Kommentar zu Matthäus 19, 13-30
Text: Matthäusevangelium 19, 13-30 - Übersetzung: Elberfelder Bibel
13 Dann wurden Kinder zu ihm gebracht, damit er ihnen die Hände auflegte und betete. Die Jünger aber fuhren sie an. 14 Jesus aber sprach: Lasst die Kinder, und wehrt ihnen nicht, zu mir zu kommen! Denn solchen gehört das Reich der Himmel. 15 Und er legte ihnen die Hände auf und ging von dort weg. 16 Und siehe, einer trat herbei und sprach zu ihm: Lehrer, was soll ich Gutes tun, damit ich ewiges Leben habe? 17 Er aber sprach zu ihm: Was fragst du mich über das Gute? Einer ist der Gute. Wenn du aber ins Leben hineinkommen willst, so halte die Gebote! 18 Er spricht zu ihm: Welche? Jesus aber sprach: Diese: Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsches Zeugnis geben; 19 ehre den Vater und die Mutter; und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! 20 Der junge Mann spricht zu ihm: Alles dies habe ich befolgt. Was fehlt mir noch? 21 Jesus sprach zu ihm: Wenn du vollkommen sein willst, so geh hin, verkaufe deine Habe und gib (den Erlös) den Armen! Und du wirst einen Schatz in den Himmeln haben. Und komm, folge mir nach! 22 Als aber der junge Mann das Wort hörte, ging er betrübt weg, denn er hatte viele Güter. 23 Jesus aber sprach zu seinen Jüngern: Wahrlich, ich sage euch: Schwer wird ein Reicher in das Reich der Himmel hineinkommen. 24 Wiederum aber sage ich euch: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in das Reich Gottes hineinkommt. 25 Als aber die Jünger es hörten, gerieten sie ganz außer sich und sagten: Wer kann dann gerettet werden? 26 Jesus aber sah sie an und sprach zu ihnen: Bei Menschen ist dies unmöglich, bei Gott aber sind alle Dinge möglich. 27 Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was wird uns nun werden? 28 Jesus aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auch ihr werdet in der Wiedergeburt, wenn der Sohn des Menschen auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen wird, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten. 29 Und ein jeder, der Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen verlassen hat, wird hundertfach empfangen und ewiges Leben erben. 30 Aber viele Erste werden Letzte und Letzte Erste sein.
Kommentar
Im 19. Kapitel des Matthäusevangeliums begegnen uns zwei Geschichten, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben: Jesus segnet die Kinder, und ein reicher junger Mann fragt ihn nach dem ewigen Leben. Doch beide Erzählungen verbindet ein gemeinsamer Gedanke: Der Mensch findet zu sich selbst und zu Gott, wenn er aufhört, sein Leben durch Leistung, Besitz und Macht absichern zu wollen.
Als Menschen Kinder zu Jesus bringen, wollen die Jünger sie zurückweisen. Sie meinen zu wissen, wer zu Jesus kommen darf und wer nicht. Doch Jesus durchbricht diese Schranken. Er stellt die Kinder in die Mitte und erklärt, dass Menschen wie ihnen das Himmelreich gehört. Damit meint Jesus nicht, dass Erwachsene unreif oder kindisch werden sollen. Vielmehr verkörpern Kinder eine ursprüngliche Weise des Menschseins: Sie leben im Jetzt, vertrauen, staunen, fragen, spielen und freuen sich, ohne nach Nutzen und Erfolg zu fragen. Ein Kind muss sich seine Daseinsberechtigung nicht verdienen. Es ist einfach.
Diese Freiheit verlieren viele Menschen im Laufe ihres Lebens. Sie lernen, Erwartungen zu erfüllen, sich anzupassen, erfolgreich zu sein und ihre Gefühle zu unterdrücken. Sie werden zu Menschen, die funktionieren, sich selbst aber immer weniger spüren. Wieder Kindwerden bedeutet für Erwachsene, neu zu entdecken, wer sie wirklich sind, bevor andere ihnen vorgeschrieben haben, wer sie sein sollen.
Viele seelische Schwierigkeiten haben ihre Wurzeln in der Kindheit. Manche Menschen mussten viel zu früh erwachsen werden. Sie übernahmen Verantwortung, die eigentlich ihren Eltern zugestanden hätte. Andere erfuhren Ablehnung, überhöhte Erwartungen oder das Gefühl, nicht willkommen zu sein. Sie lernten, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, um geliebt und anerkannt zu werden. Solche Erfahrungen wirken oft ein Leben lang nach. Menschen haben Angst, Fehler zu machen, fühlen sich wertlos oder versuchen ständig, es anderen recht zu machen. Heilung beginnt dort, wo sie sich ihrer verdrängten Gefühle wieder bewusst werden und entdecken dürfen: Ich muss nicht jemand anderes sein, um liebenswert zu sein. Das Kind in uns wiederzufinden bedeutet, sich das Recht zurückzugeben, zu fühlen, zu träumen, zu weinen, zu lachen und einfach selbst zu sein.
