Raffael Santi, Verklärung
Bild: Raffael Santi, Verklärung

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Wo die Hände hinzeigen: Christus, das Licht über unserer Dunkelheit

Text: Lukasevangelium 9, 28–36 - wortgetreue Übersetzung aus dem griechischen Urtext

28 Es geschah aber: Etwa acht Tage nach diesen Worten nahm Jesus Petrus, Johannes und Jakobus mit sich und stieg auf einen Berg, um zu beten. 29 Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes und sein Gewand wurde leuchtend weiß. 30 Und siehe, es redeten zwei Männer mit ihm. Es waren Mose und Elija; 31 sie erschienen in Herrlichkeit und sprachen von seinem Ende, das er in Jerusalem erfüllen sollte. 32 Petrus und seine Begleiter aber waren eingeschlafen, wurden jedoch wach und sahen Jesus in strahlendem Licht und die zwei Männer, die bei ihm standen. 33 Und es geschah, als diese sich von ihm trennen wollten, sagte Petrus zu Jesus: Meister, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wusste aber nicht, was er sagte. 34 Während er noch redete, kam eine Wolke und überschattete sie. Sie aber fürchteten sich, als sie in die Wolke hineingerieten. 35 Da erscholl eine Stimme aus der Wolke: Dieser ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören. 36 Während die Stimme erscholl, fanden sie Jesus allein. Und sie schwiegen und erzählten in jenen Tagen niemandem von dem, was sie gesehen hatten.

Gottes Wort ist Licht für uns

Raffaels berühmtes Gemälde der Verklärung verbindet zwei biblische Szenen zu einem einzigen großen Glaubensbild. Oben leuchtet der Berg der Verklärung, unten herrscht die Not der menschlichen Welt. Zwischen beiden Bereichen spannt sich ein unsichtbarer Bogen.

In der oberen Bildhälfte schwebt Jesus in strahlendem Weiß. Sein Gewand scheint aus Licht gewebt zu sein. Die Arme sind erhoben, als wolle er Himmel und Erde zugleich umfassen. Zu seiner Linken und Rechten erscheinen Mose und Elija, die großen Gestalten des Alten Bundes. Sie stehen für Gesetz und Propheten, für die ganze Hoffnung Israels. Unter ihnen liegen Petrus, Jakobus und Johannes am Boden. Das Licht ist zu groß, die Wirklichkeit Gottes zu überwältigend. Sie können nur die Augen bedecken und sich dem Glanz hingeben.

Doch Raffael bleibt in seinem Bild nicht auf dem Berg. Er führt den Blick hinunter zur anderen Hälfte des Bildes. Menschen drängen sich zusammen, gestikulieren, rufen, zeigen mit den Händen. Im Mittelpunkt steht ein kranker Junge. Sein Körper wirkt verkrampft, sein Blick verloren. Die Menschen um ihn herum sind ratlos. Manche diskutieren, andere suchen Hilfe, wieder andere scheinen verzweifelt. Hier begegnen wir der Welt, wie wir sie kennen: Krankheit, Angst, Hilflosigkeit, Missverständnisse und die Sehnsucht nach Heilung.

Darin liegt die tiefe Botschaft dieses Bildes. Die Verklärung ist kein Entrinnen aus der Welt. Das Licht Gottes erscheint nicht, damit die Jünger für immer auf dem Berg bleiben. Das Licht zeigt vielmehr, wer Jesus wirklich ist: der Geliebte Gottes, der aus der Herrlichkeit kommt und in die Dunkelheit der Menschen hinabsteigt.

Der Berg allein wäre zu schön. Das Tal allein wäre zu dunkel. Erst beides zusammen erzählt das Evangelium. Oben die Erfahrung des Heiligen, das fascinosum, das Anziehende, Schöne und Lichtvolle Gottes. Unten das tremendum, die Erfahrung von Ohnmacht, Chaos und Leiden. Raffael malt beides in ein einziges Bild, weil beides zum menschlichen Leben gehört.

