Gott will gelebt werden, nicht nur gelehrt
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Gott will gelebt werden, nicht nur gelehrt

Text: Matthäusevangelium 23, 1-11 - Übersetzung: Hoffnung für alle

1 Dann sprach Jesus zu der Volksmenge und zu seinen Jüngern: 2 "Die Schriftgelehrten und Pharisäer sind dazu eingesetzt, euch das Gesetz von Mose auszulegen. 3 Richtet euch nach ihren Worten und tut alles, was sie euch sagen! Nehmt euch aber kein Beispiel an ihren Taten! Denn sie halten selbst nicht ein, was sie von den anderen verlangen. 4 Sie denken sich schwere, fast unerträgliche Forderungen aus und bürden sie den Menschen auf, doch sie selbst rühren keinen Finger, um diese Lasten zu tragen. 5 Mit allem, was sie tun, stellen sie sich zur Schau. Sie tragen besonders breite Gebetsriemen und an den Gewändern auffällig lange Quasten. 6 Bei den Festen wollen sie die Ehrenplätze bekommen, und auch in der Synagoge sitzen sie am liebsten in der ersten Reihe. 7 Es gefällt ihnen, wenn man sie auf der Straße ehrfurchtsvoll grüßt und ›Rabbi‹ nennt. 8 Lasst ihr euch nicht so anreden! Nur Gott ist euer Meister, ihr seid untereinander alle Geschwister. 9 Ihr sollt auch niemanden auf der Erde %rsaquo;Vater‹ nennen, denn nur einer ist euer Vater: Gott im Himmel. 10 Ihr sollt euch auch nicht Lehrer nennen lassen, weil ihr nur einen Lehrer habt: Christus. 11 Wer unter euch groß sein will, der soll allen anderen dienen.

Gottes Wort ist Orientierung auf unserem Lebensweg

Stellen wir uns vor, jemand kommt zu uns und fragt: "Ich möchte Gott kennenlernen. Ich möchte wissen, was es bedeutet, Christ zu sein. An wen soll ich mich wenden?" Vielleicht verweisen wir ihn an einen Priester, einen Theologen oder einen Bischof. Vielleicht empfehlen wir ihm ein Buch über den christlichen Glauben. Oder raten ihm, Gottesdienste zu besuchen.

Doch was, wenn dieser Mensch unterwegs einer alten Frau begegnet, die einsam in ihrer Wohnung lebt? Er setzt sich zu ihr, hört ihr zu und schenkt ihr seine Zeit. Als er wieder geht, sagt die Frau: "Heute war Gott bei mir." Könnte es sein, dass dieser Mensch hier das erlebt hat, wonach er suchte?

Darum geht es Jesus in Matthäus 23, 1-12. Er spricht von denen, die auf dem Lehrstuhl des Mose sitzen. Sie kennen die Heiligen Schriften, wissen, was Gott angeblich von den Menschen verlangt. Für jedes Gebot haben sie eine Erklärung, für jede Lebenslage eine religiöse Vorschrift. Doch Jesus sagt: "Sie reden viel, doch sie handeln nicht." Sie wissen viel über Gott, aber sie leben nicht das, was sie lehren. Man kann alles über die Liebe wissen und dennoch lieblos bleiben. Man kann unaufhörlich von Gott sprechen und dabei die Menschen vergessen.

Jesus will uns aus diesem Zwiespalt befreien. Er erinnert uns daran, dass Gott keine bloße Theorie ist, die wir auswendig lernen müssen. Gott ist die lebendige Wirklichkeit, die Liebe ist, erfahrbar, wenn wir selbst Menschlichkeit schenken.

Ein Mensch kann jahrelang Theologie studieren und unzählige Bücher über Gott lesen. Doch wenn er einem leidenden Menschen begegnet und dessen Not unbeachtet lässt, hat er etwas Wesentliches noch nicht gelernt. Und umgekehrt kann jemand, der kaum lesen und schreiben kann und nie eine theologische Vorlesung gehört hat, durch seine Güte und Menschlichkeit mehr von Gott erfahren als so mancher Gelehrte.

Denn Gott ist Liebe. Und Liebe lernt man nicht aus Büchern, sondern indem man Liebe schenkt.

Jesus spricht auch von den schweren Lasten, die religiöse Autoritäten den Menschen auferlegen. Wie viele Menschen haben im Laufe ihres Lebens unter dieser Bürde gelitten! Menschen, denen eingeredet wurde, sie seien vor Gott nicht gut genug. Menschen, die ständig Angst haben, etwas falsch zu machen. Menschen voller Schuldgefühle, weil sie den Erwartungen religiöser Autoritäten nicht genügen konnten. Wie oft wurde Gott als strenger Richter dargestellt, vor dem man Furcht haben müsse! Doch Jesus zeigt uns uns Gott ganz anders: Gott, der Menschen aufrichtet, statt sie zu erdrücken. Gott, der ihre Lasten erleichtert, statt neue hinzuzufügen. Gott, der nicht nach religiöser Leistung fragt, sondern nach ihrem Leben, ihren Sorgen und Hoffnungen.

Jesus ist die menschgewordene Güte, Barmherzigkeit und Freundlichkeit Gottes. Deshalb sagt er: "Ihr alle seid Geschwister." Was für ein wunderbarer Satz! Niemand steht vor Gott höher als ein anderer. Niemand hat mehr Würde, weil er einen besonderen Titel trägt, ein hohes Amt bekleidet oder umfassend gebildet ist. Alle Menschen sind Würdenträger. Wir alle sind Geschwister. Geschwister begegnen sich nicht von oben herab. Sie hören einander zu, helfen einander und tragen gemeinsam die Lasten des Lebens.

Darin liegt eine der großen Herausforderungen für die Kirchen: weniger über die Menschen zu reden und mehr mit ihnen. Statt den Menschen Vorschriften zu machen ihnen zuzuhören. Nicht nach religiöser Macht und Anerkennung streben, sondern danach zu fragen, was Menschen zum Leben brauchen.

Jesus sagt schließlich: "Der Größte von euch soll euer Diener sein." Dienen heißt nicht, sich kleinzumachen oder ausnutzen zu lassen. Dienen bedeutet, einem Menschen so zu begegnen, dass er aufblühen kann. Vielleicht braucht jemand unsere Hilfe. Vielleicht ein gutes Wort. Vielleicht einen Menschen, der endlich einmal zuhört, ohne zu belehren oder zu verurteilen. Und vielleicht brauchen auch wir jemanden, der uns zuhört, uns ernst nimmt und uns annimmt, so wie wir sind.

Jesus hat uns keine Religion gebracht, in der wenige alles wissen und alle anderen gehorchen müssen. Er hat uns einen Weg gezeigt, auf dem wir miteinander wachsen, voneinander lernen und gemeinsam die Liebe Gottes erfahren können. Wir müssen nicht alles über Gott wissen, um mit ihm leben zu können. Wir dürfen heute beginnen, einander Gutes zu tun. Vielleicht entdecken wir dann, dass Gott uns schon längst begegnet - im Gesicht eines Menschen, in einem aufrichtigen Gespräch, in einer helfenden Hand und in jeder Begegnung, in der Menschlichkeit lebendig wird. Denn Gott finden wir nicht, indem wir über anderen stehen, sondern indem wir einander zur Seite stehen.