Kommentar zu Matthäus 25, 14-30

Text: Matthäusevangelium 25, 31-46 - Einheitsübersetzung neu

31 Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. 32 Und alle Völker werden vor ihm versammelt werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. 33 Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken. 34 Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, empfangt das Reich als Erbe, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist! 35 Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; 36 ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. 37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben oder durstig und dir zu trinken gegeben? 38 Und wann haben wir dich fremd gesehen und aufgenommen oder nackt und dir Kleidung gegeben? 39 Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40 Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. 41 Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! 42 Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; 43 ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. 44 Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder fremd oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? 45 Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. 46 Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.

Kommentar

"Was am Ende wirklich zählt, ist das, was schon heute zählt."

Dieser Gedanke eröffnet einen bemerkenswerten Zugang zur Bibel: Wenn die biblischen Autoren etwas Wesentliches über das menschliche Leben vermitteln wollen, dann setzen sie es oft an den Anfang oder an das Ende der Welt. Dabei geht es nicht nur um eine chronologische Abfolge. Anfang und Ende tragen eine tiefere Bedeutung in sich. Sie machen deutlich, woher unser Leben seinen Sinn bezieht und worauf es letztlich ankommt.

Besonders eindrucksvoll zeigt sich das an Matthäus 25,31-46, der Rede Jesu vom Weltgericht.

1. Was am Anfang steht: Wie Gott das Leben gewollt hat

licken wir auf die ersten Kapitel der Bibel. Die Schöpfungserzählungen wollen nicht erklären, wie die Welt vor Jahrmilliarden entstanden ist. Vielmehr schildern sie in Bildern, wie Gott die Welt gewollt hat und welche Bestimmung dem Menschen zugedacht ist. Am Anfang steht eine Welt, die immer wieder als ›gut‹ beschrieben wird. Der Mensch wird als Ebenbild Gottes geschaffen, seine Würde hängt nicht von Leistung, Besitz oder gesellschaftlichem Ansehen ab, sondern ist ihm von Anfang an geschenkt. Er soll die Erde nicht rücksichtslos ausbeuten, sondern Verantwortung für sie übernehmen. Nicht auf Kosten anderer leben, sondern in harmonischer Beziehung mit seinen Mitgeschöpfen. Auch der Garten Eden ist weit mehr als eine ferne Erinnerung; er ist ein Bild dafür, wie menschliches Leben aussehen könnte: frei von Angst, ohne Feindschaft, in Frieden mit Gott, den Mitmenschen, den Tieren und der ganzen Schöpfung. So wird deutlich: Was die Bibel an den Anfang stellt, beschreibt oft nicht nur, woher wir kommen, sondern auch, wozu wir bestimmt sind. Der Anfang erzählt von dem, was unserem Leben von Grund auf Sinn und Würde verleiht.

2. Was am Ende steht: Worauf es im Leben wirklich ankommt

Auch das Ende hat eine ähnliche Bedeutung. In Matthäus 25,31-46 schildert Jesus das Weltgericht. Der Menschensohn erscheint in seiner Herrlichkeit, die Völker werden versammelt, und die Menschen werden voneinander getrennt. Auf den ersten Blick scheint es um ein zukünftiges Ereignis zu gehen, um eine letzte Abrechnung nach dem Tod oder am Ende der Welt. Doch betrachten wir die Erzählung aus einer anderen Perspektive. Jesus stellt uns gewissermaßen an das Ende unseres Lebens, damit wir von dort aus erkennen, was schon heute wirklich wichtig ist. Was wird am Ende zählen? Wird es darauf ankommen, wie viel Geld wir verdient haben, wie erfolgreich wir waren, wie viele Menschen uns bewundert haben oder wie viele religiöse Vorschriften wir erfüllt haben? Jesus nennt etwas ganz anderes:
Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben.
Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben.
Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.
Ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet.
Ich war krank, und ihr habt mich besucht.
Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.
Dabei handelt es sich nicht um außergewöhnliche Heldentaten, sondern um einfache, alltägliche Gesten der Menschlichkeit. Was Jesus ans Ende der Welt stellt, gehört mitten in unser tägliches Leben.

3. Das Ende wird erzählt, damit wir die Gegenwart verstehen

Stellen wir uns einen Menschen vor, der auf sein Leben zurückblickt. Er ist alt geworden, hat viel erlebt: Arbeit, Sorgen, Erfolge, Enttäuschungen. Vielleicht hat er jahrelang um Dinge gerungen, die ihm damals unendlich wichtig erschienen. Nun, im Rückblick, sieht er manches anders. Vielleicht fragt er sich, warum er so viel Zeit damit verbracht hat, sich über Kleinigkeiten zu ärgern, warum er sich so sehr bemühte, anderen zu gefallen, warum Besitz und Ansehen manchmal wichtiger waren als Menschen, die ihn brauchten. Und vielleicht erinnert er sich mit besonderer Dankbarkeit an ganz andere Momente: eine Hand, die ihn in einer schweren Stunde hielt, ein versöhnendes Wort nach einem langen Streit, einen Krankenbesuch, ein gemeinsames Lachen, einen Menschen, dem er helfen konnte, Menschlichkeit, die er empfing und weitergab. Jetzt wird ihm klar, was wirklich kostbar war.

