieser Vorstellung war die Erwartung enthalten, der Messias werde das Volk Israel aus der Herrschaft Roms befreien und das Großreich des König David wieder errichten als endzeitliches Reich der Gerechtigkeit und des Friedens.

Man könnte glauben, die Vorfahren des Gottessohnes Jesus wären Halbgötter oder perfekte, fehlerlose, sündenfreie, außergewöhnliche Menschen gewesen.

Uns beeindruckt zutiefst, dass es so nicht war. Die Ahnen Jesu waren gewöhnliche Menschen, Menschen mit Stärken und Schwächen, mit allen "Vorzügen und Nachteilen", fehlerhafte Menschen, Menschen mit Freuden und Hoffnungen, mit Ängsten, Traurigkeiten und Leiden, mit Sehnüchten und Leidenschaften, Menschen, wie Menschen nun mal menschlich sind. Auch König David war ein gewöhnlicher Mensch, nachzulesen im 2. Buch Samuel.

Alle Vorfahren Jesu waren so wie wir unbedingt geliebte, begnadete, mit gleichem Wert und gleicher Würde ausgestattete Geschöpfe, Kinder und Inkarnationen Gottes. Bei Gott ist niemand höher oder niedriger gestellt. Das versichert uns Jesus, die Mensch gewordene Liebe Gottes.

Aus der langen Liste der Vorfahren Jesu im Stammbaum, den uns der Verfasser des Matthäusvangeliums überliefert, stellen wir eine Frau heraus, die uns im Herzen tief berührt. Sie heißt Rut. Sie ist eine großartige Zeugin für Mut, Menschlichkeit und Liebe, die keine Grenzen setzt.

Wir widmen ihr eine eigene Seite: Liebe ist grenzen-los

Stammbaum Jesu - unser Stammbaum

Stammbaum Jesu - unser Stammbaum
Stammbaum Jesu - unser Stammbaum

Israel und Kirche gehören zusammen wie Wurzel, Stamm und Äste am Baum. Jesu Stammbaum ist auch unser Stammbaum. Nicht leiblich, aber geistig, im Glauben. Unten im Bild: die Berge von Judäa, das Land Israel im Dunkel. Die Farbtöne gehen über in das helle Blau des Himmels. Abraham ist Stammvater des Glaubens für Juden, Christen und Muslime. Er steht da mit offenen, leeren Händen. Ein Aufschauender, Empfangender, der nach langem Suchen und Fragen endlich glaubt, dass Gott Unmögliches möglich machen kann. Ein Gesegneter, der selbst zu einem Segen wird für viele. Links der Enkel Abrahams, Jakob/Israel. Er träumt von einer Himmelsleiter. Auf ihr steigt Gott zu ihm herab und verspricht ihm: "Ich werde mit dir sein." In der Mitte Mose, der am Berg Sinai Gottes Wort, die 'Magna Charta' Israels, wie ein Prophet empfängt und weitergibt.

Neben ihm David, ein Ausnahme-Politiker, zugleich gläubiger Dichter und Sänger. In seinen wunderbaren Liedern (Psalmen) liegen die Wurzeln auch unseres Betens. Links von Mose Johannes der Täufer, der leidenschaftlich auf Christus deutet: "Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt" - auch heute! Oben rechts: Josef, der Mann Marias, der ebenfalls Träume zu lesen vermag. Einer, der lautlos dient und immer da ist, wenn man ihn braucht. Die Krone des Baumes aber bildet eine Frau zusammen mit ihrem Kind, die Mutter Jesu, Maria von Nazaret. In ähnlichen Bildern zeigt der Maler: Maria tritt hinter ihrem Kind zurück. Denn auf IHN hin ist alles erschaffen, auf ihren Sohn allein kommt es an. Darum lautet der Titel dieses Bildes: "Alle Menschen werden schauen das Heil." Und Maria ist die Mutter des Heils.

Gott, ich möchte aufschauen und glauben wie Abraham, träumen von dir wie Jakob/Israel. Ich möchte wie Mose festhalten an deinem Wort, wie David beten und singen können, wie Johannes der Täufer Zeugnis geben, wie Josef da sein zur rechten Zeit. Gott, ich möchte wie Maria die Größe deines Erbarmens preisen, auf Seiten der Armen und Kleinen stehen, den Menschen Jesus nahe bringen. Und - ich möchte Mensch werden wie Jesus, dein Sohn, nur Mensch, ganz menschlich - wie ER.

Text: Theo Schmidkonz SJ
Bild: Sieger Köder, Stammbaum Jesu