Mein ganzes Leben lang war immer alles Sünde
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Mein ganzes Leben lang war immer alles Sünde

Anna erzählt

"Mein ganzes Leben lang war immer alles Sünde."

Diesen Satz sprach Anna oft aus. Meist kam er unvermittelt mitten in ein Gespräch, und jedes Mal klang darin die Erschöpfung eines ganzen Lebens.

Anna war über achtzig. Ihr weißes Haar trug sie kurz, ihre Hände waren schmal und von zarten blauen Adern durchzogen. Wenn sie von früher erzählte, erwachten ihre Augen zum Leben. Dann war sie plötzlich wieder das Mädchen vom Land, das im Sommer barfuß über die Wiesen lief. Sie sprach vom Duft des frisch gemähten Grases, vom Bach hinter dem Elternhaus, in dem sie ihre Füße kühlte, von warmen Abenden, an denen die Erwachsenen noch vor dem Haus saßen und die Kinder nicht ins Bett wollten.

Sie erzählte von ihrem Mann. Mehr als fünfzig Jahre waren sie verheiratet gewesen. Wenn sie seinen Namen aussprach, lag noch immer etwas Warmes in ihrer Stimme. Sie berichtete von ihren Kindern und Enkelkindern, von Festen, kleinen Streitereien, Krankheiten und Versöhnungen - von all dem, was ein langes Leben ausmacht. Dann konnte Anna lachen.

Doch sobald das Gespräch auf Gott kam, änderte sich etwas in ihrem Gesicht. Es wurde stiller. Verschlossener. Wie ein Schatten, der sich langsam über eine Landschaft legte. "Mein ganzes Leben lang war immer alles Sünde", sagte sie dann. Nach einer Weile fügte sie hinzu: "Und bewusst oder unbewusst begleitete mich Angst zu sündigen."

Schon als kleines Mädchen hatte sie gelernt: Gott sieht alles. Er sieht, was du tust. Er hört, was du sagst. Er weiß sogar, was du denkst. du kannst dich vor ihm nirgends verstecken.

Eigentlich hätte darin Trost liegen können: Da ist jemand, der mich niemals aus den Augen verliert, der bei mir ist, auch wenn niemand sonst mich sieht. Aber so hatte Anna Gott nicht kennengelernt. Der Gott ihrer Kindheit war ein anderer. Er war wie ein unsichtbarer Beobachter, der ihr überallhin folgte. Immer da. Immer wach. Immer prüfend. Und irgendwo - so stellte sie sich vor - musste es ein großes Buch geben, in dem nichts vergessen wurde. Kein schlechter Gedanke. Kein heimlicher Wunsch. Keine Sünde. Vor der Beichte saß sie als Mädchen manchmal lange da und erforschte ihr Gewissen. War ich ungehorsam? Habe ich gelogen? Hatte ich schlechte Gedanken? War ich unkeusch? Habe ich etwas getan, das Gott missfällt? Manchmal wusste Anna gar nicht, was sie eigentlich falsch gemacht hatte. Doch das schlechte Gewissen war trotzdem da. Wie ein Stein in der Tasche, den man überallhin mitnimmt.

"Man hat uns so viel Angst gemacht", sagte sie Jahrzehnte später. Tief hatte sich alles in ihre Seele eingegraben, was mit dem sechsten Gebot zu tun hatte. Über Liebe wurde wenig gesprochen. Über Zärtlichkeit gar nicht. Über die Schönheit, einem anderen Menschen nahe zu sein, über das Glück, seinen Körper liebevoll zu berühren und selbst berührt zu werden - darüber hatte Anna so gut wie nichts gehört.

Aber über Sünde hatte sie viel gehört. Über Reinheit. Über Versuchung. Über Schuld.

Dann lernte sie ihren späteren Mann kennen. Sie verliebte sich. Noch im hohen Alter lächelte Anna, wenn sie erzählte, wie er damals auf sie gewartet hatte, wie sie gemeinsam spazieren gingen und wie ihr Herz schneller schlug, wenn er ihre Hand nahm. Sie heirateten. Sie bekamen Kinder. Sie teilten ihr Leben. Und ihr Mann war zärtlich zu ihr. Anna liebte seine Nähe. Doch selbst in den vertrautesten Momenten ihrer Ehe waren sie nicht allein. Da war noch jemand im Raum. Nicht der Gott der Liebe. Der Gott ihrer Angst. Unsichtbar stand er irgendwo im Dunkel ihrer Seele und sah zu.

