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Du bist weit mehr, als man dir eingeredet hat
Gottes Wort ist uns Orientierung
Der Mann saß am Wegrand. Schon lange. Menschen gingen an ihm vorüber. Manche grüßten, einige warfen ihm einen flüchtigen Blick zu, doch die meisten bemerkten ihn nicht. Der Weg lag offen vor ihm. Er hätte nur aufstehen müssen. Doch manchmal sind es nicht die Beine, die einen Menschen am Weitergehen hindern. Manchmal ist es die Seele. Der Mann war nicht müde vom Gehen. Er war müde von sich selbst.
Da kam Jesus. Er sah den Mann. Und er ging nicht vorbei. Er fragte nicht, was mit ihm los sei. Er sagte nicht: "Komm, steh auf." Auch nicht: "Du musst nur an dich glauben." Jesus setzte sich einfach neben ihn. Eine Weile geschah nichts. Der Wind bewegte das Gras, in der Ferne rief ein Vogel. Staub lag auf dem Weg. Dann fragte Jesus: "Warum sitzt du hier?" Der Mann zuckte mit den Schultern. "Weil es keinen Unterschied macht." "Was macht keinen Unterschied?" "Ob ich weitergehe oder sitzenbleibe." Jesus sah ihn an. ""Warum?" Lange schwieg der Mann. Dann kam ein Satz über seine Lippen, leise und schwer, als hätte er ihn tausendmal zu sich selbst gesagt: "Weil ich nichts bin." Jesus schwieg. Der Mann wartete fast darauf, dass Jesus widersprechen würde. Doch Jesus fragte nur: "Wer hat dir das gesagt?" Der Mann blickte auf. "Was?" "Dass du nichts bist." "Niemand." Jesus sah ihn an. Da senkte der Mann den Kopf. "Alle." Wieder Stille.
"Ich kann nichts", sagte er schließlich. "Was ich anfange, geht schief. Andere wissen, was sie wollen. Sie reden. Sie entscheiden. Sie schaffen etwas. Sie gehen ihren Weg." Er sah auf die Menschen in der Ferne, die vorüberzogen. "Und ich habe Angst vor jedem Schritt." Seine Stimme wurde leiser. "Manchmal schäme ich mich, dass ich so bin."
Jesus sagte nichts. Und gerade weil Jesus schwieg, öffnete sich langsam eine Tür, die der Mann lange verschlossen gehalten hatte. "Schon als Kind war es so." Seine Finger spielten mit einem kleinen Stein. "Wenn ich etwas versuchen wollte, hieß es: Lass das, du kannst das nicht." Er drehte den Stein in seiner Hand. "Wenn mir etwas misslang: Das war ja wieder klar." Eine Pause. "Wenn mir etwas gelang, sagte niemand etwas." Er lächelte bitter. "Aber wenn etwas schiefging, wusste jeder genau, wer schuld war." Dann warf er den Stein fort. "Ich mache am besten gar nichts mehr." Jesus sah dem Stein nach. "Warum?" "Weil es weniger weh tut, etwas gar nicht erst zu versuchen, als wieder zu erfahren, dass man es nicht kann."
Jesus stand auf, ging die wenigen Schritte zu dem Stein, hob ihn auf und kam zurück. Er legte ihn in die offene Hand des Mannes. "Weißt du, was geschehen ist?" Der Mann schüttelte den Kopf. "Andere Menschen haben dir ihre Worte aufgeladen." Jesus deutete auf den Stein. "Und du hast sie getragen." Der Mann blickte auf seine Hand. "Du kannst nichts. Wie oft habe ich das gehört?!" Jesus legte einen Finger auf den Stein. "Aus dir wird nichts. Du bist schuld. Die anderen können es besser." Der Mann schloss die Hand um den Stein.
