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Warum tust du dir das an, Jesus ?
Es ist Abend geworden. Jesus sitzt mit seinen Jüngerinnen und Jüngern am Rand eines kleinen Dorfes, während die Sonne langsam am Horizont verblasst. Ein kühler Wind streicht sanft durch die Bäume und trägt eine Ahnung von Abschied in sich.
Petrus beobachtet Jesus schon eine Weile. Er erkennt die Spuren der Müdigkeit in seinem Gesicht - die vielen Begegnungen, die endlosen Wege und die hitzigen Auseinandersetzungen mit den religiösen Autoritäten haben ihre Spuren hinterlassen. Behutsam entfernen sich die beiden ein Stück von der Gruppe und setzen sich nebeneinander. "Jesus, darf ich dich etwas fragen?" Jesus schenkt ihm ein herzliches Lächeln. "Natürlich, Petrus." "Warum tust du dir das alles an?" Ein fragender Blick trifft ihn. "Du weißt doch, was ich meine", fährt Petrus fort. "Mit deiner Botschaft und deinem Wirken stößt du auf Widerstand. Du machst dir Feinde. Die Schriftgelehrten werfen dir Gotteslästerung vor, die Pharisäer ärgern sich, weil du die Vorschriften des mosaischen Gesetzes teilweise infrage stellst, die Priester fürchten um ihre Macht - und manche wollen dich ganz loswerden."
Ein Moment der Stille legt sich über sie. "Warum hörst du nicht einfach auf? Du könntest weiterhin von Gott erzählen, die Menschen trösten, Kranke heilen, ohne ständig die Mächtigen herauszufordern. Warum musst du dich mit ihnen anlegen? Warum gerade Jerusalem, wo deine Feinde auf dich warten?"
Jesus blickt lange schweigend in die Ferne. "Du meinst es gut mit mir, Petrus." "Natürlich!", erwidert Petrus fast empört. "Du bist mir wichtig. Ich will nicht, dass dir etwas geschieht." "Das weiß ich." "Aber ich verstehe dich nicht. Du hast uns selbst gesagt, dass man dich in Jerusalem gefangen nehmen, verurteilen und töten wird, und trotzdem willst du dorthin gehen. Das ist doch Wahnsinn!"
Jesus legt sanft seine Hand auf Petrus' Schulter. "Sag mir, Petrus: Was soll ich tun, wenn ich sehe, wie Menschen unter der Last ihrer Religion zerbrechen? Wenn sie glauben, Gott liebe sie nur, solange sie alle Vorschriften erfüllen? Soll ich schweigen?"
Petrus schweigt. "Was soll ich tun, wenn eine Frau öffentlich gedemütigt wird, weil man sie für eine Sünderin hält? Soll ich wegsehen, damit ich keinen Ärger bekomme?" "Nein, aber ..." "Wenn ein Kranker seit Jahren glaubt, Gott habe ihn für seine Sünden bestraft, soll ich ihm nicht sagen, dass Gott ihn liebt? Wenn Menschen ausgegrenzt werden, weil sie arm sind, einen schlechten Ruf haben oder den religiösen Erwartungen nicht entsprechen - soll ich mich von ihnen fernhalten, damit die Frommen zufrieden sind?"
Petrus senkt den Kopf. "Jesus, ich verstehe all das. Aber musst du dafür dein Leben aufs Spiel setzen?" "Petrus, glaubst du, ich habe keine Angst?" Überrascht schaut Petrus auf. "Du? Angst?" "Ja. Ich liebe das Leben. Ich liebe die Menschen, die mir begegnen, die Sonne am Morgen, den Duft von frischem Brot, das Lachen der Kinder. Ich möchte leben, Petrus. Oft wünsche ich mir, einfach mit euch durch Galiläa zu ziehen, ohne Feindschaft, ohne Bedrohung, ohne ständige Auseinandersetzungen." "Dann tu es doch!", sagt Petrus eindringlich. "Niemand zwingt dich, nach Jerusalem zu gehen."
Jesus schweigt einen Moment. Dann flüstert er: "Niemand zwingt mich. Auch Gott nicht." Verwundert sieht Petrus ihn an. "Glaubst du, mein Vater im Himmel will, dass ich leide und sterbe? Nein, Petrus. Gott will das Leben, nicht den Tod. Er freut sich über jeden Menschen, der aufatmet, Hoffnung findet und von Angst befreit wird." "Aber warum gehst du dann diesen gefährlichen Weg?" "Weil ich die Menschen nicht im Stich lassen will. Weil ich ihnen nicht nur von Gottes Liebe erzählen möchte. Sie sollen sie erfahren, gerade jene, denen eingetrichtert wurde, vor Gott nichts wert zu sein."
Petrus blickt nachdenklich in die Dämmerung. "Aber wenn sie dich töten, Jesus, dann ist doch alles vorbei." Jesus schüttelt den Kopf. "Ist Liebe vorbei, wenn jemand stirbt, der geliebt hat? Ist Wahrheit ausgelöscht, wenn man den zum Schweigen bringt, der sie sagt? Kann man Gottes Güte begraben?"
Petrus schweigt. "Ich glaube an einen Gott, dessen Liebe stärker ist als alles, was Menschen zerstören können. Selbst der Tod beendet nicht das, was Gott mit uns begonnen hat."
Lange sitzen die beiden schweigend nebeneinander. Schließlich fragt Petrus: "Und was ist mit uns? Sollen wir auch unser Leben aufs Spiel setzen?" Jesus sieht ihn liebevoll an. "Ich verlange nicht, dass jemand den Tod sucht, auch nicht von dir. Aber ich wünsche mir, dass ihr aus Liebe lebt und nicht aus Angst. Dass ihr euch nicht von Furcht bestimmen lasst, wenn ein Mensch eure Hilfe braucht. Dass ihr barmherzig bleibt, selbst wenn andere euch dafür verspotten."
Petrus atmet tief durch. "Ich habe solche Angst, dich zu verlieren." Jesus nimmt seine Hand. "Ich weiß, Petrus. Und ich bin dankbar, dass du mich so lieb hast."
Nach einer Weile erhebt sich Jesus. "Komm, Petrus. Die anderen warten auf uns." Petrus steht auf, noch immer von Furcht begleitet, und gemeinsam gehen sie zurück. Vieles ist ihm noch rätselhaft, doch langsam beginnt er zu ahnen: Jesus geht nicht nach Jerusalem, weil Gott seinen Tod verlangt, sondern weil er die Liebe Gottes selbst angesichts tödlicher Feindschaft den Menschen nicht vorenthalten will. Er geht den Weg der Liebe - bis zum Äußersten, bis zum Preis seines Lebens.