Gott hat sich verliebt in mich
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Gott hat sich verliebt in mich

'Kein Ding ist hier noch dort, das schöner ist als ich, weil Gott, die Schönheit selbst, sich hat verliebt in mich.'

Auf den ersten Blick mag dieser Satz des Mystikers Angelus Silesius fast provozierend wirken. Ist das nicht grenzenlose Selbstüberschätzung? Klingt das nicht nach Stolz oder gar nach Narzissmus? Doch genau das Gegenteil ist gemeint. Angelus Silesius sagt nicht: Ich bin schöner als alle anderen. Er behauptet auch nicht, besser, klüger oder wertvoller zu sein.

Er sagt etwas viel Tiefgründigeres: Meine Schönheit liegt darin, dass Gott mich liebt. Von klein auf lernen viele Menschen, ihren Wert an äußeren Merkmalen zu messen. Bin ich erfolgreich genug? Bin ich gesund genug? Bin ich jung genug? Bin ich klug genug? Bin ich attraktiv genug? Leiste ich genug? Fast unser ganzes Leben wird zu einem Wettbewerb. Doch Gottes Blick funktioniert ganz anders.

Wenn eine Mutter ihr schlafendes Kind betrachtet, fragt sie nicht nach Noten oder Erfolgen. Sie sieht einfach ihr Kind - und liebt es.

So schaut Gott auf jeden Menschen. Nicht unsere Leistung macht uns schön. Nicht unser Aussehen. Nicht unsere Frömmigkeit. Nicht unsere Fehlerlosigkeit. Sondern Gottes Liebe. Darum konnte Jesus Menschen ansehen, die von allen anderen verachtet wurden. Er sah Zachäus. Er sah Maria Magdalena. Er sah den Zöllner. Er sah den Aussätzigen. Er sah den Verbrecher am Kreuz. Andere sahen Sünder. Jesus sah geliebte Menschen. Er blickte tiefer als ihre Schuld. Er sah in ihr Herz. Vielleicht erinnert uns das an das Wort aus dem ersten Buch Samuel: 'Der Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz.' (1 Samuel 16,7)

Angelus Silesius spricht von Schönheit. Doch Gottes Schönheit ist keine Schönheit der Oberfläche. Sie ist das Leuchten eines Menschen, der weiß: Ich bin gewollt. Ein Mensch kann alt und wunderschön sein. Ein Mensch kann krank und wunderschön sein. Ein Mensch kann Narben tragen und wunderschön sein. Ein Mensch kann arm und wunderschön sein. Denn Schönheit entsteht dort, wo Liebe wohnt.

Wie viele Menschen leben dagegen mit einem gebrochenen Herzen. Sie hören seit ihrer Kindheit: Du genügst nicht. Du bist nichts Besonderes. Du bist eine Enttäuschung. Du bist nicht liebenswert. Solche Worte können ein ganzes Leben begleiten. Und irgendwann glaubt man ihnen. Man sieht sich selbst nur noch mit den Augen der Kritik. Doch Gott sieht uns mit ganz anderen Augen. Nicht mit dem prüfenden Blick eines Richters. Sondern mit dem Blick eines Liebenden.

Angelus Silesius wagt deshalb ein ungeheures Bild: Gott hat sich in mich verliebt. Das ist keine romantische Schwärmerei. Es ist eine Sprache für das Unaussprechliche. Gott liebt den Menschen nicht aus Pflicht. Nicht aus Mitleid. Nicht weil er muss. Sondern mit der ganzen Leidenschaft seiner Liebe. So wie Jesus das verlorene Schaf sucht. So wie der Vater seinem verlorenen Sohn entgegenläuft. So wie der gute Hirte sein Leben für die Schafe gibt.

Wer auf das wirklich vertraut, muss sich nicht mehr ständig beweisen. Er muss nicht größer sein als andere. Er muss niemanden kleinmachen. Er muss keine Masken tragen. Denn sein Wert steht längst fest. Nicht durch Menschen. Sondern durch Gott.

Gerade deshalb wird ein solcher Mensch frei, auch andere schön zu sehen. Wer weiß, dass Gott sich in ihn verliebt hat, erkennt: Gott hat sich ebenso in jeden anderen Menschen verliebt. Dann beginnt Ehrfurcht. Dann verschwindet Überheblichkeit. Dann begegnen wir einander mit Achtung. Denn jeder Mensch trägt Gottes Schönheit in sich.

Vielleicht liegt hierin eines der tiefsten Geheimnisse des Evangeliums. Jesus fordert uns nie auf, uns selbst zu verachten. Er lädt uns ein, Gottes Liebe anzunehmen. Denn nur wer sich geliebt weiß, kann lieben. Nur wer sich angenommen weiß, kann andere annehmen. Nur wer Gottes Schönheit in sich entdeckt, beginnt auch die Schönheit der Welt und der Mitmenschen wahrzunehmen.

Darum ist der Satz von Angelus Silesius kein Ausdruck von Stolz. Er ist ein Lied der Dankbarkeit. Er könnte auch so lauten: Ich bin schön, nicht weil ich vollkommen bin. Ich bin schön, weil Gottes Liebe auf mir ruht. Und das gilt nicht nur für wenige. Es gilt für jeden Menschen. Für den jungen und den alten. Für den gesunden und den kranken. Für den erfolgreichen und den irdisch betrachtet gescheiterten. Für den fröhlichen und den verzweifelten. Denn Gottes Liebe macht den Menschen schön.