Texterläuterung zu Matthäus 21, 18-22 und Markus 11, 12-23
Text: Matthäusevangelium 21, 18–22 - Übersetzung: Elberfelder Bibel
18 Des Morgens früh aber, als er in die Stadt zurückkehrte, hungerte ihn. 19 Und als er einen Feigenbaum an dem Weg sah, ging er auf ihn zu und fand nichts an ihm als nur Blätter. Und er spricht zu ihm: Nie mehr komme Frucht von dir in Ewigkeit! Und sogleich verdorrte der Feigenbaum. 20 Und als die Jünger es sahen, verwunderten sie sich und sprachen: Wie ist der Feigenbaum sogleich verdorrt? 21 Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so werdet ihr nicht allein das mit dem Feigenbaum Geschehene tun, sondern wenn ihr auch zu diesem Berg sagen werdet: Hebe dich empor und wirf dich ins Meer!, so wird es geschehen. 22 Und alles, was immer ihr im Gebet glaubend begehrt, werdet ihr empfangen.
Text: Markusevangelium 11, 12–23 - Übersetzung: Elberfelder Bibel
12 Und als sie am folgenden Tag von Betanien weggegangen waren, hungerte Jesus. 13 Und er sah von Weitem einen Feigenbaum, der Blätter hatte, und er ging hin, ob er wohl etwas an ihm
fände; und als er zu ihm kam, fand er nichts als Blätter, denn es war nicht die Zeit der Feigen. 14 Und er begann und sprach zu ihm: Nie mehr in Ewigkeit soll jemand Frucht von dir essen!
Und seine Jünger hörten es.
15 Und sie kommen nach Jerusalem. Und er trat in den Tempel und begann die hinauszutreiben, die im Tempel verkauften und kauften; und die Tische der Wechsler und die Sitze der Taubenverkäufer
stieß er um. 16 Und er erlaubte nicht, dass jemand ein Gerät durch den Tempel trug. 17 Und er lehrte und sprach zu ihnen: Steht nicht geschrieben: 'Mein Haus wird ein Bethaus genannt werden
für alle Nationen'? Ihr aber habt es zu einer 'Räuberhöhle' gemacht. 18 Und die Hohen Priester und die Schriftgelehrten hörten es und suchten, wie sie ihn umbringen könnten;
sie fürchteten ihn nämlich, denn die ganze Volksmenge geriet außer sich über seine Lehre. 19 Und wenn es Abend wurde, gingen sie zur Stadt hinaus.
20 Und als sie frühmorgens vorbeigingen, sahen sie den Feigenbaum verdorrt von den Wurzeln an. 21 Und Petrus erinnerte sich und spricht zu ihm: Rabbi, siehe, der Feigenbaum, den du verflucht hast,
ist verdorrt. 22 Und Jesus antwortete und spricht zu ihnen: Habt Glauben an Gott! 23 Wahrlich, ich sage euch: Wer zu diesem Berg sagen wird: Hebe dich empor und wirf dich ins Meer!, und nicht zweifeln
wird in seinem Herzen, sondern glauben, dass geschieht, was er sagt, dem wird es werden.
Texterläuterung
Die Erzählung vom verdorrten Feigenbaum gehört zu den ungewöhnlichsten und zugleich am häufigsten missverstandenen Geschichten der Evangelien. Auf den ersten Blick wirkt Jesus unbeherrscht: Er hat Hunger, findet keine Früchte und verflucht deshalb einen Baum. Besonders Markus bemerkt ausdrücklich, dass 'es nicht die Zeit der Feigen war'. Warum erwartet Jesus dann überhaupt Früchte?
Gerade dieser scheinbare Widerspruch zeigt: Es geht nicht um einen botanischen Vorgang, sondern um eine symbolische Zeichenhandlung. Der Feigenbaum steht für etwas anderes.
Bei Markus ist die Erzählung kunstvoll aufgebaut. Jesus verflucht den Feigenbaum (Mk 11,12-14). Danach reinigt er den Tempel (Mk 11,15-19). Am nächsten Morgen entdecken die Jünger den verdorrten Baum (Mk 11,20-23). Der Feigenbaum umrahmt also die Tempelreinigung. Beide Ereignisse gehören untrennbar zusammen.
Auch Matthäus verbindet beide Erählungen unmittelbar miteinander, wenn auch ohne diese literarische Verschachtelung. Dadurch wird deutlich: Der verdorrte Feigenbaum ist ein Bild für den Tempel und das religiöse System Jerusalems.
Im Alten Testament ist der Feigenbaum häufig ein Bild für Israel: Hosea 9,10; Jeremia 8,13; Micha 7,1; Joel 1. Ein gesunder Feigenbaum bedeutet Leben, Frieden und Segen. Ein verdorrter Feigenbaum steht dagegen für ein Volk oder ein religiöses System, das seine eigentliche Bestimmung verloren hat.
Markus beschreibt den Baum: Er hatte viele Blätter. Gerade das ist wichtig. Viele Blätter lassen von weitem vermuten, dass sich bereits die ersten essbaren Frühfeigen gebildet haben müssten. Doch als Jesus näher kommt, findet er nichts. Der Baum macht also einen fruchtbaren Eindruck. Er hält aber nicht, was sein Äußeres verspricht.
Genau darin liegt das Bild. Der Tempel ist prachtvoll. Die Liturgie funktioniert. Die Opfer werden dargebracht. Die Priester verrichten ihren Dienst. Alles sieht religiös aus. Aber Gottes eigentliche Frucht fehlt. Welche Frucht fehlt? Die Propheten nennen immer wieder dieselben Früchte: Vertrauen auf Gott, Barmherzigkeit, Frieden, soziale Gerechtigkeit, Schutz der Armen.
Jesus sagt: 'An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.' Nicht Blätter zählen. Nicht religiöse Formen. Nicht Opfer. Sondern das, was aus einem Herzen hervorgeht, das von Gottes Liebe geprägt ist.
Manche verstehen die Geschichte so, als hätte Jesus aus Ärger einen Baum vernichtet. Das passt jedoch nicht zum übrigen Evangelium. Jesus verflucht niemals Menschen. Er heilt. Er vergibt. Er weint über Jerusalem.
Darum geht es auch hier nicht um einen Wutausbruch Jesu. Vielmehr vollzieht Jesus eine prophetische Zeichenhandlung - ähnlich wie die Propheten des Alten Testaments, die ihre Botschaft oft durch symbolische Handlungen sichtbar machten.
Der verdorrte Baum zeigt: Ein Glaube ohne Liebe ist verdorrt. Der Tempel ist bereits innerlich verdorrt. Die Tempelreinigung erklärt die Bedeutung des Zeichens. Der Ort der Gottbegenung ist zu einem religiösen Marktplatz geworden. Äußerlich lebt alles weiter. Innerlich fehlt das Entscheidende. Der Feigenbaum macht sichtbar, was längst Wirklichkeit geworden ist. Der Baum zeigt den inneren Zustand.
Anschließend spricht Jesus vom Glauben: 'Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so werdet ihr nicht allein das mit dem Feigenbaum Geschehene tun, sondern wenn ihr auch zu diesem Berg sagen werdet: Hebe dich empor und wirf dich ins Meer!, so wird es geschehen.'
Die Geschichte richtet sich nicht gegen einen Baum. Sie richtet sich gegen eine Religion, die zwar viele Blätter besitzt, aber keine Früchte hervorbringt. Sie fragt jede Generation neu: Gibt es hinter unseren religiösen Vollzügen Liebe? Wächst aus unserem Glauben Barmherzigkeit? Oder bleibt alles beim schönen äußeren Schein?