Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte ...
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Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte ...

Ein siebenundachtzig Jahre alter Mann wird von seinem Enkel gefragt: "Opa, wenn du dein Leben noch einmal von vorne beginnen könntest, würdest du dann alles wieder genauso machen?"

Der alte Mann lächelte. "Nein", sagte er, "nein, mein Junge. Vieles würde ich anders machen." Er schwieg einen Augenblick. "Als ich jung war, glaubte ich, ich hätte unendlich viel Zeit. Ich wollte etwas erreichen, etwas werden, etwas aufbauen. Ich arbeitete, sparte, plante. Es gab immer etwas zu tun, ein Ziel, das ich erreichen wollte. Ich dachte, wenn ich erst genug verdient hätte, wenn das Haus abbezahlt wäre, wenn die Kinder groß wären, wenn ich endlich in Pension wäre - dann würde das eigentliche Leben beginnen. Aber das Leben hat nicht gewartet. Es fand statt, während ich mich auf das Später vorbereitete." Ein trauriges Lächeln spielte um seine Lippen. "Ich war stolz auf unser Haus, auf den Garten, den ich gepflegt hatte, auf das Auto, das ich mir endlich leisten konnte. Ich wollte, dass es meiner Familie an nichts fehlt. Heute weiß ich: Manchmal hat es ihnen gerade an mir gefehlt. Meine Frau, deine Oma, sagte oft: "Setz dich doch ein wenig zu mir. Die Arbeit läuft dir nicht davon." Aber ich hatte immer noch etwas zu tun. Heute würde ich mich viel öfter zu ihr setzen. Ich würde ihr zuhören, selbst wenn sie etwas erzählte, das ich schon dreimal gehört hatte. Ich würde ihre Hand nehmen, ohne einen besonderen Anlass. Und ich würde ihr viel öfter sagen, wie glücklich ich bin, dass es sie gibt. Als sie gestorben ist, war unser Haus längst abgezahlt. Aber was hätte ich gegeben, um noch einen einzigen Abend mit ihr verbringen zu dürfen!" Seine Stimme wurde leiser. "Weißt du, was mir heute am meisten fehlt? Nicht die großen Ereignisse, nicht die Urlaubsreisen, nicht die Feste. Mir fehlt, wie sie morgens in der Küche stand und Kaffee machte, wie sie manchmal vor sich hin summte, wie sie lachte, wenn ich einen Witz erzählte. Damals waren das gewöhnliche Augenblicke. Heute sind sie meine kostbarsten Erinnerungen."

Er schaute seinen Enkel an. "Auch mit meinen Kindern würde ich mehr Zeit verbringen. Ich würde öfter mit ihnen spielen, statt zu sagen: "Jetzt nicht, ich habe keine Zeit" Ich würde ihnen mehr zuhören und weniger Vorschriften machen. Und wenn eines von ihnen mit einer schlechten Schulnote nach Hause gekommen wäre, hätte ich nicht gefragt: "Warum hast du nicht besser gelernt?" Ich hätte zuerst gefragt: "Bist du traurig?"

Viel zu lange glaubte ich, dass ein Mensch vor allem leisten müsse. Heute weiß ich, dass ein Mensch viel mehr braucht als Anerkennung für seine Leistungen. Er braucht jemanden, bei dem er einfach er selbst sein darf."

Der Enkel hörte aufmerksam zu. "Gibt es noch etwas, das du anders machen würdest?" "Ja", antwortete der alte Mann. "Ich würde mich weniger ärgern. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viel Lebenszeit ich mit Ärger verprasst habe. Über Menschen, die anderer Meinung waren. Über Dinge, die nicht so liefen, wie ich es wollte. Über Kleinigkeiten, an die ich mich heute nicht mehr erinnere. Manchmal habe ich tagelang nicht mit jemandem gesprochen, weil ich mich gekränkt fühlte. Heute frage ich mich: Wozu? Was habe ich dadurch gewonnen? Ich würde mich früher entschuldigen, leichter verzeihen und nicht mehr glauben, jeden Streit gewinnen zu müssen. Denn manchmal verliert man gerade dann einen Menschen, wenn man unbedingt Recht behalten will."