"Wenn ich mit meinem Mann geschlafen habe", erzählte Anna einmal mit leiser Stimme, "hatte ich meist ein schlechtes Gewissen." Sie sah auf ihre Hände. "Obwohl wir verheiratet waren. Obwohl wir uns liebten." Dann schwieg sie lange. ""Irgendetwas in mir sagte immer: Pass auf. Vielleicht ist das Sünde." Sie schüttelte langsam den Kopf. "Eigentlich ist das furchtbar. Du liegst neben dem Menschen, den du liebst. Du spürst seine Wärme. Du bist ihm nah. Eigentlich könntest du einfach glücklich und dankbar sein. Aber stattdessen fragst du dich, ob Gott vielleicht gerade etwas gegen dich hat."

Mehr als ein halbes Jahrhundert war vergangen. Ihr Mann war inzwischen gestorben. Sein Platz am Tisch blieb leer. Seine Jacke hing nicht mehr an der Garderobe. Seine Schritte hallten nicht mehr im Flur. Nur auf der Kommode stand noch sein Foto.

Eines Abends saß Anna allein im Wohnzimmer. Draußen sank die Dunkelheit herab. Das letzte Licht des Tages legte sich auf die Möbel. Die Uhr an der Wand tickte. Anna nahm das Foto ihres Mannes in die Hand. Lange betrachtete sie sein Gesicht. Und plötzlich tauchte ein Satz in ihr auf. Ein Satz Jesu, den sie seit ihrer Kindheit kannte. Fürchtet euch nicht. Wie oft hatte sie diese Worte gehört! In der Kirche. In Lesungen. In Predigten. Doch an diesem Abend war es, als hörte sie sie zum ersten Mal. Fürchte dich nicht, Anna. Sie schloss die Augen. "Wie soll ich mich nicht fürchten?", flüsterte sie. Und plötzlich begann sie mit Jesus zu reden, so wie man mit jemandem spricht, dem man nichts mehr vorspielen muss. "Man hat mir beigebracht, dass Gott alles sieht. Dass er alles weiß. Dass er alles aufschreibt. Dass ich einmal vor ihm stehen werde und er mir die Rechnung präsentiert. Und wenn sie schlecht ausfällt ..." Sie stockte. "... dann wird er mich verdammen."

Es blieb still. Nur die Uhr tickte. Anna erwartete keine Antwort. nd doch stieg aus der Stille eine Frage in ihr auf: Anna, wovor hattest du eigentlich dein ganzes Leben Angst? Sie öffnete die Augen. Vor meinem Vater - oder vor dem Bild, das Menschen von ihm in deine Seele gemalt haben? Anna erschrak. Das Bild. Ja. Wie sah dieser Gott eigentlich aus, vor dem sie sich achtzig Jahre gefürchtet hatte? Und wie sah Jesus aus? Anna dachte an die Geschichten, die sie seit ihrer Kindheit kannte. An Jesus, der Menschen berührte, vor denen andere zurückwichen. An Jesus, der sich zu denen an den Tisch setzte, die man SünderInnen nannte. An Jesus, der die Ehebrecherin nicht verdammte. An Jesus, der von einem Vater erzählte, der nicht mit verschränkten Armen vor seinem Haus wartet, bis der verlorene Sohn endlich angekrochen kommt. Sondern von einem Vater, der ihm entgegenläuft. Entgegenläuft! Anna flüsterte: "Jesus - bist du wirklich so?"

In ihrer Vorstellung saß Jesus plötzlich neben ihr. Nicht mit erhobenem Zeigefinger. Nicht mit einem Buch auf den Knien, in dem jeder ihrer Fehler verzeichnet war. Nicht mit einer Waage, auf der ihre guten und schlechten Taten gegeneinander abgewogen wurden. Er saß einfach da. Neben ihr. Ganz nah.

