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Der Weg zur Kindlichkeit ist der Weg zum Himmel
Text: Matthäusevangelium 18, 1–5 - Einheitsübersetzung neu
1 In jener Stunde kamen die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist denn im Himmelreich der Größte? 2 Da rief er ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte 3 und sagte: Amen, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen. 4 Wer sich so klein macht wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte. 5 Und wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf. 6 Wer einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, für den wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in der Tiefe des Meeres versenkt würde. 7 Wehe der Welt wegen der Ärgernisse! Es muss zwar Ärgernisse geben; doch wehe dem Menschen, durch den das Ärgernis kommt! 8 Wenn dir deine Hand oder dein Fuß Ärgernis gibt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Es ist besser für dich, verstümmelt oder lahm in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen und zwei Füßen in das ewige Feuer geworfen zu werden. 9 Und wenn dir dein Auge Ärgernis gibt, dann reiß es aus! Es ist besser für dich, einäugig in das Leben zu kommen, als mit zwei Augen in das Feuer der Hölle geworfen zu werden. 10-11 Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters. 12 Was meint ihr? Wenn jemand hundert Schafe hat und eines von ihnen sich verirrt, lässt er dann nicht die neunundneunzig auf den Bergen zurück, geht hin und sucht das verirrte? 13 Und wenn er es findet - Amen, ich sage euch: Er freut sich über dieses eine mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben. 14 So will auch euer himmlischer Vater nicht, dass einer von diesen Kleinen verloren geht.
Gottes Wort ist befreiend für uns
Jesus Christus,
du gehst mit uns - nicht nur über die Straßen unseres Lebens, sondern auch durch die Landschaften unserer Seele. Wie einst mit den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus
gehst du schweigend an unserer Seite, hörst unsere Fragen, kennst unsere Hoffnungen und Enttäuschungen und öffnest uns Schritt für Schritt die Schrift. Plötzlich
beginnen Worte zu leuchten, die uns zuvor fremd oder dunkel erschienen. Unser Herz wird weit, unser Verstand hell, und wir ahnen: Gott spricht nicht von einer fremden Welt, sondern von
unserem eigenen Leben.
Mit offenem Herzen und wachem Geist hören wir auf dein Wort, wenn du uns jetzt den Sinnzusammenhang von Matthäus 18,1-14 erschließt.
Jesus Christus:
Alles begann mit einer Frage meiner Jünger. Sie fragten: 'Wer ist der Größte im Himmelreich?' Das Himmelreich ist kein ferner Ort über den Wolken. Es ist ein anderer Name für Gott, für meinen Abba, den grenzenlos liebenden Vater und die zärtlich sorgende Mutter. So lautet die eigentliche Frage: Wer ist Gott am nächsten? Wer lebt ihm am ähnlichsten?
Meine Jünger dachten an Rangordnungen, an Bedeutung und Prestige, an Macht und Ansehen - so, wie Menschen seit jeher denken. Sie meinten, Gott müsse die Welt ebenso betrachten wie sie: mit Maßstäben des Erfolges, der Leistung und des Vergleichs. Doch Gott kennt keine Ranglisten.
Darum rief ich ein Kind herbei und stellte es in unsere Mitte. Warum ein Kind? Nicht weil Kinder vollkommen wären. Nicht weil sie immer unschuldig handelten. Sondern weil sie etwas besitzen, das Erwachsene nur allzu leicht verlieren: die Fähigkeit zum Urvertrauen, die Fähigkeit, zu staunen, im Augenblick zu leben, zu weinen, zu lachen, sich unbeschwert zu freuen, echt und spontan zu sein. Die Seele eines Kindes ist Gott besonders nahe; sie spiegelt die Reinheit und Leichtigkeit der Engel wider.
Darum sagte ich: 'Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen.' Ich meinte damit keine Rückkehr in die Kindheit. Ich sprach von der Rückkehr zur Kindlichkeit - zu jenem tiefsten Kern des Menschen, der lange vor allen Ängsten, Verletzungen und Enttäuschungen da war.
Jeder Mensch war einmal ein Kind. Doch wie viele verlieren im Laufe ihres Lebens ihre Kindlichkeit! Aus Angst entstehen Masken. Aus Enttäuschungen werden Mauern. Aus Verletzungen wird Härte. Was einst lebendig war, wird verschüttet unter Leistungsdruck, Selbstzweifeln und dem verzweifelten Bemühen, etwas darstellen zu müssen. Die eigentliche Umkehr besteht darin, wieder der Mensch zu werden, als den Gott uns von Anfang an gedacht hat.
An einer kindlichen Beziehung zu Gott - der Vater und Mutter ist - entscheidet sich, ob ein Mensch Lebensglück und Lebenssinn findet. Deshalb sagte ich: 'Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, nimmt mich auf. Wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Und wer Gott aufnimmt, lässt schon heute den Himmel in sein Leben einziehen.'
Darin liegt eine der wichtigsten Entscheidungen unseres Lebens. Ob wir unsere Kindlichkeit annehmen oder sie unter Schichten von Angst, Misstrauen und Härte begraben, entscheidet darüber, ob unser Herz weit oder eng wird, ob wir in innerer Freiheit oder in innerer Gefangenschaft leben, ob Himmel oder Hölle in unserem Herz Gestalt annehmen.
Darum warnte ich so eindringlich davor, einem Menschen Ärgernis zu geben, das heißt, Stolpersteine in den Weg zu legen oder Fallen zu stellen. Wer sich selbst oder andere daran hindert, zu jener ursprünglichen Kindlichkeit zurückzufinden, versperrt den Weg zu einem erfüllten Leben. Himmel und Hölle beginnen nicht nach dem Sterben am Ende des Lebens; sie beginnen mitten in unserem Leben, in unserem Herzen, in unseren Beziehungen.
Deshalb gebrauchte ich Bilder, die auf den ersten Blick schaurig und erschreckend wirken: den Eselsmühlstein, die Tiefe des Meeres, das Abhauen von Hand und Fuß, das Ausreißen des Auges und das ewige Feuer. Ich sprach in eindringlichen Bildern meiner Zeit, nicht um Angst zu verbreiten oder Menschen einzuschüchtern, sondern um sie wachzurütteln. Denn es geht um das Kostbarste überhaupt: um das Leben, das Gott jedem Menschen schenken möchte.
Doch ich lasse niemanden mit diesen Warnbildern allein. Darum erzählte ich unmittelbar danach das Gleichnis vom verlorenen Schaf. Der gute Hirt lässt neunundneunzig Schafe auf den Hügeln zurück und geht dem einen Verlorenen nach, sucht es solange, bis er es findet. Er legt es voller Freude auf seine Schultern und trägt es heim.
So ist Gott. Er gibt keinen Menschen verloren. Er sucht jeden, der sich im Dornengestrüpp des Lebens verfangen hat oder in den Schluchten der Angst, der Schuld und der Verzweiflung den Weg verloren hat. Er hört nicht auf zu suchen, bis er gefunden hat. Denn es ist der Wille des Vaters, dass kein einziges seiner geliebten Kinder verlorengeht.
Das letzte Wort Gottes heißt: 'Du bist mein geliebtes Kind. Ich habe dich nie aufgegeben und werde dich niemals aufgeben.'
Danke, Jesus Christus, dass du uns Herz und Verstand geöffnet hast, damit wir diese Worte nicht mit den Ohren der Angst, sondern mit dem Herzen der Liebe hören. Lass uns unsere eigene Kindlichkeit wiederfinden, damit schon heute in unserem Leben Himmel erfahrbar wird.