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Wenn du erfahren hast, wer ich für dich bin ...
Ein zentraler Irrtum besteht darin, die ersten Worte der Zehn Gebote als Befehl zu hören. Dann klingt es so, als würde Gott sagen: 'Ich verbiete dir andere Götter. Wenn du mir nicht gehorchst, hast du mit Strafe zu rechnen.' Doch der Text beginnt ganz anders. Er beginnt nicht mit einem Gebot, sondern mit einer Erinnerung. Gott stellt sich vor: 'Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus, herausgeführt hat.'
Das Erste, was Gott über sich sagt, lautet nicht: 'Ich bin der Herrscher.' Er sagt auch nicht: 'Ich bin der Richter.' Er sagt: Ich bin der Befreier. Wer Gott verstehen will, muss bei diesem Satz beginnen. Gott ist der, der Menschen nicht gefangen hält, sondern sie aus ihren inneren Gefängnissen herausführt. Er befreit sie von allem, was sie klein macht, von allem, was ihnen die Luft zum Leben nimmt, von allem, was sie innerlich versklavt.
Darum könnte man den nächsten Satz tatsächlich so übersetzen: Wenn du erfahren hast, wer ich für dich bin - der Gott, der dich in die Freiheit führt -, dann wirst du keine anderen Götter mehr haben.
Das ist keine Forderung. Es ist eine Folge. Wer frisches Quellwasser gefunden hat, wird nicht aus einer schmutzigen Pfütze trinken. Wer die Liebe Gottes erfahren hat, muss sich nicht mehr an Ersatzgötter klammern.
Der Mensch ist ein religiöses Wesen. Er betet immer etwas an. Wenn nicht Gott, dann etwas anderes. Alles kann zum Götzen werden. Geld kann zum Götzen werden. Es verspricht Sicherheit. Doch je mehr man besitzt, desto größer wird die Angst, etwas zu verlieren. Erfolg kann zum Götzen werden. Er verspricht Anerkennung. Doch wer seinen Wert vom Erfolg abhängig macht, wird niemals zur Ruhe kommen. Macht kann zum Götzen werden. Sie verspricht Stärke. Doch sie macht abhängig davon, immer stärker sein zu müssen als andere. Ansehen kann zum Götzen werden. Dann bestimmt die Meinung anderer das eigene Leben. Selbst Religion kann zum Götzen werden, wenn sie nicht mehr in die Freiheit führt, sondern in Angst, Schuldgefühle und Leistungsdruck, oder wenn Religion süchtig macht. Auch Süchte aller Art sind Götzen. Sie versprechen Entspannung, Glück oder Vergessen. Für einen Augenblick scheint das sogar zu stimmen. Doch langsam aber sicher übernehmen sie die Herrschaft über den Menschen. Das Tragische an allen Götzen ist: Sie versprechen Freiheit und führen in Abhängigkeit. Sie versprechen Leben und nehmen Leben. Sie versprechen Glück und hinterlassen Leere.
Genau das war Ägypten. Ägypten ist in der Bibel nicht nur ein Land. Es ist ein Bild für alles, was Menschen versklavt. Ägypten ist überall dort, wo ein Mensch nicht mehr frei ist. Wo Geld über ihn herrscht. Wo Ehrgeiz über ihn herrscht. Wo Alkohol, Drogen oder Medien über ihn herrschen. Wo die digitale Welt über ihn herrscht. Wo Hass oder Verbitterung über ihn herrschen. Wo Angst über ihn herrscht. Wo das Urteil anderer wichtiger geworden ist als die Stimme Gottes.
Aus all diesen Ägypten will Gott herausführen. Er sagt nicht: 'Streng dich an!' Er sagt: 'Komm mit mir.' Er sagt nicht: 'Mach dich selbst frei.' Er sagt: 'Ich führe dich hinaus.' Das ist Gottes Wesen. Jesus hat genau dieses Wesen Gottes sichtbar gemacht. Er hat Menschen nie in neue Abhängigkeiten geführt. Er hat sie befreit. Er hat Kranke von ihrer Krankheit befreit. Schuldige von ihrer Schuld. Ausgestoßene von ihrer Einsamkeit. Verängstigte von ihrer Angst. Er hat Menschen aufgerichtet und ihnen ihre Würde zurückgegeben.
Darum sagt Jesus auch: 'Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.' Nicht, weil Gott Konkurrenz fürchtet. Sondern weil Jesus weiß: Der Mammon wird immer zum Herrn über den Menschen. Er hält den Menschen als Sklaven und führt ihn am Schnürchen wie eine Marionette.
Gott dagegen will keine Sklaven. Er will freie Menschen. Menschen, die lieben können. Menschen, die vertrauen können. Menschen, die loslassen können. Gott lädt uns ein, ihn immer tiefer kennenzulernen. Denn je mehr ein Mensch entdeckt, wer Gott wirklich ist, desto weniger Macht haben die Götzen über ihn. Sie verlieren ihren Glanz. Sie verlieren ihre Versprechen. Sie verlieren ihre Herrschaft, weil die Freiheit, die Gott gibt, unendlich schöner ist.
So beginnen die Zehn Gebote nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit einer ausgestreckten Hand. 'Ich bin dein Gott. Ich führe dich heraus aus allen Abhängigkeiten, in denen du gefangen bist. Vertrau mir. Dann wirst du frei sein. Und in dieser Freiheit verlieren alle Götzen ihre Macht über dich.'