Hybris - oder: Wenn der Mensch Gott spielen will
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Hybris - oder: Wenn der Mensch Gott spielen will

Text: 1. Buch Mose 11, 1-9 - Übersetzung: Elberfelder Bibel

1 Und die ganze Erde hatte ein und dieselbe Sprache und ein und dieselben Wörter. 2 Und es geschah, als sie von Osten aufbrachen, da fanden sie eine Ebene im Land Schinar und ließen sich dort nieder. 3 Und sie sagten einer zum anderen: Auf, lasst uns Ziegel streichen und hart brennen! Und der Ziegel diente ihnen als Stein, und der Asphalt diente ihnen als Mörtel. 4 Und sie sprachen: Auf, wir wollen uns eine Stadt und einen Turm bauen, und seine Spitze bis an den Himmel! So wollen wir uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Fläche der Erde zerstreuen! 5 Und der HERR fuhr herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. 6 Und der HERR sprach: Siehe, ein Volk sind sie, und eine Sprache haben sie alle, und dies ist (erst) der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts unmöglich sein, was sie zu tun ersinnen. 7 Auf, lasst uns herabfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass sie einer des anderen Sprache nicht (mehr) verstehen! 8 Und der HERR zerstreute sie von dort über die ganze Erde; und sie hörten auf, die Stadt zu bauen. 9 Darum gab man ihr den Namen Babel; denn dort verwirrte der HERR die Sprache der ganzen Erde, und von dort zerstreute sie der HERR über die ganze Erde.

Hat's der Mensch nicht weit gebracht?
Und von seinem Wissen
nicht wunderbar Gebrauch gemacht?
Und immer forscht er weiter
und wird noch gescheiter.
Ist er nicht gütig wie ein Engel?
Ist er nicht weise -
fast so wie ein Gott?
So schön ist diese Welt.
Ein Paradies für Tiere.

Wie kommt es nur,
Dass ich an dieser Welt den Spaß verlor?
Warum kommt sie mir plötzlich vor
wie ein ödes Felsgebirge?
Der herrlich blaue Baldachin
hoch über uns.
Das Firmament, das selbst sich trägt.
Das himmelhohe Dach
bestickt mit Sternenglanz.
Warum ist es nichts anderes mehr für mich
als ein Meer von faulen Dämpfen,
die das Leben verpesten?

Hat's der Mensch nicht weit gebracht?
Ja, das kann man sagen.

Lied aus dem Musical "Hair"

Gottes Wort zeigt uns die Wahrheit

Die alten Griechen kannten ein Wort, das bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat: Hybris.

Hybris ist mehr als Hochmut. Es ist die Haltung eines Menschen, der seine Grenzen nicht mehr anerkennt. Der sich selbst überschätzt, glaubt, alles zu dürfen, nur weil er vieles kann. Der einen Platz einnimmt, der ihm nicht zusteht.

In den griechischen Tragödien führt diese Hybris fast immer ins Unglück. Nicht weil die Götter kleinlich oder beleidigt wären, sondern weil der Mensch die Ordnung des Lebens missachtet. Er überschreitet Grenzen - und irgendwann kehren die Folgen zu ihm zurück.

Vielleicht ist Hybris eines dieser großen Worte, mit denen sich auch unsere Gegenwart beschreiben lässt. Der Mensch hat ungeheure Fähigkeiten entwickelt. Wir können Berge durchbohren und Flüsse aufstauen. Wir können Wälder binnen kürzester Zeit abholzen und Landschaften umgestalten. Wir gewinnen Rohstoffe aus der Tiefe, verbrauchen enorme Mengen Energie, produzieren Tiere industriell, vernichten Lebensräume. Wir greifen sogar in die Bausteine des Lebens ein.

Vieles davon hat unser Leben verbessert. Wissenschaft und Technik sind nicht das Böse. Im Gegenteil: Sie eröffnen wunderbare Möglichkeiten, menschliches Leben zu schützen und Leiden zu mildern. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Was können wir? Die entscheidende Frage lautet: Dürfen wir alles tun, was wir können?

Hier beginnt die Hybris. Sie beginnt dort, wo der Mensch sagt: Die Erde gehört uns. Wir können mit ihr machen, was wir wollen. Wo der Wald nur noch Holz ist, der Fluss nur Wasserreserve, der Boden nur Produktionsfläche, das Tier nur Ware, die Atmosphäre nur noch eine kostenlose Deponie für unsere Abgase.

