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Wenn du nur noch einen Tag zu leben hättest
In einer Gesprächsrunde beschäftigten sich verschiedene Menschen mit der Frage: "Stell dir vor, du wüsstest mit Gewissheit, dass du nur noch einen einzigen Tag zu leben hast. Vierundzwanzig Stunden. Nicht mehr. Wie würdest du diesen Tag verbringen?"
"Ich bin zweiundfünfzig Jahre alt", begann ein Geschäftsmann. "Ich leite ein Unternehmen. Mein Terminkalender ist voll. Oft arbeite ich zehn, zwölf Stunden am Tag. Ich bin stolz auf das, was ich aufgebaut habe. Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte, würde ich wahrscheinlich zum ersten Mal seit vielen Jahren mein Handy ausschalten. Ich würde keine E-Mails beantworten, keine Besprechungen besuchen und keine geschäftlichen Entscheidungen mehr treffen. Ich würde mit meiner Frau frühstücken. Ganz gemütlich, ohne ständig auf die Uhr zu schauen. Dann würde ich meine Kinder anrufen und sie bitten, zu kommen. Wir würden gemeinsam essen, miteinander reden und vielleicht alte Fotos anschauen. Ich würde ihnen erzählen, wie glücklich ich war, als sie geboren wurden, wie stolz ich auf sie bin und wie leid es mir tut, dass ich mir nicht mehr Zeit für sie genommen habe. Wahrscheinlich würde ich an diesem letzten Tag etwas entdecken, das ich mein ganzes Leben lang übersehen habe: Ich habe so viel Zeit damit verbracht, für meine Familie zu arbeiten, dass ich manchmal vergessen habe, mit meiner Familie zu leben."
Eine Frau von achtundsiebzig Jahren ergriff das Wort. "Meine Schwester und ich sprechen seit zwölf Jahren nicht mehr miteinander. Wir haben uns wegen einer Erbschaft zerstritten. Damals sind böse Worte gefallen, die wir beide nicht mehr zurücknehmen konnten. Anfangs war ich wütend, dann verletzt und schließlich zu stolz, um den ersten Schritt zu machen. Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte, würde ich sie anrufen. Ich würde nicht mehr darüber diskutieren, wer damals Recht hatte. Ich würde nicht mehr versuchen, ihr zu beweisen, dass sie mich ungerecht behandelt hat. Ich würde einfach sagen: "Du bist meine Schwester. Wir haben als Kinder miteinander gespielt, gelacht und geweint. Wir haben so viele schöne Jahre miteinander verbracht. Soll das alles wegen eines Streits vergessen sein?" Und dann würde ich sie fragen, ob ich sie noch einmal umarmen darf. Vielleicht würde sie Nein sagen. Vielleicht wäre sie noch immer verletzt. Aber ich würde es wenigstens versuchen. Denn wenn ich morgen sterben müsste, wäre es mir völlig gleichgültig, wer von uns damals Recht hatte. Ich möchte nur noch wissen, ob zwischen uns wieder Frieden möglich ist." Sie hielt inne. "Eigentlich ist es seltsam. Ich weiß, dass ich eines Tages sterben werde. Trotzdem verschiebe ich diesen Anruf seit zwölf Jahren auf morgen."
Eine Frau von fünfunddreißig Jahren hatte Tränen in den Augen. "Ich habe zwei Kinder. Sie sind fünf und acht Jahre alt. Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte, würde ich ihn mit ihnen verbringen. Ich würde sie nicht in die Schule schicken. Wir würden zusammen frühstücken, vielleicht Pfannkuchen machen, die sie so gerne essen. Dann würden wir hinausgehen: auf den Spielplatz, in den Wald oder einfach in unseren Garten. Ich würde mit ihnen spielen, bis ich nicht mehr könnte. Ich würde sie nicht zur Eile antreiben, mich nicht über schmutzige Schuhe ärgern oder darüber, dass sie ihre Spielsachen liegenlassen. Ich würde ihnen Geschichten erzählen, sie auf meinen Schoß nehmen und ihnen immer wieder sagen, wie lieb ich sie habe. Und am Abend würde ich sie ganz fest umarmen. Ich würde ihnen sagen: "Ihr müsst nicht die Besten sein. Ihr müsst nicht immer alles richtig machen. Ihr seid wunderbar, so wie ihr seid." Wahrscheinlich würde ich ihnen noch einen Brief schreiben, den sie später lesen können. Und dann würde ich mir wünschen, dass sie eines Tages nicht vor allem an meine Ermahnungen denken, sondern daran, dass sie bei mir geborgen waren." Sie lächelte unter Tränen. "Vielleicht sollte ich schon heute weniger schimpfen und sie öfter einfach in meine Arme nehmen."
