Die letzten sieben Tage der Schöpfung - mit Collage und Bilderbeschreibung
Text von Jörg Zink
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde
Aber nach vielen Jahrmillionen war der Mensch endlich klug genug. Er sprach: Wer redet hier von Gott? Ich nehme meine Zukunft selbst in die Hand. Er nahm sie, und es begannen die letzten sieben Tage der Erde.
Am Morgen des ersten Tages
beschloss der Mensch, frei zu sein und gut, schön und glücklich. Nicht mehr Ebenbild eines Gottes, sondern ein Mensch. Und weil er etwas glauben musste, glaubte er an die Freiheit und an das Glück, an Zahlen und Mengen, an die Börse und den Fortschritt, an die Planung und seine Sicherheit. Denn zu seiner Sicherheit hatte er den Grund zu seinen Füßen gefüllt mit Raketen und Atomsprengköpfen.
Am zweiten Tage
starben die Fische in den Industriegewässern, die Vögel am Pulver aus der chemischen Fabrik, das den Raupen bestimmt war, die Feldhasen an den Bleiwolken von der Straße, die Schoßhunde an der schönen roten Farbe der Wurst, die Heringe am Öl auf dem Meer und an dem Müll auf dem Grunde des Ozeans. Denn der Müll war aktiv.
Am dritten Tage
verdorrte das Gras auf den Feldern und das Laub an den Bäumen, das Moos an den Felsen und die Blumen in den Gärten. Denn der Mensch machte das Wetter selbst und verteilte den Regen nach genauem Plan. Es war nur ein kleiner Fehler in dem Rechner, der den Regen verteilte. Als sie den Fehler fanden, lagen die Lastkähne auf dem trockenen Grund des schönen Rheins.
Am vierten Tage
gingen drei von vier Milliarden Menschen zugrunde. Die einen an den Krankheiten, die der Mensch gezüchtet hatte, denn einer hatte vergessen, die Behälter zu schließen, die für den nächsten Krieg bereitstanden. Und ihre Medikamente halfen nichts. Die hatten zu lange schon wirken müssen in Hautcremes und Schweinelendchen. Die anderen starben am Hunger, weil etliche von ihnen den Schlüssel zu den Getreidesilos versteckt hatten. Und sie fluchten Gott, der ihnen doch das Glück schuldig war. Er war doch der liebe Gott!
Am fünften Tage
drückten die letzten Menschen den roten Knopf, denn sie fühlten sich bedroht. Feuer hüllte den Erdball ein, die Berge brannten, die Meere verdampften, und die Betonskelette in den Städten standen schwarz und rauchten. Und die Engel im Himmel sahen, wie der blaue Planet rot wurde, dann schmutzig braun und schließlich aschgrau. Und sie unterbrachen ihren Gesang für zehn Minuten.
Am sechsten Tage
ging das Licht aus. Staub und Asche verhüllten die Sonne, den Mond und die Sterne. Und die letzte Küchenschabe, die in einem Raketenbunker überlebt hatte, ging zugrunde an der übermäßigen Wärme, die ihr gar nicht gut bekam.
Am siebten Tage
war Ruhe. Endlich. Die Erde war wüst und leer, und es war finster über den Rissen und Spalten, die in der trockenen Erdrinde aufgesprungen waren. Und der Geist des Menschen irrlichterte als Totengespenst über dem Chaos. Tief unten in der Hölle aber erzählte man sich die spannende Geschichte von dem Menschen, der seine Zukunft in die Hand nahm, und das Gelächter dröhnte hinauf bis zu den Chören der Engel.
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Bilderbeschreibung
Die Collage verwandelt Jörg Zinks "Die letzten sieben Tage der Schöpfung" in eine Abfolge eindringlicher Bilder. Von oben nach unten wird die Erde immer dunkler, zerstörter und lebensfeindlicher, sodass die Bildfolge wie eine Umkehrung der biblischen Schöpfungsgeschichte wirkt.
Das große Bild oben - Der Mensch nimmt seine Zukunft in die Hand
Im Mittelpunkt steht ein moderner Mensch, der selbstbewusst nach oben blickt. In seiner Hand hält er die Erde - ein kraftvolles Symbol dafür, dass der Mensch glaubt, die Zukunft des Planeten selbst bestimmen zu können. Hinter ihm erhebt sich eine moderne Großstadt mit Hochhäusern und Baukränen; ein steil nach oben zeigender Pfeil steht für Wirtschaftswachstum, Fortschritt und die Herrschaft der Zahlen. Auf der anderen Seite reihen sich Raketen und atomare Sprengköpfe aneinander. Fortschritt und Vernichtung liegen unmittelbar nebeneinander. Das Bild verkörpert den verhängnisvollen Satz: "Ich nehme meine Zukunft selbst in die Hand."
1. Bild - Der erste Tag: Glück, Fortschritt und Sicherheit
Ein Mann steht mit weit ausgebreiteten Armen vor einer leuchtenden Sonne. Seine Haltung strahlt Selbstbewusstsein, Freiheit und beinahe grenzenlosen Optimismus aus. Im Hintergrund liegt die moderne Stadt; ein übergroßes lachendes Gesicht symbolisiert das Versprechen von Glück und Wohlstand. Doch unmittelbar vor ihm liegen zahlreiche Raketen. Darin liegt die bittere Ironie: Während der Mensch von Freiheit, Glück, Fortschritt und Sicherheit träumt, gründet er seine Sicherheit auf Waffen, Abschreckung und Vernichtungsmacht.