Genau eine solche Perspektive eröffnet Matthäus 25. Jesus führt uns gedanklich ans Lebensende, damit wir nicht erst am Schluss erkennen, was unser Leben wertvoll macht. Das Ende wird zum Spiegel der Gegenwart. Das Gericht lässt sich so verstehen als ein Offenbaren: Was wesentlich war, tritt ans Licht; was wir für bedeutsam hielten, erscheint nun nebensächlich; und was wir kaum beachteten, erweist sich als kostbar.

4. Anfang und Ende der Bibel gehören zusammen

Bemerkenswert ist der große Bogen, den die Bibel spannt. Sie beginnt mit der Erzählung einer guten Schöpfung und endet mit der Vision eines neuen Himmels und einer neuen Erde. Am Anfang steht der Garten Eden mit dem Baum des Lebens, am Ende der Offenbarung des Johannes begegnen uns wieder der Baum des Lebens und das Wasser des Lebens. Dazwischen liegt die ganze Geschichte des Menschen: seine Sehnsucht nach Liebe, sein Scheitern, seine Schuld, seine Hoffnung und sein immer neues Bemühen um ein gelingendes Leben. Und am Ende steht die Verheißung: "Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen." (Offb 21,4) Was für ein Bild! Nicht die Tränen haben das letzte Wort, sondern der Trost. Nicht der Tod, sondern das Leben. Nicht die Angst, sondern das Vertrauen. Nicht die Zerstörung, sondern die Vollendung. Der Anfang erzählt von der Güte Gottes, aus der alles hervorgeht. Das Ende erzählt von der Güte Gottes, auf die alles zugeht. Natürlich ist das kein starres Gesetz, nach dem jeder Anfang und jedes Ende eines biblischen Textes gedeutet werden muss. Doch es ist ein hilfreicher Schlüssel, um die Botschaft vieler biblischer Erzählungen tiefer zu erschließen.

5. Die Rede vom Weltgericht ist eine Botschaft für das Heute

Matthäus 25 wurde in der Kirchengeschichte oft dazu benutzt, Menschen Angst vor einem künftigen Gericht Gottes einzuflößen. Man stellte die Frage: Wirst du am Ende zu den Geretteten oder Verdammten gehören? Dabei gerät die eigentliche Lebensbotschaft des Textes leicht in den Hintergrund. Denn Jesus spricht von Dingen, die wir heute tun können: einen Hungrigen speisen, heute einem Einsamen Gesellschaft leisten, heute einen Verzweifelten trösten, heute einen Ausgeschlossenen aufnehmen. Dabei geschieht nach Jesu Worten etwas Erstaunliches: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." (Mt 25,40) Gott begegnet uns also nicht erst in einer jenseitigen Welt, sondern mitten im Alltag, besonders in den Menschen, die unsere Zuwendung brauchen. So erhält die Rede vom Weltgericht eine neue Nähe zu unserem Leben. Jesus spricht vom Ende, meint aber unser Heute. Er erzählt von einem zukünftigen Gericht, richtet unseren Blick dabei auf die Gegenwart. Er zeigt uns, was am Ende zählt, damit wir es schon jetzt nicht übersehen. Und vielleicht lässt sich dein Ausgangsgedanke gerade hier besonders schön zuspitzen: Die Bibel stellt das Wichtigste manchmal an den Anfang, damit wir wissen, woraus wir leben. Und manchmal an das Ende, damit wir erkennen, wofür wir leben.

Am Anfang steht die Liebe Gottes, die uns das Leben schenkt. Am Ende steht die Liebe, an der sich zeigt, was wir aus unserem Leben gemacht haben. Dazwischen liegt unser Alltag mit seinen unzähligen Möglichkeiten, Gottes Liebe erfahrbar werden zu lassen.

Matthäus 25 ist keine Drohbotschaft über das Jenseits, sondern eine eindringliche Lebens- und Liebesbotschaft für das Diesseits. Was am Ende wirklich zählt, ist schon heute entscheidend: Wieviel Güte und Menschlichkeit durch uns in die Welt gekommen ist. Damit tragen wir bei zum Heil der kleinen und großen Welt.