Kindsein ist nicht nur eine Erinnerung an die Vergangenheit, sondern eine Haltung gegenüber der Zukunft. Große Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Vincent van Gogh oder Konrad Lorenz bewahrten sich ihre kindliche Neugier. Sie stellten Fragen, die andere längst nicht mehr stellten, und wagten, die Welt mit neuen Augen zu betrachten. Sie waren keine fertigen Menschen, sondern blieben Suchende und Werdende. Auch das Alter kann eine neue Form des Kindseins ermöglichen. Wenn Leistung und beruflicher Erfolg ihre Bedeutung verlieren, entdecken manche ältere Menschen wieder die Freude an einfachen Dingen: an einem Gespräch, einem Tier, einem Sonnenstrahl oder dem Lachen eines Enkelkindes.Vielleicht besteht menschliche Reifung gerade darin, wieder einfach werden zu können.
Der reiche junge Mann fragt Jesus, was er tun müsse, um das ewige Leben zu gewinnen. Er hat die Gebote gehalten und möchte wissen, welche Leistung noch fehlt. Jesus aber stellt seine ganze Denkweise infrage. Das Entscheidende lässt sich nicht durch Leistungen erwerben. Es geht nicht darum, immer mehr zu tun, sondern darum, frei zu werden. Der junge Mann besitzt vieles, doch sein Besitz besitzt inzwischen ihn. Reichtum kann zum Versuch werden, innere Unsicherheit, Minderwertigkeitsgefühle und fehlende Liebe auszugleichen. Wer sich selbst nicht wertvoll fühlt, versucht manchmal, seinen Wert durch Geld, Erfolg und gesellschaftliches Ansehen zu beweisen. Doch keine noch so große Ansammlung äußerer Güter kann die innere Leere beseitigen.
Wenn Jesus den jungen Mann auffordert, seinen Besitz zu verkaufen und den Armen zu geben, geht es um mehr als einen äußerlichen Verzicht. Es geht um die Befreiung von allem, woran sich der Mensch klammert, weil er glaubt, ohne diese Sicherheiten nichts zu sein. Arm sein dürfen bedeutet, sich nicht länger durch Besitz, Titel, Leistungen oder gesellschaftliche Anerkennung definieren zu müssen. Es bedeutet auch, die eigene Bedürftigkeit, Verletzlichkeit und Begrenztheit anzunehmen. Wer sich selbst nicht ständig behaupten muss, wird frei für andere. Er fragt nicht mehr: Was kann ich noch bekommen, sondern: Was braucht der andere von mir? So entsteht eine Solidarität, die nicht aus moralischem Zwang erwächst, sondern aus menschlicher Verbundenheit.
Jesus stellt damit eine religiöse Denkweise infrage, die das Verhältnis zu Gott als ein System von Leistung und Gegenleistung versteht. Das Reich Gottes kann man nicht verdienen, erkaufen oder durch besondere Frömmigkeit erzwingen. Es ist Geschenk.
Die christliche Botschaft wurde jedoch immer wieder in ein System von Geboten, Pflichten, Verdiensten und Belohnungen verwandelt. Besonders widersprüchlich erscheint es, wenn eine Religionsgemeinschaft Armut und Demut verkündet, selbst aber nach Reichtum, Macht und Ansehen strebt. Jesus dagegen wollte Menschen nicht durch neue Forderungen belasten, sondern sie von ihren inneren und äußeren Zwängen befreien.
Kindsein und Armseindürfen sind letztlich zwei Seiten derselben Freiheit. Das Kind zeigt uns, dass wir leben dürfen, ohne uns unser Dasein verdienen zu müssen. Die Armut zeigt uns, dass wir wertvoll sind, auch wenn wir nichts vorweisen können. Wer sich selbst annehmen kann, braucht andere nicht mehr zu beherrschen. Wer nicht um seinen eigenen Wert kämpft, kann sich dem Mitmenschen zuwenden. Wir müssen nicht erst etwas werden, etwas leisten oder etwas besitzen, um vor Gott wertvoll zu sein. Wir dürfen sein, was wir sind.