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Sehen mit dem Herzen
Es gibt eine Art des Sehens, die tiefer reicht als das Augenlicht.
Unsere Augen sehen Formen, Farben und Gesichter. Sie liefern Bilder. Doch Bilder allein sagen noch nichts über das Wesen eines Menschen. Man kann einen Menschen tausendmal ansehen und ihn trotzdem nie wirklich erkennen. Das Herz sieht anders. Es sieht nicht die Oberfläche. Es spürt das Wesentliche. Mit dem Herzen erkennen wir Liebe. Vertrauen. Güte. Wahrheit. Schönheit. Hoffnung. Kein Mikroskop und kein Teleskop können sie sichtbar machen. Kein Verstand kann sie beweisen. Und doch wissen wir, dass sie wirklich sind.
Darum betet der Apostel Paulus für die Gemeinde in Ephesus: 'Christus erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid.' (Epheser 1,18) Paulus spricht nicht von den Augen des Körpers. Er spricht von den Augen des Herzens. Denn das Herz besitzt eine eigene Erkenntnis. Es kann wahrnehmen, was den bloßen Augen verborgen bleibt. Es erkennt nicht zuerst Tatsachen, sondern Sinn. Es entdeckt nicht zuerst Beweise, sondern Vertrauen. Es sieht die tiefere Wirklichkeit Gottes.
Jahrhunderte später hat Antoine de Saint-Exupéry denselben Gedanken in einem einzigen Satz ausgedrückt: 'Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.' Was der Dichter poetisch formuliert, sagt Paulus im Glauben. Und genau das erzählt auch das Evangelium von den beiden Blinden. Mit den Augen sehen sie nichts. Mit dem Herzen erkennen sie den Messias. Sie hören nur eine Stimme. Sie hören von Jesus. Das genügt ihnen. Etwas in ihrem Herzen erkennt: Das ist der, nach dem wir uns sehnen. Das ist der, der heil machen kann. Darum rufen sie: 'Hab Erbarmen mit uns, Herr, Sohn Davids!' Die Menschen um sie herum sehen Jesus mit offenen Augen. Sie gehen mit ihm. Sie beobachten ihn. Aber viele erkennen ihn nicht. Die Blinden dagegen sehen ihn mit dem Herzen. Vielleicht sind wir manchmal selbst wie die Menschen in der Menge. Wir sehen viel und erkennen wenig. Wir beurteilen Menschen nach ihrem Aussehen, ihrer Leistung oder ihrem Erfolg. Wir teilen ein in wichtig und unwichtig, wertvoll und wertlos. Das Herz urteilt anders. Es fragt nicht: Was leistet dieser Mensch? Es fragt: Was bewegt ihn? Woran leidet er? Wonach sehnt er sich?
Jesus sieht mit dem Herzen. Darum bleibt er stehen. Während alle weitergehen wollen, hält er inne. Während andere nur zwei Bettler sehen, sieht er zwei geliebte Menschen. So sieht Gott. Er sieht unsere Sehnsucht. Er sieht unsere Wunden. Er sieht die Schönheit, die oft unter Angst, Schuld oder Enttäuschung verborgen liegt. Die größte Blindheit beginnt dort, wo das Herz verschlossen ist. Wo ein Mensch nur noch rechnet und bewertet. Wo er nur noch kontrolliert und beweist. Wo er verlernt hat zu staunen.
Jesus öffnet nicht nur Augen. Er öffnet Herzen. Er schenkt jene 'erleuchteten Augen des Herzens', von denen Paulus spricht. Augen, die Hoffnung sehen, wo andere nur Aussichtslosigkeit erkennen. Augen, die Gottes Gegenwart entdecken, wo andere nur Zufall vermuten. Augen, die im Mitmenschen einen geliebten Menschen Gottes sehen. Wer mit dem Herzen sieht, entdeckt Gott überall: im Lächeln eines Kindes, in der Hand, die streichelt, im Menschen, der vergibt, in der Stille eines Waldes, im Brot, das geteilt wird, in einem Wort, das Hoffnung schenkt.
Mit dem Herzen sehen heißt, hinter die sichtbare Welt zu schauen. Es heißt zu erkennen, dass Liebe stärker ist als Hass, Vertrauen stärker als Angst.
Darum ist die Bitte der beiden Blinden auch unsere Bitte: Herr, öffne unsere Augen. Nicht nur die Augen unseres Körpers. Öffne auch die Augen unseres Herzens. Erleuchte die Augen unseres Herzens, damit wir die Hoffnung erkennen, zu der du uns berufen hast. Dann werden auch wir erfahren, was Paulus verkündet, was Saint-Exupéry so wunderbar in Worte fasst und was die beiden Blinden erfahren haben: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Lass uns die Welt sehen, wie du sie siehst. Lass uns den Menschen sehen, den wir vorschnell beurteilt haben. Lass uns uns selbst sehen als Menschen, die von dir geliebt sind. Und lass uns dich erfahren - nicht nur mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen, das sehen gelernt hat.