Texterläuterung zu Matthäus 18, 15-20

Text: Matthäusevangelium 18, 15-20 - Einheitsübersetzung neu

Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde! Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner. Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein. Weiter sage ich euch: Was auch immer zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Texterläuterung

Dieser Textabschnitt ist ein Teil des 18. Kapitels des Matthäus-Evangeliums. In diesem Kapitel stellt der Verfasser verschiedene Jesusworte zu einer der großen Reden Jesu zusammen. Sie trägt in der Einheitsübersetzung die Überschrift: 'REDE ÜBER DAS LEBEN IN DER GEMEINDE' (Mt 18, 1-35).

Zu Lebzeiten Jesu gab es allerdings noch keine Christengemeinden, wohl aber zur Zeit der Abfassung des Matthäus-Evangeliums. Das war etwa fünf Jahrzehnte nach Jesu Sterben und Auferstehen.

Diese Evangelienstelle (Mt 18, 15-20) überschreibt die Einheitsübersetzung mit 'Von der Verantwortung für den Bruder'. Der Verfasser des Matthäusevangeliums war auch im religiösen Judentum stark verwurzelt; denn er gehörte der jüdischen Religion an, bevor er Christ wurde. Die Zurechtweisung des Bruders (= des Mitmenschen) hatte im religiösen Judentum eine lange Tradition. Sie legt dem einzelnen Menschen die Verantwortung ans Herz, den 'Bruder' auf ein Verhalten aufmerksam zu machen, das dem Zusammenleben (in einer Gemeinschaft) schadet. Der Verfasser des Matthäusevangeliums übernimmt also in dieser Evangelienstelle Formulierungen der jüdischen Überlieferung und legt sie Jesus in den Mund.

Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurück gewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit, denn jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.

'Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht': Nach damaligem Sprachgebrauch galt die Bezeichnung 'Bruder' auch für 'Schwester'. Mit Bruder und Schwester sind die Mitchristen in der christlichen Gemeinde gemeint. Eine andere Textvariante lautet: 'Wenn dein Bruder gegen dich sündigt'. 'Gegen dich' ist als persönliche Verfehlung gegen einen bestimmten Menschen zu verstehen, als persönliche Kränkung oder Beleidigung. 'Gegen dich' kann aber ein späterer Texteinschub sein. Dann ist mit 'Wenn dein Bruder sündigt' ursprünglich eine Verfehlung ganz allgemein gemeint.

Das griechische Wort, das mit sündigen übersetzt wird, hat die Grundbedeutungen: am Ziel vorbeischießen, nicht treffen, das Ziel verfehlen, den Weg verfehlen. Somit bedeutet sündigen den wahren Lebenssinn, den Weg, der zur ersehnten Glückseligkeit führt, verfehlen. Im deutschen Wort sündigen stecken die Begriffe sondern, sich absondern, sich entfernen, sich trennen. Sündigen bedeutet folglich abgesondert, entfernt, getrennt von Gott, von Gottes Liebe und von Gottes Wegen leben und sich damit abschneiden vom wahren Leben, von der Fülle des Lebens.

Wie das Wort 'zurechtweisen' verstanden wird, zeigen die sinnverwandten Wörter: zusammenstauchen, zur Raison bringen, mit jemandem Schlitten fahren, abkanzeln, heruntermachen, rüffeln, den Kopf waschen, unter die Nase reiben. Zurechtweisen ist immer überheblich, so brüderlich kann es gar nicht sein. Es ist eine 'von oben herab'-Haltung und bedeutet Macht über jemanden ausüben. So ist Jesus mit Sicherheit niemals mit Menschen umgegangen.

'Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner: Unter Gemeinde ist hier die örtliche Christengemeinde (= Ortskirche) zu verstehen. Nach religiöser Überzeugung des Judentums waren Heiden (sie waren keine Juden) und Zöllner (wegen ihrer Lebensweise) vom auserwählten Volk Gottes ausgeschlossen. Also: Dann sei für dich jemand, der aus der Gottesordnung herausgefallen und deshalb aus der Christengemeinde auszugrenzen ist. Hier zeigt sich deutlich, dass der Verfasser des Matthäus-Evangeliums, der als Judenchrist zutiefst vom religiösen Judentum geprägt war, diese Worte Jesus in den Mund gelegt hat. Denn sie stehen völlig im Widerspruch zu dem, was Jesus getan hat. Jesus hat niemanden ausgegrenzt. Er hat damit gezeigt, dass Gott niemanden ausgrenzt. Jesus ging auf die Zöllner zu, ließ sie nicht draußen stehen, sondern holte sie in seine Gemeinschaft herein und sagte ihnen, dass auch sie Kinder Gottes sind. Das gab ihnen Kraft, ihr Leben zu ändern und neu anzufangen.

'Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelÖst sein.' Binden bedeutet im Sprachgebrauch der jdischen Rabbinen: für verbindlich erklären, verbieten. Lösen bedeutet im Sprachgebrauch der jüdischen Rabbinen: für nicht verbindlich erklären, erlauben. Diese Bedeutungen hat der Verfasser des Matthus-Evangeliums bernommen. Binden und lösen sind kein Freibrief, den Gott den Menschen ausstellt, Macht und Gewalt über jemanden auszuüben, weder für örtliche Christengemeinden noch für die Gemeinschaft aller Christen. Binden und lösen hat sich immer an Gott zu orientieren, der die Liebe ist. Daher ist der Ausdruck von der Binde- und Lösegewalt total fehl am Platz.