"Und irgendwann"", sagte Jesus, "brauchte niemand mehr diese Worte zu dir zu sagen." Der Mann sah ihn an. "Warum?" "Weil du angefangen hast, sie selbst zu sagen." Etwas zerbrach im Gesicht des Mannes. "Aber vielleicht stimmen sie ja." Jesus schüttelte langsam den Kopf. "Wenn hundert Menschen einem Kind sagen, es sei nichts wert, wird daraus keine Wahrheit." Er legte seine Hand auf die geschlossene Faust des Mannes. "Es wird daraus eine Wunde." Der Mann schluckte. "Eine Wunde?" "Ja." ""Aber ich fühle mich nicht verwundet." Seine Stimme zitterte. "Ich fühle mich unfähig." Jesus sah ihn lange an. "Vielleicht hast du deine Wunde so lange getragen, dass du glaubst, sie sei dein Wesen." Der Mann schwieg.
Am Wegrand stand ein kleiner Feigenbaum. Seine Äste waren dünn, nur wenige Blätter wuchsen daran. Jesus zeigte auf ihn. "Siehst du diesen Baum?" "Ja." "Stell dir vor, er hätte jahrelang kaum Wasser bekommen, seine Erde wäre hart und trocken gewesen. Niemand hätte sich um ihn gekümmert. Deshalb wäre er klein geblieben." Jesus sah den Mann an. "Würdest du sagen: Was für ein schlechter Baum?" "Nein." "Was würdest du sagen?" "Dass ihm etwas gefehlt hat." "Was?" "Wasser. Gute Erde. Pflege." Jesus nickte. "Und was fehlt einem Kind, dem niemand sagt: Ich hab dich lieb. Ich glaube an dich?" Der Mann schwieg. "Was fehlt einem Kind, das immer wieder hört: Du kannst das nicht. Lass es?" Die Augen des Mannes füllten sich mit Tränen. "Was fehlt einem Kind, das sich danach sehnt, dass jemand sich einfach darüber freut, dass es da ist?" Jetzt liefen die ersten Tränen über sein Gesicht. "Liebe", flüsterte er. Jesus nickte. "Ja."
Eine lange Stille. "Liebe." Dann fügte er hinzu: "Und jemand, der ihm etwas zutraut." Der Mann wischte sich hastig die Tränen weg. "Aber ich bin kein Kind mehr." "Nein." Jesus sah ihn freundlich an. "Doch irgendwo in dir sitzt noch immer dieser kleine Junge und wartet darauf, dass endlich jemand zu ihm sagt: Du musst mir nichts beweisen. Ich freue mich, dass es dich gibt."
Da begann der Mann zu weinen. Nicht über das, was gerade geschah. Er weinte um das Kind, das er einmal gewesen war. Um all die Male, in denen es etwas hatte zeigen wollen und niemand hingesehen hatte. Um all die Versuche, die es irgendwann nicht mehr gewagt hatte. Um all die Jahre, in denen aus fremden Stimmen seine eigene geworden war. Nach einer Weile fragte er: "Wie werde ich diese Stimmen los?" Jesus antwortete: "Vielleicht musst du sie nicht bekämpfen." "Was dann?" "Du brauchst eine andere Stimme." "Welche?" Jesus sah ihn an. "Meine." Dann sagte er: "Wenn die alte Stimme sagt: Du bist nichts - hör mich sagen: Du bist mein Bruder. Wenn sie sagt: Du kannst nichts - hör mich sagen: In dir liegt mehr, als du ahnst. Wenn sie sagt: Du bist nichts wert - hör mich sagen: Deinen Wert musst du nicht verdienen. Wenn sie sagt: Mach keinen Fehler - hör mich sagen: Du darfst lernen. Wenn sie sagt: Du wirst wieder versagen - hör mich sagen: Dann stehst du wieder auf. Und wenn sie sagt: Niemand kann dich lieben, so wie du bist -" Jesus schwieg. Der Mann hob den Kopf. "Was dann?" Jesus sah ihn an. Nicht prüfend, nicht mitleidig, nicht enttäuscht. Er sah ihn so an, als gäbe es in diesem Augenblick keinen wichtigeren Menschen auf der Welt. "Dann schau mich an." Der Mann hielt seinen Blick aus, vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit. "So", sagte Jesus leise, "sieht Gott dich." Da weinte der Mann wieder. Aber diesmal waren es andere Tränen. "Was soll aus mir noch werden?", fragte er. Jesus lächelte. "Warum musst du etwas werden?" "Das haben mich alle immer gefragt."