Wir in der Welt befinden uns unten im Bild. Wir kennen die verwirrten Gesichter, die Fragen ohne Antwort, die Sorge um einen geliebten Menschen. Wir kennen Situationen, in denen das Licht Gottes weit entfernt scheint. Doch Raffael lässt den Blick immer wieder nach oben wandern. Über dem Lärm des Tales steht der verwandelte Christus. Sein Licht berührt bereits die Dunkelheit darunter. Die Verklärung ist kein Gegenbild zur Wirklichkeit, sondern ihr verborgenes Geheimnis.

So wird dieses Gemälde zu einer Meditation über Hoffnung. Die letzte Wahrheit unseres Lebens liegt nicht in Krankheit, Angst und Verzweiflung. Sie liegt im Licht Gottes. Die Jünger müssen vom Berg wieder hinuntersteigen. Auch wir können nicht in außergewöhnlichen Augenblicken verweilen. Aber wir dürfen dieses Licht mitnehmen.

Denn die Botschaft der Verklärung lautet: Über der Unruhe der Welt steht die Herrlichkeit Gottes. Über dem Leid steht die Liebe. Über der Dunkelheit steht das Licht. Und über allem steht Christus, der Himmel und Erde miteinander verbindet.

Ein bemerkenswertes Detail des unteren Bildbereichs sind Hände und Arme, die nach oben zeigen. Während die Menschen um den kranken Jungen diskutieren, gestikulieren und nach einer Lösung suchen, richten sie ihre Hände auf die Szene der Verklärung über ihnen. Sie scheinen zu ahnen, dass die Antwort auf die Not des Tales nicht im Tal selbst zu finden ist.

Dieses Detail verbindet die beiden Bildhälften miteinander. Der obere und der untere Bereich sind nicht voneinander getrennt. Menschen unten weisen nach oben. Ihre ausgestreckten Hände bilden gleichsam eine Brücke zwischen menschlicher Bedürftigkeit und göttlicher Herrlichkeit. Sie zeigen über sich hinaus auf das Licht, das sie selbst noch nicht erreichen können.

Darin steckt eine tiefe Wahrheit über den Glauben. Wer nur auf die Dunkelheit schaut, bleibt in der Dunkelheit gefangen. Wer nur auf die Probleme blickt, sieht irgendwann nichts anderes mehr als Probleme. Die Menschen auf Raffaels Gemälde lehren einen anderen Weg: Mitten im Chaos zeigen sie auf das Licht. Mitten in der Verzweiflung erinnern sie sich daran, dass es eine Wirklichkeit gibt, die größer ist als das Leid.

So werden die ausgestreckten Hände zu einem Symbol der Hoffnung. Sie sagen: Die Heilung kommt nicht aus unserer Macht. Die Antwort liegt letztlich nicht in unserem Können. Aber wir dürfen hinweisen auf den, der Licht in die Dunkelheit bringt. Die Menschen unten können den verklärten Christus noch nicht erreichen - aber sie können auf ihn zeigen.

Das ist die Aufgabe jedes einzelnen Glaubenden: nicht auf sich selbst zu zeigen, nicht auf die eigenen Leistungen, Meinungen oder Traditionen, sondern auf das Licht Christi. Wie die Personen im unteren Bildbereich dürfen wir mit unserem Leben sagen: Dort ist die Quelle der Hoffnung. Dort ist die Liebe, die unendlich stärker ist als Angst. Dort ist das Licht, das keine Dunkelheit auslöschen kann.

So wandert der Blick des Betrachters immer wieder den Weg der ausgestreckten Hände hinauf - von der Verwirrung des Tales zur Klarheit des Berges, von der Not des Menschen zur Herrlichkeit Gottes. Darin liegt die geistliche Bewegung des ganzen Gemäldes. Nicht unten bleiben. Den Blick heben. Sich vom Licht anziehen lassen. Und mit neuer Hoffnung in die Welt zurückkehren.