Texterläuterung zu Matthäus 9, 35-38 und 10, 1

Text: Matthäusevangelium 9, 35-38 und 10, 1 - Übersetzung: Elberfelder Bibel

35 Und Jesus zog umher durch alle Städte und Dörfer und lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium des Reiches und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen. 36 Als er aber die Volksmengen sah, wurde er innerlich bewegt über sie, weil sie erschöpft und verschmachtet waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. 37 Dann spricht er zu seinen Jüngern: Die Ernte zwar ist groß, die Arbeiter aber sind wenige. 38 Bittet nun den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter aussendet in seine Ernte! 10,1 Und als er seine zwölf Jünger herangerufen hatte, gab er ihnen Vollmacht über unreine Geister, sie auszutreiben und jede Krankheit und jedes Gebrechen zu heilen.

Texterläuterung

Jesus ist unterwegs. Nicht nur auf den großen Straßen, nicht nur an den bekannten Orten. Er geht durch die Dörfer Galiläas, durch enge Gassen, über staubige Wege, vorbei an Werkstätten, Feldern und kleinen Häusern. Er bleibt nicht auf Distanz. Er sucht die Nähe der Menschen. Man spürt beim Lesen dieses Evangeliums die vielen Begegnungen, die Stimmen der Kranken, das Flüstern der Hoffenden, das Schreien der Verzweifelten.

Matthäus erzählt nicht von einem Jesus, der nur predigt oder nur heilt. Beides gehört zusammen. Jesus spricht von Gottes Reich - und zugleich macht er dieses Reich spürbar. Wenn er Kranke berührt, wenn er Menschen aufrichtet, wenn er Verzweifelte ansieht, dann wird sichtbar: Gottes Liebe bleibt nicht Theorie. Sie wird Nähe. Sie wird heilende Gegenwart.

Und dann geschieht etwas Bemerkenswertes. Mitten in all den Begegnungen richtet sich der Blick Jesu nicht zuerst auf einzelne Schicksale, sondern auf die Menschenmenge insgesamt. Er sieht die vielen Gesichter. Menschen, die müde geworden sind vom täglichen Überlebenskampf. Menschen, die innerlich erschöpft sind. Menschen, die religiös belehrt wurden, aber keine Orientierung mehr finden. Menschen, die sich verloren fühlen in ihrer Angst, ihrer Schuld, ihrer Hoffnungslosigkeit/p>.

Matthäus beschreibt diesen Blick Jesu mit einem tiefen Wort: Jesus empfindet Empathie. Aber dieses Mitleid ist nicht bloß Bedauern aus sicherer Entfernung. Das griechische Wort meint ein Ergriffenwerden bis ins Innerste. Etwas geht Jesus 'an die Eingeweide', würden wir heute vielleicht sagen. Das Leid der Menschen bleibt ihm nicht äußerlich. Er lässt sich davon berühren. Darum verwendet Jesus das Bild von den Schafen ohne Hirten. Für die Menschen seiner Zeit war das ein starkes Bild. Schafe ohne Hirten sind schutzlos. Sie verirren sich. Sie finden keine Weide, kein Wasser, keine Sicherheit. In der Bibel steht der Hirte oft für Fürsorge, für Orientierung, für Menschen, die Verantwortung tragen. Jesus sieht also nicht nur individuelles Leid. Er sieht eine Welt, in der vielen die Richtung verloren gegangen ist. Eine Welt, in der Menschen Orientierung suchen und niemanden finden, der sie wirklich zum Leben führt.

Dann spricht Jesus von einer Ernte. Das wirkt zunächst überraschend. Eben noch ging es um erschöpfte Schafe - nun um eine große Ernte. Aber beide Bilder gehören zusammen. Jesus sieht in den Menschen nicht nur ihre Verlorenheit. Er sieht auch ihre Sehnsucht. Er sieht, wie viele Herzen offen sind für Hoffnung, für Liebe, für einen neuen Anfang. Die Ernte ist groß - das bedeutet: Da ist unendlich viel verborgenes Leben, viel Bereitschaft, viel Hunger nach Sinn und Heil.

Nur die Arbeiter sind wenige. Damit meint Jesus nicht religiöse Spezialisten. Gemeint sind Menschen, die bereit sind, sich senden zu lassen. Menschen, die andere nicht beherrschen, sondern ihnen dienen. Menschen, die mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Welt gehen. Menschen, die Hoffnung weitertragen.

Darum endet der Abschnitt nicht mit einer fertigen Lösung, sondern mit einer Bitte: 'Bittet den Herrn der Ernte.' Noch bevor die Jüngerinnen und Jünger handeln sollen, sollen sie beten. Denn die Arbeit am Menschenreich Gottes beginnt nicht mit Aktivismus, sondern mit einem offenen Herzen. Wer betet, lernt die Welt mit den Augen Jesu zu sehen: nicht als Masse, nicht als Problem, sondern als Menschen voller Sehnsucht, voller Verletzlichkeit und voller verborgener Möglichkeiten.

Darin liegt die Aktualität dieses Evangeliums. Auch heute leben viele Menschen erschöpft und orientierungslos. Viele funktionieren nach außen und fühlen sich innerlich leer. Viele sehnen sich nach jemandem, der ihnen wirklich zuhört, sie wahrnimmt, sie nicht bewertet. Das Evangelium erzählt von Jesus, der genau hinsieht. Der sich berühren lässt. Und der Menschen sucht, die seine Art des Sehens weitertragen.

Das Schlüsselwort

Gott ist Empathie

Esplagchnísthê oder: Jesus der Seelsorger

Gottes Geist kennt keine Hierarchie - Über das Ende geistlicher Machtfantasien