Er nahm einen Schluck Wasser. "Und ich würde mutiger leben. Nicht leichtsinniger, aber mutiger. Manches habe ich nicht getan, weil ich Angst hatte, was andere denken könnten. Ich wollte niemanden enttäuschen, dazugehören, angesehen sein. Heute weiß ich: Es ist ein trauriges Leben, wenn man ständig versucht, den Erwartungen anderer zu entsprechen und dabei vergisst, auf sein eigenes Herz zu hören. Ich würde öfter Nein sagen zu Dingen, die mir nicht guttun, und öfter Ja zu dem, was mich lebendig macht. Ich würde mehr singen, auch wenn ich falsch singe. Mehr lachen, auch über mich selbst. Ich würde öfter einen Sonnenuntergang betrachten, ohne schon an morgen zu denken. Und ich würde mir mehr Zeit nehmen für die Natur. Für die Bäume, die Blumen, die Vögel. Für alles, was lebt und mit uns diese Erde teilt. Früher habe ich vieles nur angesehen. Heute versuche ich, es wirklich zu sehen."

Es wurde wieder still. Dann sagte er: "Weißt du, was mich am meisten überrascht, wenn ich auf mein Leben zurückblicke?" Der Enkel schüttelte den Kopf. "Es sind nicht die Dinge, auf die ich früher besonders stolz war, die mich heute am glücklichsten machen. Es sind die Momente, in denen ich für jemanden da sein konnte. Ich erinnere mich an einen Arbeitskollegen, dessen Frau schwer krank war. Eines Abends habe ich ihn besucht. Wir haben kaum gesprochen, ich bin einfach bei ihm geblieben. Jahre später sagte er mir, wie viel ihm dieser Abend bedeutete. Ich denke an eine alte Nachbarin, für die ich manchmal eingekauft habe. Sie hat sich jedes Mal so gefreut, wenn ich gekommen bin. Und an einen Mann, dem ich half, als er in großer Not war. Er umarmte mich und weinte. Damals dachte ich, das seien Kleinigkeiten. Heute weiß ich: Das waren keine Kleinigkeiten. Das waren einige der wichtigsten Stunden meines Lebens."

Der alte Mann blickte auf seine Hände. "Merkwürdig, nicht wahr? Von so vielem, um das ich mich bemüht habe, ist kaum etwas geblieben. Aber die Menschlichkeit, die ich erfahren habe, ist noch da. Und die Zuwendung, die ich anderen schenken durfte, auch. Manchmal denke ich, dass am Ende eines Menschen vor allem das bleibt, was er an Güte in die Welt gebracht hat. Und eines fällt mir noch ein, was ich viel mehr tun würde, wenn ich noch einmal von vorne beginnen könnte: Zeit unverzweckt zu verbringen, einfach nur da sein. Rückblickend sehe ich, dass ich die Stunden in meinem Leben, in denen ich gar nichts gemacht habe, zu den intensivsten und kostbarsten Stunden meines Lebens gehörten."

Leise fragte der Enkel: "Und was ist mit Gott, Opa?" Der alte Mann lächelte. "Auch über Gott denke ich heute ganz anders als früher. Als Kind wurde mir oft gesagt, Gott sehe alles, was ich tue, und eines Tages müsse ich Rechenschaft ablegen. Das erzeugte Angst in mir. Heute glaube ich, dass Gott mein Leben mit ganz anderen Augen betrachtet, als ich früher dachte. Ich glaube, er würde mich fragen: Ist durch dein Leben ein wenig mehr Menschlichkeit in die Welt gekommen?"

Er legte seine Hand auf die seines Enkels. "Wenn ich dir etwas mitgeben darf, dann dies: Warte nicht darauf, dass irgendwann das eigentliche Leben beginnt. Es beginnt nicht erst, wenn du alles erreicht hast. Es ist jetzt. In diesem Augenblick. In einem guten Gespräch, einer Umarmung, einem versöhnlichen Wort. In einem stillen Morgen, im Gesang eines Vogels, in der Freude, einfach da zu sein. Verschiebe Wesentliches nicht auf später."

Dann verstummte er. Der Enkel saß noch eine gute Weile bei ihm. Dann fragte er: "Opa, wenn du dein Leben noch einmal beginnen könntest, was wäre dann dein größter Wunsch?" Der Opa drückte die Hand seines Enkels. "Weißt du, was das Schöne ist? Ich muss nicht noch einmal von vorne beginnen. Solange ich lebe, kann ich heute damit anfangen, was ich bis gestern zu wenig gemacht habe."