Ein Mann von vierundzwanzig Jahren meldete sich zu Wort. "Ich glaube, ich würde an meinem letzten Tag etwas tun, wozu ich bisher zu feige war. Ich würde aufhören, mich ständig zu fragen, was andere von mir denken. Ich habe so viel Angst, nicht gut genug zu sein. Ich vergleiche mich mit anderen. Ich möchte erfolgreich sein, gut aussehen, beliebt sein. Ich möchte niemanden enttäuschen. Wenn ich nur noch einen Tag hätte, wäre mir das alles egal. Ich würde den Menschen, die ich liebe, sagen, was sie mir bedeuten. Ich würde einem Freund erzählen, wie schlecht es mir manchmal wirklich geht, statt immer so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Vielleicht würde ich laut singen, mitten auf der Straße. Vielleicht würde ich barfuß durch eine Wiese laufen. Und ich würde zum ersten Mal seit Langem nicht versuchen, jemand anderer zu sein. Ich glaube, ich würde endlich erfahren, wie befreiend es ist, einfach ich selbst sein zu dürfen." Dann fügte er nachdenklich hinzu: "Aber warum sollte ich erst am letzten Tag damit anfangen."
Ein Arzt, der seit über dreißig Jahren in einem Krankenhaus arbeitet, erzählte: "Ich habe mein Leben damit verbracht, Menschen zu helfen. Oft war ich glücklich darüber, manchmal aber habe ich mich dabei selbst verloren. Ich wollte immer gebraucht werden, alles richtig machen und niemanden enttäuschen. Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte, würde ich keine einzige Aufgabe mehr übernehmen. Ich würde mich morgens ans offene Fenster setzen und die frische Luft einatmen. Ich würde den Vögeln zuhören. Dann würde ich mit meiner Frau spazieren gehen, langsam, ohne Ziel. Vielleicht würden wir uns auf eine Bank setzen und einfach schweigen. Ich glaube, ich müsste erst lernen, dass ein Tag auch dann wertvoll ist, wenn ich nichts Besonderes geleistet habe. Dass ich nicht erst etwas tun muss, um jemand zu sein. Dass ich leben darf, ohne meinen Wert ständig beweisen zu müssen." Er schaute in die Runde. "Vielleicht wäre mein letzter Tag der erste, an dem ich mich wirklich ausruhen könnte."
Eine ältere Frau, deren Leben von Krankheit, Verlusten und schweren Enttäuschungen geprägt war, begann leise zu sprechen. "Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte, würde ich nicht versuchen, noch möglichst viel zu erleben. Ich würde mich an all das erinnern, was mir geschenkt worden ist: an meine Mutter, die mich als Kind getröstet hat, an meinen Mann, der mich durch schwere Jahre begleitet hat, an die Menschen, die mir geholfen haben, als ich selbst nicht mehr weiterwusste. Ich würde an die vielen kleinen Freuden denken, die mein Leben reich gemacht haben: an das erste Lächeln meiner Kinder, an den Duft von frisch gebackenem Brot, an Sommerregen, an die Blumen im Garten, an die Freundinnen, mit denen ich so viel gelacht habe. Ich würde auch an das Schwere denken, aber ich würde versuchen, mich nicht mehr daran festzuklammern. Ich möchte nicht mit Bitterkeit aus dem Leben gehen. Ich möchte mich verabschieden können mit den Worten: "Es war nicht alles gut. Aber es war viel Gutes da. Und dafür bin ich dankbar."
