Kommentar zu Matthäus 28, 16-20
Text: Matthäusevangelium 28, 1–15 - Übersetzung: Elberfelder Bibel
16 Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. 17 Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder, einige aber hatten Zweifel. 18 Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde. 19 Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.
Kommentar
Am Ende des Matthäusevangeliums begegnet der auferstandene Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern auf einem Berg in Galiläa. Er spricht von seiner Vollmacht, sendet sie zu allen Völkern und verspricht ihnen seine bleibende Gegenwart. Diese wenigen Verse enthalten eine Botschaft, die weit über einen kirchlichen Missionsauftrag hinausgeht. Es geht um die Frage, wie sein Geist in Menschen lebendig wird und wie seine Botschaft der Liebe die Welt verändert.
Der Berg, zu dem Jesus seine Jüngerinnen und Jünger ruft, ist mehr als ein geografischer Ort. Er steht für eine innere Bewegung. Wer einen Berg besteigt, entfernt sich vom Gewohnten, gewinnt Abstand zu den Sorgen und Zwängen des Alltags und entdeckt einen neuen Horizont. So müssen auch die Jüngerinnen und Jünger innerlich aufbrechen, um Jesus neu zu begegnen. Sie sollen ihn nicht länger als einen Menschen betrachten, der der Vergangenheit angehört, sondern erfahren, dass seine Worte und seine Lebensweise weiterhin gegenwärtig sind.
Ähnliches kennen wir aus der Erfahrung mit Menschen, die wir geliebt haben und die gestorben sind. Was sie uns bedeutet haben, bleibt lebendig. Ihre Worte, ihre Menschlichkeit können sogar nach ihrem Sterben noch tiefer in uns wirken. In vergleichbarer Weise kann Jesus in unserem Inneren gegenwärtig sein. Seine Botschaft wird zu einem Teil unseres eigenen Lebens.
Bemerkenswert ist, dass die Jüngerinnen und Jünger Jesus sehen und vor ihm niederfallen, einige aber zugleich zweifeln. Matthäus verschweigt diesen Zweifel nicht. Er gehört zum Glauben dazu. Glauben bedeutet nicht, alle Fragen und Unsicherheiten hinter sich zu lassen. Vielmehr gehören Vertrauen und Zweifel, Gewissheit und Nachdenklichkeit zusammen. Glaube ist kein fertiger Besitz von Wahrheiten, sondern ein lebendiger Weg der persönlichen Erfahrung.
Jesus begegnet den Zweifelnden nicht mit Vorwürfen. Er geht auf sie zu. Seine Nähe überwindet die Distanz. Darin zeigt sich das Wesen des Glaubens: Nicht der Mensch muss sich durch besondere Leistungen zu Gott emporarbeiten, sondern Gott kommt dem Menschen entgegen. Diese Begegnung lässt sich nicht erzwingen oder durch religiöse Vorschriften herstellen. Sie geschieht wie das Aufblühen einer Blume: von innen heraus, als Geschenk.
Wenn Jesus sagt, ihm sei alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben, darf diese Macht nicht mit weltlicher Herrschaft verwechselt werden. Seine Vollmacht besteht nicht darin, Menschen zu beherrschen, zu unterwerfen oder ihnen Vorschriften aufzuzwingen. Seine Macht ist die Macht der Liebe, der Güte und der Menschlichkeit. Sie zeigt sich darin, dass Menschen durch seine Botschaft frei werden, Vertrauen gewinnen und lernen, einander mit Achtung und Wertschätzung zu begegnen.
Der anschließende Missionsauftrag ist häufig missverstanden und missbraucht worden. Im Namen Jesu wurden fremde Völker unterworfen, Kulturen zerstört und Menschen zur Annahme des christlichen Glaubens gezwungen. Die Verbindung von Mission und politischer Macht widerspricht jedoch dem Geist Jesu. Seine Botschaft darf niemals mit Gewalt, Angst oder religiöser Überlegenheit verbreitet werden.
Der Auftrag, zu allen Völkern zu gehen, bedeutet vielmehr, die Grenzen zwischen Menschen zu überwinden. Was Jesus zunächst innerhalb Israels gelebt und verkündet hat, soll nun allen Menschen zugutekommen. Niemand darf ausgeschlossen werden - unabhängig von Herkunft, Sprache, Hautfarbe, Kultur oder Religion.
Die Botschaft Jesu ist keine Botschaft religiöser Herrschaft, sondern eine Botschaft grenzenloser Menschenfreundlichkeit. Es geht nicht darum, Menschen für eine religiöse Organisation zu gewinnen, sondern ihnen helfen, menschlicher, freier, glücklicher zu leben.
Auch die Taufe erhält in diesem Zusammenhang eine tiefere Bedeutung. Sie darf nicht zu einem bloßen Aufnahmeritus in eine bestimmte Konfession verkümmern. Schon gar nicht darf sie dazu dienen, Menschen kirchlichen Machtansprüchen zu unterwerfen.
Einen Menschen zu taufen bedeutet vielmehr, ihn in die Liebe Gottes zu stellen und seine unverwechselbare Würde anzuerkennen. Besonders bei einem Kind heißt das: Dieses Kind gehört niemandem. Es ist weder Eigentum seiner Eltern noch einer Religionsgemeinschaft. Es ist ein einmaliger Mensch, dessen Persönlichkeit sich frei entfalten darf. Ihm Gottes Segen zuzusprechen bedeutet, es liebevoll zu begleiten, seine Eigenart zu achten und ihm zu helfen, zu seiner eigenen Schönheit heranzureifen.
Die Taufe auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes verweist schließlich auf die Einheit des Lebens. Gott ist der Ursprung allen Seins, die Quelle der Liebe und der Geist, der Menschen miteinander verbindet. Natur und Geist, Leib und Seele, Denken, Fühlen und Handeln sollen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Alles gehört zusammen.
Am Ende steht die schönste Zusage des Evangeliums: "Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt." Jesus lässt keinen Menschen und die ganze Menschheit niemals allein. Er ist in uns und wir sind in ihm in guten und in schlechten Zeiten. Er geht mit uns über alle Höhen, durch alle Tiefen und bis in alle Abgründe des Lebens und der ganzen Welt.