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Zur Zeit Jesu bedeckten viele jüdische Männer beim Gebet und beim Lesen der Heiligen Schriften ihr Haupt mit einem Tuch oder Schal. Dies war ein Zeichen der Ehrfurcht vor Gott und der Achtung vor seinem Wort. Wer die Schrift las, stellte sich damit bewusst unter die Gegenwart Gottes. Das über das Haupt gelegte Tuch drückte Demut, Sammlung und innere Hingabe aus. So erinnert die Darstellung daran, dass das Lesen der Heiligen Schrift ein geistlicher Weg ist, auf dem Menschen Gott begegnen.
Aus dem Schatz des Herzens
Text: Matthäusevangelium 13, 47-48 - Einheitsübersetzung neu
Da sagte er zu ihnen: Deswegen gleicht jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, einem Hausherrn, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt.
Gottes Wort ist für uns wie ein kostbarer Schatz
'Deswegen gleicht jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, einem Hausherrn, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt.' Mit diesem einen Satz beendet Jesus seine große Gleichnisrede. Nach den Bildern vom Sämann, vom Senfkorn, vom Sauerteig, vom Schatz im Acker und von der kostbaren Perle bleibt am Ende ein letztes Bild stehen: ein Mensch, der eine Schatzkammer besitzt.
Vielleicht stellen wir uns zunächst eine Truhe voller Gold und Edelsteine vor. Doch Jesus denkt an etwas anderes. Sein Schatz besteht nicht aus Dingen. Sein Schatz besteht aus Erfahrungen, Erinnerungen, Einsichten, Geschichten, Hoffnungen und Glaubensüberzeugungen.
Jeder Mensch trägt solche Schätze in sich. Da sind die Worte, die uns geprägt haben. Menschen, die uns Liebe geschenkt haben. Erfahrungen von Vertrauen und Geborgenheit. Augenblicke, in denen wir spürten: Mein Leben hat Sinn. Gott ist da. Aber auch schmerzhafte Erfahrungen gehören zu unserem Schatz. Krisen, Abschiede, Verluste. Oft entdecken wir erst später, dass gerade sie uns etwas gelehrt haben, das wir auf keinem anderen Weg hätten lernen können.
Jesus spricht von einem Hausherrn, der aus seinem Schatz 'Neues und Altes' hervorholt. Beides gehört zusammen.
Manche Menschen leben fast nur vom Alten. Früher war alles besser. Früher war der Glaube stärker. Früher war die Welt in Ordnung. Wer so denkt, lebt oft mehr in Erinnerungen als in der Gegenwart. Andere wiederum wollen nur das Neue. Alles Alte erscheint ihnen überholt. Altes wird als Ballast empfunden. Was gestern galt, soll heute möglichst vergessen werden.
Jesus schlägt weder die eine noch die andere Seite vor. Er sagt nicht: Holt nur das Alte hervor. Er sagt auch nicht: Holt nur das Neue hervor. Der Hausherr bringt beides ans Licht. Denn Gottes Geist wirkte nicht nur gestern. Und er beginnt auch nicht erst heute. Die alten Schätze des Glaubens sind kostbar: die biblischen Geschichten, die Psalmen, die Gebete vieler Generationen, die Erfahrungen von Menschen, die Gott vertraut haben. Sie tragen eine Weisheit in sich, die nicht veraltet.
Gottes Geist ist lebendig. Er sprach gestern, er spricht heute. Er zeigt sich in neuen Erfahrungen, in neuen Erkenntnissen, in neuen Wegen, Menschen zu begegnen. Gott wiederholt nicht ständig Vergangenes. Er schafft Neues.
Vielleicht ist das eine der größten Herausforderungen unseres Glaubens: die alten Schätze zu bewahren, ohne an ihnen festzukleben, und offen zu bleiben für das Neue, ohne die Wurzeln zu verlieren.
Ein Baum lebt nur, wenn beides zusammenkommt. Er braucht tiefe Wurzeln und zugleich neue Triebe. Nur Wurzeln machen ihn starr. Nur neue Triebe ohne Wurzeln lassen ihn verdorren. So ist es auch mit dem Glauben. Wer älter wird, sammelt viele Schätze. Erinnerungen an Menschen, die inzwischen gestorben sind. Erfahrungen von Freude und Leid. Geschichten des eigenen Lebens. Diese Schätze dürfen nicht verschlossen bleiben. Sie wollen hervorgeholt werden.
Gleichzeitig lädt uns Jesus ein, neugierig zu bleiben. Auch mit achtzig oder neunzig Jahren kann Gott noch Neues schenken. Neue Einsichten. Neue Begegnungen. Neue Formen des Vertrauens. Der Glaube macht nicht alt. Er hält das Herz lebendig.
Vielleicht liegt die tiefste Botschaft dieses Evangeliums darin, dass Gott selbst der große Hausherr ist. Seit Jahrtausenden holt er aus seinem Schatz Neues und Altes hervor. Er schenkt der Welt jeden Morgen einen neuen Tag. Und doch bleibt seine Liebe dieselbe. Seine Treue altert nicht. Seine Barmherzigkeit nützt sich nicht ab.
Wir Menschen ändern uns. Zeiten ändern sich. Die Welt verändert sich. Aber Gottes Liebe bleibt. Und deshalb dürfen auch wir aus unserem Schatz leben: dankbar für das Alte, offen für das Neue und vertrauensvoll gegenüber dem, was noch kommen wird. Denn der größte Schatz, den Gott uns anvertraut hat, ist nicht eine Lehre und nicht eine Tradition. Es ist seine Liebe. Und aus diesem Schatz geht nie etwas verloren. Er wird größer, je mehr wir daraus schöpfen.
→ Texterläuterung 13, 52