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Wohlstand schenkt Sicherheit
und erleichtert vieles.
Doch er birgt auch eine dunkle Seite:
die Versuchung,
immer mehr zu behalten und abzusichern.
Unmerklich wächst dabei das eigene Ich,
während der Blick für andere kleiner wird.
Jesus sagt:
"Wer sein Leben retten will,
wird es verlieren;
wer aber sein Leben um meinetwillen verliert,
wird es finden."
Wer nur für sich lebt,
mag viel besitzen -
und doch das Wesentliche verpassen.
Denn Leben erfüllt sich nicht im Haben,
sondern im Geben und Nehmen;
nicht im Festhalten, sondern im Loslassen;
nicht im Kreisen um sich selbst,
sondern in der Begegnung mit anderen.
Was wir aus Liebe verschenken,
geht nicht verloren:
Zeit, Hilfe, Empathie, Trost
und Einsatz für soziale Gerechtigkeit.
Wahrer Reichtum liegt darin,
nicht möglichst viel zu besitzen,
sondern möglichst viel Menschlichkeit
zu leben.
Wer sein Leben öffnet und teilt,
verliert nicht - er findet das Leben.
Schattenseite des Wohlstands: Wer nur für sich lebt, verpasst das Leben
Text: Matthäusevangelium 16, 21–27 - Einheitsübersetzung neu
Von da an begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären: Er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten und Hohepriestern und Schriftgelehrten vieles erleiden, er müsse getötet und am dritten Tag auferweckt werden. Da nahm ihn Petrus beiseite und begann, ihn zurechtzuweisen, und sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen! Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. Darauf sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen? Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Herrlichkeit seines Vaters kommen und dann wird er jedem nach seinen Taten vergelten.
Gottes Wort ist uns Orientierung
Jesus spricht einen Satz aus, der zunächst wie ein Widerspruch klingt: "Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden." Wie kann man sein Leben finden, indem man es verliert? Jesus meint damit keineswegs, dass wir unser Leben geringachten sollten. Im Gegenteil: Das Leben ist kostbar. Doch er macht einen wichtigen Unterschied zwischen bloßem Selbsterhalt und wahrhaftigem Leben.
Wir alle sehnen uns danach, unser Leben zu sichern. Wir sorgen vor, möchten gesund bleiben und ausreichend haben, um gut zu leben. Daran ist nichts auszusetzen. Erst wenn die Sorge um uns selbst unser ganzes Leben bestimmt, wird es problematisch. Dann drehen sich unsere Gedanken immer mehr um Fragen wie: Was habe ich davon? Was könnte ich verlieren? Wie kann ich mich absichern? Wie bewahre ich, was ich habe?
Irgendwann kann es passieren, dass wir vieles ›gesichert‹ haben - und doch das eigentliche Leben verpassen. Vor dieser Gefahr warnt Jesus. Der Kontext im Evangelium verdeutlicht es: Jesus kündigt seinen Jüngerinnen und Jüngern an, dass sein Weg ihn nach Jerusalem führen wird, konfrontiert mit Auseinandersetzungen, Leiden und am Ende Sterben durch Gewsalt. Petrus erschrickt und nimmt Jesus beiseite: "Das darf nicht geschehen!" Man kann ihn verstehen - er möchte Jesus schützen. Doch Jesus erkennt darin eine Versuchung: Geh kein Risiko ein. Schütze dich. Rette dich selbst. Das aber hieße, seinen Weg zu verlassen. Stumm zu bleiben, wenn Menschen ausgegrenzt werden. Sich anzupassen, wenn Mächtige ihre Macht missbrauchen. Nicht mehr von einem Gott zu sprechen, dessen Barmherzigkeit keine Grenzen kennt.
Jesus entscheidet sich anders. Er rettet nicht sich selbst. Er bleibt der Liebe treu. Darin offenbart sich der Schlüssel zu seinem Wort: "Wer sein Leben retten will, wird es verlieren." Man kann sein ganzes Leben darauf verwenden, etwas zu sichern: Besitz, Ansehen, Erfolg, Einfluss. Immer noch ein bisschen mehr Vorsorge, eine Spur mehr Sicherheit, noch mehr Kontrolle.
Doch irgendwann stellt sich die Frage: Wann beginnt eigentlich das Leben, für das ich all das sichere? Denn Leben bedeutet mehr als bloßen Selbsterhalt. Leben heißt Beziehung, Vertrauen, Freundschaft, Empathie. Sich berühren lassen. Sich einsetzen. Sich verschenken. Und all das ist nicht ohne Risiko. Wer liebt, kann verletzt werden. Wer vertraut, kann enttäuscht werden. Wer für andere eintritt, kann Nachteile erfahren. Wer für soziale Gerechtigkeit kämpft, macht sich nicht überall beliebt.
Gerade darin erfahren wir etwas Erstaunliches: Wir verlieren etwas - und gewinnen Leben. Eltern schenken ihren Kindern unzählige Stunden des eigenen Lebens. Sind diese Stunden verloren? Ein Mensch begleitet einen Kranken und verzichtet auf Bequemlichkeit. Hat er Leben verloren? Jemand hört einem einsamen Menschen zu, obwohl er anderes vorhatte. Verliert er seine Zeit? Wer sich für einen ungerecht Behandelten einsetzt, obwohl Schweigen bequemer wäre, hat er dadurch verloren? Nach der Logik des Rechnens vielleicht. Nach Jesu Logik nicht.
Denn: Was wir aus Liebe schenken, ist nicht verloren. Aus verschenkter Zeit entsteht Nähe. Aus Empathie wächst Verbundenheit. Aus Geben wird Gemeinschaft. Aus Verzicht kann Freiheit werden. Aus Vertrauen erwächst Leben.
Das erfüllte Leben entsteht nicht dadurch, möglichst viel für sich zu behalten, sondern dadurch, dass ein Teil von uns zu anderen fließen darf.
Auch dieses Wort Jesu wird manchmal missverstanden. Es bedeutet nicht: Suche das Leiden. Das Kreuz preist nicht das Leiden. Jesus sagt vielmehr: Wenn du dich für die Liebe entscheidest, wird dieser Weg nicht immer bequem sein. Liebe hat ihren Preis. Mitmenschlichkeit kostet. Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit tragen Lasten. Jesus geht diesen Weg nicht, weil er leiden will, sondern weil er der Liebe treu bleiben will.
Unser Leben ist wie eine Hand. Solange sie zur Faust geschlossen bleibt, kann sie festhalten, doch niemanden berühren. Erst wenn sie sich öffnet, kann sie geben und empfangen.
Wir können versuchen, unser Leben festzuhalten, abzusichern und nur für uns selbst zu bewahren. Oder wir öffnen unsere Hände. Für einen Menschen. Für soziale Gerechtigkeit. Für Empathie. Für die ganze Schöpfung. Für Gott. Dann geschieht das scheinbar Widersprüchliche, von dem Jesus spricht: Wir geben etwas von unserem Leben her - und entdecken, was Leben wirklich bedeutet. Wir verlieren - und finden. Wir lassen los - und werden reich. Wir verschenken uns - und finden uns selbst.
Am Ende zählt nicht, wie viel von unserem Leben wir retten konnten, sondern wie viel Menschlichkeit durch unser Leben in diese Welt gekommen ist. Darin finden wir das Leben, das Jesus meint: ein Leben, das nicht nur erhalten, sondern erfüllt wird.