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Das schleichende Erfrieren im Alltag oder: Die schwerste Krise der Menschheit
Wenn wir heute die Nachrichten einschalten oder die News-Apps auf unseren Smartphones öffnen, begegnet uns oft eine Welt voller Erschütterungen. Wir lesen von Kriegen, wirtschaftlichen Ängsten, der Klimakrise und einer tiefen Spaltung unserer Gesellschaft. Es ist laut, dramatisch und erzeugt Druck.
Als Jesus vor zweitausend Jahren mit seinen Jüngerinnen und Jüngern auf dem Ölberg saß, war die Stimmung ähnlich bedrückend. Er sprach mit ihnen vom Einsturz vermeintlicher Sicherheiten, von Krisen und Katastrophen. Doch mitten in diesem weltweiten Getöse lenkt Jesus den Blick plötzlich weg von den großen geopolitischen Ereignissen und wendet sich etwas ganz Kleinem und Intimem zu. Er schaut direkt in die Herzen der Menschen - und entdeckt dort die für ihn größte und gefährlichste Krise der Endzeit. Er sagt: "Weil die Gesetzlosigkeit überhandnimmt, wird die Liebe in vielen erkalten."
Jesus spricht hier nicht von einem plötzlichen Weltuntergang mit lautem Knall, sondern von einer schleichenden Eiszeit, von einem leisen, fast unbemerkten Erfrieren im Alltag.
Physikalisch betrachtet entsteht Kälte nicht durch etwas Neues, das hinzukommt. Kälte ist schlicht die Abwesenheit von Wärme. Wenn das Feuer ausgeht, wird es kalt. Ganz von alleine.
Wie zeigt sich dieses Erkalten heute ganz konkret? Meist beginnt es dort, wo wir versuchen, uns zu schützen. Kennst du das Gefühl, wenn du morgens die ersten Schlagzeilen liest? Wieder ein Konflikt, wieder eine Krise, wieder ein politischer Streit. Auf dem Weg zur Arbeit scrollen wir durch die sozialen Medien. In den Kommentarspalten schlägt uns pure Rohheit entgegen. Da wird nicht mehr diskutiert, sondern niedergemacht, beleidigt und verurteilt.
Und was geschieht mit uns? Unser Herz zieht sich zusammen. Wir merken: Wenn ich das alles an mich heranlasse, halte ich das psychisch nicht lange aus. Also bauen wir unbewusst einen Schutzpanzer auf und stumpfen ab. Das ist der Augenblick, in dem wir die Obdachlosen in der Fußgängerzone kaum noch wahrnehmen, sondern den Blick starr geradeaus richten. Das ist der Moment, in dem wir im Supermarkt die gestresste Kassiererin wie einen Automaten behandeln - ohne ein echtes ›Guten Tag‹, ohne Blickkontakt, schnell weiter. Das ist die Phase, in der eine Nachricht von einem einsamen Verwandten tagelang ungelesen bleibt, weil uns die Energie fehlt, uns mit den Problemen anderer zu beschäftigen.
Das Erschreckende an Jesu Prophezeiung ist: Aus diesem Schutzpanzer wird unbemerkt eine Isolationszelle. Wir wollen unser Herz vor Verletzungen schützen, doch am Ende frieren wir es ein. Wir werden unempfindlich für die Not der anderen. Jeder ist sich selbst der Nächste. Die Temperatur sinkt.
Einige Verse später vergleicht Jesus diese Endzeit-Stimmung mit den Tagen vor der großen Sintflut zu Noahs Zeiten. Er sagt: Die Menschen aßen, sie tranken, sie heirateten. Sie lebten in völliger Alltagsnormalität. Sie taten nichts Schlimmes - sie taten einfach nichts. Sie funktionierten nur, bauten ihr Leben auf, sicherten ihren Wohlstand und blendeten alles andere aus.
Dies ist die Maske der erkalteten Liebe: pure Gleichgültigkeit. Wenn es uns egal wird, wie es dem anderen geht, solange bei uns die Heizung läuft und der Kühlschrank voll ist. Wenn wir in Diskussionen im Familien- oder Freundeskreis nicht mehr zuhören, um zu verstehen, sondern nur darauf warten, den anderen mit unseren Argumenten niederzumachen. Wenn das Gegenüber nicht mehr als Mensch gesehen wird, sondern als lästiges Hindernis im eigenen durchgetakteten Alltag.
Jesus warnt uns: Diese Kälte bedroht nicht nur ›die Welt da draußen‹. Sie ist eine Gefahr für Menschen in den Kirchenbänken, für Familien, Nachbarschaften und Gemeinden.
Was tun wir, wenn es draußen friert? Es nützt nichts, das Thermometer zu beschimpfen oder sich über das Wetter zu beklagen. Man muss die Heizung aufdrehen, ein Feuer anzünden.
Dem Frost der Welt zu trotzen bedeutet im Alltag, bewusste Akte gegen die Kälte zu setzen. Oft sind es kleine Gesten, die die Temperatur schlagartig verändern: Wenn dir auf der Straße oder an der Kasse jemand unfreundlich begegnet: Brich den Kreislauf. Antworte mit einem Lächeln, mit unerwarteter Freundlichkeit. Lass dich nicht anstecken. Wenn du bemerkst, dass in einer WhatsApp-Gruppe oder beim Kaffeetrinken über jemanden hergezogen wird: Sei die Bremse. Sag bewusst etwas Gutes über die abwesende Person oder bitte darum, das Thema zu wechseln. Schenke Aufmerksamkeit. Nimm dir zwei Minuten für den alten Nachbarn, der am Zaun steht und offensichtlich einfach mal jemanden zum Reden braucht, auch wenn dein Terminkalender voll ist.
Wir können die globale Temperatur dieser Welt nicht mit einem Schlag verändern. Aber an dem genauen Ort, an den Gott uns heute gestellt hat, können wir dafür sorgen, dass es ein paar Grad wärmer wird.
Auch ich bin hin und wieder genervt, erschöpft und ertappe mich bei Gleichgültigkeit. Wenn wir versuchen, diese Wärme nur aus eigener Willenskraft zu erzeugen, brennen wir aus. Wir müssen aber nicht aus eigenen Reserven leben. Wir sind an eine Quelle angeschlossen, die niemals einfriert. Am Kreuz hat Jesus Christus gezeigt, wie unendlich heiß Gottes Liebe zu dieser oft so kalten, egoistischen Welt ist. Er ist in unsere Kälte gekommen, um uns aufzutauen.
Jederzeit können wir unser hart gewordenes, müdes Herz an diesem Feuer wärmen. Seine Liebe entzündet unsere Liebe neu und schenkt uns Kraft, morgen wieder hinauszugehen und dem Frost zu widerstehen. Lassen wir nicht zu, dass die Kälte dieser Zeit Besitz von uns ergreift. Seien wir als Christinnen und Christen lebendige Wärmestuben Gottes - voll Geduld, Empathie und brennender Liebe.