Und irgendwann antwortet die Wirklichkeit. Der Klimawandel ist ein bedrängendes Beispiel dafür. Jahrzehntelang verbrennen Menschen fossile Energieträger und bringen immer mehr Treibhausgase in die Atmosphäre. Die Folgen verschwinden nicht einfach. Die Erde reagiert auf das, was wir tun.

Das ist keine Strafe Gottes. Gott schickt uns keine Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen und Unwetter, weil die Menschen gesündigt haben. Vielleicht ist es viel einfacher und zugleich ernster: Unser Tun hat Folgen. Wer die Grenzen der Natur dauerhaft missachtet, wird diese Grenzen spüren.

Die biblische Urgeschichte erzählt Ähnliches. Menschen bauen einen Turm und sagen: "Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis in den Himmel!" Sie wollen sich selbst einen Namen machen. Der Turm von Babel ist ein uraltes Bild menschlicher Hybris. Bis in den Himmel wollen wir. Wir wollen selbst Gott sein. Keine Grenze über uns, keine Grenze unseres Könnens, keine Grenze unseres Wachstums, keine Grenze unseres Verbrauchs. Immer höher, immer schneller, immer größer, immer mehr.

Jesus zeigt einen ganz anderen Weg. Er will nicht hinauf, er geht hinunter. Er setzt sich nicht auf einen Thron, um zu herrschen. Er kniet sich vor Menschen nieder und wäscht ihnen die Füße. Das ist das Gegenbild zur Hybris. Jesus sagt uns durch sein Leben: Du musst nicht Gott spielen. Du darfst Mensch sein. Vielleicht ist das eine der befreiendsten Botschaften unseres Glaubens: Du bist nicht Gott. Du musst nicht alles beherrschen, du musst nicht alles besitzen, du musst nicht alles kontrollieren, du musst nicht aus allem den größtmöglichen Nutzen ziehen. Du bist ein Teil dieser wunderbaren Schöpfung. Der Baum neben dir ist nicht bloß dein Rohstoff, das Tier ist nicht bloß dein Besitz, der Fluss nicht bloß deine Ressource. Die Erde gehört nicht uns. Wir haben sie empfangen. Und wir teilen sie mit unzähligen anderen Lebewesen und mit den Menschen, die nach uns kommen.

Hybris macht schlussendlich den Menschen zum Sklaven. Wenn immer mehr Wachstum nötig ist, immer mehr produziert und konsumiert werden muss, wenn alles ständig größer und schneller werden soll, dann beherrschen wir die Dinge nicht mehr. Dann beherrschen die Dinge uns.

Jesus zeigt einen anderen Reichtum: miteinander teilen, dankbar sein, das Leben achten, die Schwachen schützen, die Schöpfung bewahren, barmherzig miteinander umgehen.

Vielleicht liegt die wahre Größe des Menschen gerade darin, nicht Gott sein zu wollen. Wir sind geliebte Geschöpfe Gottes unter geliebten Geschöpfen Gottes. Wir dürfen staunen. Wir dürfen empfangen. Wir dürfen gestalten. Doch wir müssen nicht herrschen, als gehörte uns alles.

Die griechischen Geschichten von der Hybris erinnern uns daran: Wer sich selbst zum Maß aller Dinge macht, gefährdet am Ende sich selbst. Das Evangelium geht noch weiter. Es zeigt uns, wo unser Platz ist: nicht öber der Schöpfung, sondern mitten in ihr - verantwortlich vor Gott, verbunden mit unseren Mitmenschen, den Tieren und allem Lebendigen.

Unsere Welt braucht keine Menschen, die glauben, allmächtig zu sein. Sondern: Menschen, die sagen: Wir sind nicht Gott. Wir sind Menschen und tragen Verantwortung für das Leben, das Gott uns anvertraut hat.

→ Kommentar zu Matthäus 21, 28–32

→ Es ist alles nur geliehen hier auf dieser schönen Welt

→ Draußen vor der Mauer

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→ Barmherzigkeitsreligion gegen Gesetzesreligion

→ Die letzten sieben Tage der Schöpfung - mit Collage und Bilderbeschreibung