Kommentar zu Matthäus 18, 15–35 und 19_1-2

Text: Matthäusevangelium 15–35 und 19_1-2 - Einheitsübersetzung neu

15 Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. 16 Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde. 17 Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde! Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner. 18 Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein. 19 Weiter sage ich euch: Was auch immer zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. 20 Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. 21 Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal? 22 Jesus sagte zu ihm: Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal. 23 Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Knechten Rechenschaft zu verlangen. 24 Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war. 25 Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen. 26 Da fiel der Knecht vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen. 27 Der Herr des Knechtes hatte Mitleid, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld. 28 Als nun der Knecht hinausging, traf er einen Mitknecht, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und sagte: Bezahl, was du schuldig bist! 29 Da fiel der Mitknecht vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen. 30 Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe. 31 Als die Mitknechte das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war. 32 Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast. 33 Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte? 34 Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlt habe. 35 Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt. 19, 1 Und es geschah, als Jesus diese Reden beendet hatte, verließ er Galiläa und zog in das Gebiet von Judäa jenseits des Jordan. 2 Viele Menschen folgten ihm nach und er heilte sie dort.

Kommentar

Im Mittelpunkt der Botschaft Jesu steht eine revolutionäre Erkenntnis: Der Mensch lebt nicht von seiner Gerechtigkeit, seinen Leistungen oder seiner moralischen Vollkommenheit, sondern von der bedingungslosen Barmherzigkeit und Vergebung Gottes. Niemand kann sich Gottes Barmherzigkeit und Vergebung verdienen. Wir alle sind darauf angewiesen, angenommen zu werden, obwohl wir Fehler machen, schuldig werden und hinter unseren eigenen Ansprüchen zurückbleiben.

Besonders eindrucksvoll bringt Jesus diese Botschaft im Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht zum Ausdruck. Ein König erlässt seinem Diener eine unvorstellbar große Schuld, die dieser niemals zurückzahlen könnte. Doch derselbe Diener verweigert einem Mitmenschen den Erlass einer vergleichsweise winzigen Schuld. Das Gleichnis zeigt den grundlegenden Widerspruch menschlichen Verhaltens: Wir leben selbst von der Vergebung, bestehen aber anderen gegenüber unerbittlich auf unserem Recht.

Jesus erkannte im Umgang mit Kranken, Ausgestoßenen, Gescheiterten und Schuldigen, dass Menschen ihr Leben häufig nicht einfach aus eigener Kraft verändern können. Wer in Angst, Schuldgefühlen oder Verzweiflung gefangen ist, braucht nicht zuerst Ermahnungen, Vorschriften oder Strafen, sondern die Erfahrung, angenommen zu sein. Deshalb stellt Jesus die gewohnte Reihenfolge von Schuld, Reue, Wiedergutmachung und Vergebung auf den Kopf. Nicht weil der Mensch sich gebessert hat, wird ihm vergeben. Sondern weil ihm vergeben wird, kann er beginnen, sich zu bessern. Gottes Liebe ist keine Belohnung för moralische Leistungen. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass ein Mensch Vertrauen zu sich selbst gewinnt und überhaupt fähig wird, ein neues Leben zu beginnen.

Menschen neigen dazu, ihren Wert durch Leistung, Anständigkeit, Tugendhaftigkeit und gesellschaftliche Anerkennung zu begründen. Doch manchmal genügt ein einziger Fehler, um das mühsam aufgebaute Selbstbild zu zerstören. Jesus macht deutlich, wie zerbrechlich eine Existenz ist, die ausschließlich auf moralischer Rechtschaffenheit beruht. Vor Gott stehen wir alle als Menschen, die auf Gnade angewiesen sind. Niemand ist ausschließlich gerecht, niemand ausschließlich schuldig. Angesichts der Kürze unseres Lebens erscheinen viele gegenseitige Vorwürfe und kleinliche Abrechnungen bedeutungslos. Viel wichtiger wäre es, einander dankbar anzunehmen und die begrenzte gemeinsame Lebenszeit in Menschlichkeit zu verbringen.

Jesus wollte die Grenzen religiöser und gesellschaftlicher Zugehörigkeit überwinden. Er setzte sich mit Zöllnern, Sündern und gesellschaftlich Verachteten an einen Tisch. Niemand sollte sich von Gottes Liebe ausgeschlossen fühlen. Darin liegt eine Spannung zur späteren kirchlichen Entwicklung. Während Jesus Menschen zusammenführte, entstanden zunehmend Regeln, Zuständigkeiten, moralische Bedingungen und Verfahren des Ausschlusses. Besonders problematisch erscheint eine religiöse Praxis, die Vergebung an bestimmte Voraussetzungen bindet und Menschen von kirchlichen Autoritäten abhängig macht. Dabei ist die ursprüngliche Botschaft Jesu gerade die Befreiung von Angst, Schuld und religiöser Bevormundung. Die Gemeinschaft der Glaubenden darf keine Institution der Kontrolle, sondern muss ein Raum gegenseitiger Annahme sein.

An einem Beispiel aus einer schwierigen Ehe wird deutlich, wie unzureichend rein moralische Urteile sein können. Ein Mann hat eine außereheliche Beziehung und leidet unter schweren Schuldgefühlen. Die Forderung, seine Beziehung einfach abzubrechen und zu seiner Frau zurückzukehren, löst seine inneren Konflikte nicht. Erst ein verständnisvolles Gespräch kann sichtbar machen, welche unerfüllten Sehnsüchte, Ängste und lebensgeschichtlichen Verletzungen hinter seinem Verhalten stehen. Vielleicht hat dieser Mann sein ganzes Leben versucht, anderen alles recht zu machen, ohne jemals seine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Vergebung bedeutet hier nicht, sein Verhalten gutzuheißen. Sie schafft vielmehr einen Raum, in dem er ohne Angst vor Verurteilung ehrlich auf sein Leben schauen kann. Der Mensch muss sich zuerst angenommen wissen, bevor er den Mut findet, sich selbst wirklich zu erkennen.

Auch anderen zu vergeben ist schwierig. Wer verletzt wurde, versucht zunächst, sich zu schützen. Oft entstehen daraus Abwehr, Vorwürfe und Vergeltung. Jesus fordert jedoch dazu auf, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Vergebung beginnt damit, den anderen nicht ausschließlich durch seine Schuld zu definieren. Wir sollen versuchen zu verstehen, weshalb ein Mensch so geworden ist und weshalb er handelt, wie er handelt. Besonders schwer fällt dies Menschen, die überzeugt sind, immer im Recht zu sein. Ihre moralische Gewissheit hindert sie daran, die Verletzlichkeit und Bedürfnisse anderer wahrzunehmen. Vergebung verlangt deshalb nicht nur Großzügigkeit, sondern auch die Bereitschaft, die eigene Selbstgerechtigkeit infrage zu stellen.

Am Ende steht das Bild Gottes, der seine Menschen niemals aufgibt. Wie ein liebender Vater begleitet er seine Kinder auch dann, wenn sie schuldig werden, scheitern oder sich selbst nicht mehr annehmen können. Diese Liebe befreit von der Angst, durch Fehler den eigenen Wert zu verlieren.