2. Bild - Der zweite Tag: Das Sterben der Tiere
Eine düstere Industrielandschaft prägt den Hintergrund. Fabrikschlote stoßen schwarze Rauchwolken aus. Aus einem großen Rohr fließt eine dunkle Flüssigkeit direkt ins Gewässer. Im Vordergrund liegen tote oder sterbende Tiere: Fische, ein Vogel und ein Hase. Müll und giftige Abfälle bedecken Wasser und Ufer. Ein Behälter mit Totenkopfsymbol weist auf chemische Gifte hin. Die Natur wird zum Opfer einer Wirtschaftsweise, die ihre Abfälle und Gifte bedenkenlos in die Umwelt entlässt.
3. Bild - Der dritte Tag: Die verdorrende Erde
Die Landschaft ist ausgetrocknet. Der Boden ist tief aufgerissen, Blumen hängen kraftlos ihre Köpfe, ein Baum trägt kaum noch Leben. Wo einst Wasser floss, ruhen Schiffe fast auf dem trockenen Flussbett. Am Horizont fällt zwar Regen, doch er erreicht die verdorrte Landschaft nicht. Das Bild greift Zinks Vorstellung vom Menschen auf, der sogar das Wetter kontrollieren und den Regen "nach genauem Plan" verteilen möchte. Die Natur, die der Mensch vollständig beherrschen wollte, entgleitet ihm aus den Händen.
4. Bild - Der vierte Tag: Krankheit und Hunger
Eine zerstörte, graue Stadt bildet den Hintergrund. Menschen bewegen sich durch eine trostlose Umgebung. Im Vordergrund sitzt ein völlig entkräfteter, hungernder Mensch zusammengekauert auf dem Boden. Daneben liegen Medikamente und medizinische Utensilien; eine Kiste mit rotem Kreuz erinnert an verzweifelte Versuche, Krankheit und Leiden einzudämmen. Im Hintergrund steht ein riesiger verschlossener Speicher. Die überdimensionale Kette macht deutlich: Nahrung wäre vorhanden, doch der Zugang zu ihr ist versperrt. So verbindet das Bild die beiden Katastrophen dieses Tages: Krankheit und Hunger.
5. Bild - Der fünfte Tag: Der rote Knopf
Eine menschliche Hand drückt auf einen roten Knopf. Über einer Stadt steigt ein gewaltiger atomarer Feuerball empor. Gebäude stehen in Flammen, der Himmel glüht glutrot, das Symbol der Radioaktivität weist unmissverständlich auf die Ursache der Katastrophe hin. Hier erreicht die Selbstüberschätzung des Menschen ihren Höhepunkt. Aus Angst vor Bedrohung vernichtet er das, was er eigentlich schützen wollte. Der Mensch, der seine Zukunft sichern wollte, zerstört sie letztlich selbst.
6. Bild - Der sechste Tag: Das Licht geht aus
Fast alle Farben sind verschwunden. Eine schwarze, zerstörte Stadt liegt unter einem von Staub und Asche verdunkelten Himmel. Sonne, Mond und Sterne sind kaum noch sichtbar. Die Welt versinkt in unheimlicher Finsternis. Im Vordergrund krabbelt eine einzelne Küchenschabe über den aufgerissenen Boden. Sie ist das letzte Zeichen tierischen Lebens. Daneben steht ein bunkerartiges Gebäude mit einem Radioaktivitätszeichen. Die Schöpfung ist fast vollständig ausgelöscht.
7. Bild - Der siebte Tag: Die Erde ist wieder "wüst und leer"
Im linken Teil des Schlussbildes zeigt sich eine schwarze, tote Landschaft. Ruinen ragen aus dem Boden, die Erde ist aufgerissen. Über dieser zerstörten Welt schwebt eine geisterhafte menschliche Gestalt. Sie steht für den "Geist des Menschen", der nun ohne Leib und ohne Zukunft über das selbst geschaffene Chaos irrt. Der rechte Teil setzt Zinks bitter-satirischen Schluss bildhaft um: Unten herrscht eine feurige Höllenszene; dämonische Gestalten lachen und feiern angesichts der vom Menschen selbst verursachten Katastrophe. Darüber erscheinen die Chöre der Engel. Himmel und Hölle rücken einander gegenüber. Das höhnische Gelächter aus der Tiefe bildet den makabren Schlussakkord der Geschichte.
Die Gesamtbotschaft der Collage
Die Collage beginnt mit einer blauen, lebendigen Erde in der Hand des Menschen und endet mit einer schwarzen, aufgerissenen und menschenleeren Erde. Genau hierin liegt ihre stärkste Aussage. Die sieben Tage sind die Umkehrung von Genesis 1. In der biblischen Schöpfungsgeschichte schafft Gott Schritt für Schritt Licht, Wasser, Pflanzen, Tiere und Menschen. Am siebten Tag ruht Gott angesichts einer lebendigen Schöpfung. Bei Jörg Zink geschieht das Gegenteil: Der Mensch zerstört Schritt für Schritt Tiere, Pflanzen, Wasser, Mitmenschen, Himmel und schließlich sich selbst. Auch hier herrscht am siebten Tag Ruhe - doch es ist nicht der Friede einer vollendeten Schöpfung, sondern die Totenstille nach ihrer Vernichtung.
So stellt die Collage letztlich eine bedrängende Frage an uns: Was machen wir mit der Erde, die uns nicht zum Besitz, sondern zur Bewahrung anvertraut ist?
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