Ein älterer Mann erzählte: "Ich lebe allein. Meine Frau ist vor einigen Jahren gestorben, und meine Kinder wohnen weit weg. Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte, würde ich natürlich mit ihnen sprechen wollen. Aber dann würde ich wahrscheinlich noch etwas anderes tun. In unserer Straße lebt ein Mann, der kaum Besuch bekommt. Er sitzt oft allein vor seinem Haus. Ich würde zu ihm gehen und mich zu ihm setzen. Vielleicht würde ich ihm etwas mitbringen: einen Kuchen oder eine Tasse Kaffee. Wir würden miteinander reden. Vielleicht würde er mir wieder dieselben Geschichten erzählen wie beim letzten Mal. Das wäre mir egal. Ich würde einfach versuchen, ihm einen schönen Nachmittag zu schenken. Denn ich habe in meinem Leben erfahren: Manchmal wird man gerade dann glücklich, wenn man einem anderen Menschen etwas Gutes tut. Und wenn es mein letzter Tag wäre, würde ich ihn nicht nur für mich selbst leben wollen."
Schließlich meldete sich eine Frau, die ihr ganzes Leben lang religiös gewesen war. "Früher hätte ich auf diese Frage anders geantwortet. Ich hätte gesagt: Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte, würde ich beichten, beten, meine Sünden bereuen und versuchen, mich auf die Begegnung mit Gott vorzubereiten. Ich hätte Angst gehabt, ob ich gut genug war. Heute denke ich anders. Ich würde mich morgens ans Fenster setzen, meine Hände öffnen und sagen: "Gott, da bin ich. Mit allem, was gelungen ist, und allem, was misslungen ist, mit meiner Liebe und meiner Schuld, mit meiner Freude und meinen Tränen. Du kennst mich. Du weißt, wer ich bin. Und ich vertraue darauf, dass du mich liebst." Dann würde ich meinen letzten Tag so leben, wie Jesus es uns gezeigt hat. Ich würde Menschen meine Liebe schenken, mich versöhnen, wo es noch möglich ist, und dankbar sein für alles, was mir geschenkt wurde. Und wenn der Abend käme, würde ich mein Leben in Gottes Hände legen. Nicht aus Angst vor einem strengen Richter, sondern im Vertrauen darauf, dass ich von der Liebe empfangen werde, aus der ich hervorgegangen bin." Sie lächelte. "Vielleicht wäre das mein schönstes Gebet: Danke für mein Leben."
Zum Schluss fragte jemand in der Runde: "Warum leben wir nicht schon heute so, wie wir den letzten Tag verbringen würden?" Niemand antwortete sofort. Schließlich sagte der Geschäftsmann: "Weil wir glauben, dass wir noch unendlich viele Tage vor uns haben." Die alte Frau nickte. "Und weil wir das Wichtigste immer wieder auf morgen verschieben." Der junge Mann fügte hinzu: "Vielleicht leben wir oft so, als wäre das Nebensächliche das Wichtigste." Da sagte die gläubige Frau: "Vielleicht wollte Jesus uns genau das zeigen, als er vom Ende der Welt und vom Gericht sprach. Er stellt uns gedanklich an das Ende, damit wir erkennen, worauf es schon heute ankommt. Nicht auf Reichtum, Erfolg und Ansehen, sondern darauf, ob durch uns ein wenig mehr Güte, Trost und Menschlichkeit in die Welt gekommen sind." Noch lange saßen sie beisammen. Als sie schließlich aufbrachen, nahm die alte Frau ihr Handy aus der Tasche. Sie suchte die Telefonnummer ihrer Schwester. Zwölf Jahre lang hatte sie diesen Anruf aufgeschoben. An diesem Abend wählte sie die Nummer. Denn sie hatte etwas begriffen: Wir müssen nicht wissen, dass morgen unser letzter Tag ist, um heute mit dem Wesentlichen zu beginnen.