Und Anna hörte in ihrem Herzen: "Du hast so viele Jahre geglaubt, Gott sehe dich an, um deine Fehler zu finden. Was wäre, wenn Gott dich ansieht, weil er dich liebhat?" Da liefen Anna die ersten Tränen über die Wangen. "Aber meine Sünden?" "Glaubst du wirklich, ich sei gekommen, um deine Angst noch größer zu machen?" Anna schwieg. "Ich bin gekommen, damit Menschen aufatmen können."

Sie sah wieder auf das Foto ihres Mannes. Mit dem Daumen strich sie über das Glas. "Und unsere Liebe?", fragte sie. Ihre Stimme zitterte. "Unsere Zärtlichkeit? Unsere Nähe?" Und es war, als würde Jesus lächeln. "Warum sollte Liebe Gott beleidigen?" Nun weinte Anna. Sie weinte um ihren Mann. Um seine Hände. Um seine Nähe. Um all die Jahre, die sie miteinander geteilt hatten. Aber sie weinte auch um sich selbst. Um das junge Mädchen, das Angst vor Gott gehabt hatte. Um die junge Frau, die liebte und sich dabei schuldig fühlte. Um die Ehefrau, die selbst in den Armen ihres Mannes noch glaubte, sich vor Gott rechtfertigen zu müssen. Und um all die Jahre, in denen sich die Angst zwischen sie und Gott gedrängt hatte.

Lang saß Anna so da. Dann faltete sie die Hände. Früher hatte sie oft gebetet: Gott, sei mir gnädig. Vergib mir. Ich habe so vieles falsch gemacht. An diesem Abend betete sie anders. "Gott", sagte sie leise, "ich möchte lernen, keine Angst mehr vor dir zu haben." Mehr sagte sie nicht. Es genügte.

Dann nahm sie das Foto ihres Mannes wieder in beide Hände. "Weißt du", sagte sie und lächelte durch ihre Tränen, "vielleicht war Gott uns damals viel näher, als ich dachte." Sie schwieg. "Vielleicht hat er uns gar nicht beobachtet." Noch einmal entstand eine lange Stille. Dann lächelte Anna. Ein ganz kleines, beinahe schelmisches Lächeln. "Vielleicht", sagte sie, "hat er sich mit uns gefreut."

In dieser Nacht geschah nichts Spektakuläres. Der Himmel öffnete sich nicht. Kein Engel trat ins Zimmer. Keine Stimme erklang. Die Uhr tickte weiter. Draußen leuchtete eine Straßenlaterne. Auf der Kommode stand das Foto ihres Mannes.

Und doch geschah etwas. Nach mehr als achtzig Jahren begann ein altes Gottesbild in Anna leise Risse zu bekommen. Der Gott, vor dem sie sich ihr Leben lang hatte verstecken wollen, verwandelte sich langsam in den Gott, bei dem sie sich geborgen fühlen durfte. Der alte Satz blieb: Gott sieht alles. Aber plötzlich klang er nicht mehr wie eine Drohung. Er klang wie eine Verheißung. Gott sieht meine Angst. Gott sieht meine Wunden. Gott sieht meine Sehnsucht. Gott sieht meine Liebe. Gott sieht meine Tränen, die niemand bemerkt. Gott sieht das Glück, für das ich manchmal keine Worte finde. Gott sieht mein ganzes Leben. Und er sieht mich nicht mit den Augen eines Richters, der nach Gründen sucht, mich zu verdammen. Er sieht mich mit den Augen der Liebe.

Anna war über achtzig Jahre alt, als sie begann zu erfahren, was sie eigentlich schon als kleines Mädchen hätte wissen sollen: Gott ist nicht der, vor dem ich Angst haben muss. Gott ist der, zu dem ich mit meiner Angst kommen darf. Und vielleicht war dies das Schönste, was Anna im Alter noch lernen durfte: Gott hatte all die Jahre tatsächlich alles gesehen. Aber nicht, um alles gegen sie zu wenden. Sondern weil kein einziger Moment ihres Lebens seiner Liebe gleichgültig gewesen war.