"Ich frage dich etwas anderes." "Was?" "Wer bist du?" Der Mann suchte nach einer Antwort. Er fand keine. Jesus legte ihm die Hand auf die Schulter. "Du bist ein Mensch, den Gott liebt." Eine Pause. "Damit beginnt alles." "Und wenn ich morgen wieder Angst habe?" "Dann geh mit deiner Angst einen kleinen Schritt." "Und wenn ich scheitere?" Jesus schüttelte den Kopf. "Du bist nicht gescheitert, nur weil dir etwas nicht gelingt." Der Mann sah ihn an. "Du bist mehr als das, was dir gelingt, und du bist mehr als das, was dir misslingt." Dann stand Jesus auf. Er streckte ihm die Hand entgegen. Der Mann betrachtete sie. "Ich weiß nicht, ob ich das kann." Jesus lächelte. "Du musst heute noch nicht wissen, was du alles kannst." Zögernd nahm der Mann seine Hand. Jesus zog ihn nicht hoch. Er hielt sie nur. Aufstehen musste der Mann selbst.
Und er stand auf. Zuerst unsicher. Aber er stand. "Was muss ich dann wissen?" Jesus antwortete: "Dass du nicht nichts bist." Sie gingen los. Langsam. Der Mann machte kleine Schritte. Aber kleine Schritte sind Schritte.
Nach einer Weile fragte er: "Jesus?" "Ja?" "Glaubst du wirklich, dass aus mir noch etwas werden kann?" Jesus blieb stehen. Er sah ihn an. "Nein." Der Mann erschrak. Für einen Augenblick waren sie wieder da, die alten Stimmen: Siehst du, wir haben es doch gewusst. Aus dir wird nichts. Doch Jesus lächelte. "Ich glaube nicht, dass aus dir erst noch etwas werden muss." Er legte seine Hand auf die Brust des Mannes. "Längst ist etwas aus dir geworden." "Was?" "Ein Mensch." Dann sagte er: "Ein einmaliger Mensch." Und noch leiser: "Ein geliebter Mensch." Der Mann sah ihn an. "Du hast es nur noch nicht erfahren." Dann gingen sie weiter. Der Weg war derselbe. Noch immer lagen Steine darauf. Noch immer wusste der Mann nicht, was morgen kommen würde. Seine Vergangenheit war nicht verschwunden. Seine Angst auch nicht. Aber etwas war anders. Tief in ihm hatte sich eine zweite Stimme neben die alten gestellt. Sie war noch leise. Zerbrechlich, wie das erste Grün an einem Baum nach einem langen Winter. Aber sie war da. Und als der Mann seinen nächsten Schritt machte, dachte er zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht: Ich werde es sowieso nicht schaffen. Er dachte: Ich muss gar nichts beweisen. Noch einen Schritt. Ich darf Fehler machen. Noch einen. Ich bin mehr als das, was andere aus mir gemacht haben. Und noch einen. Dann spürte er den kleinen Stein in seiner Hand. Er blieb stehen, öffnete die Finger, sah ihn noch einmal an und ließ ihn fallen. Nicht aus Wut. Nicht aus Verachtung. Er brauchte ihn einfach nicht mehr zu tragen. Jesus wartete auf ihn. Der Mann holte ihn ein. Und irgendwo hinter ihnen lag am Wegrand ein kleiner Stein. Vor ihnen aber lag der Weg.