Empathie, Traurigkeit, Schmerz
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Empathie, Traurigkeit, Schmerz - kein Zorn, keine Gewalt

Text: Matthäusevangelium 21, 12–17 - Übersetzung: Das Buch

12 Dann ging Jesus in den Tempelbereich hinein und warf alle Verkäufer und Marktschreier hinaus. Er stieß die Tische der Geldwechsler um und die Hocker, auf denen die Taubenverkäufer saßen. 13 Dabei sagte er: In Gottes Buch steht: 'Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein.' Aber ihr habt es in eine Räuberhöhle verwandelt!'

Gottes Wort ist für uns Frohbotschaft, nicht Drohbotschaft

Wenn wir diese Szene hören oder lesen, entsteht leicht ein bestimmtes Bild. Jesus kommt in den Tempel. Er stößt Tische um. Er treibt Händler hinaus. Manche sehen darin einen zornigen Jesus, der einmal 'durchgreift'. Manche sprechen sogar von heiliger Gewalt.

Doch passt dieses Bild wirklich zu dem Jesus, der gesagt hat: 'Selig, die keine Gewalt anwenden.' Zu dem Jesus, der Petrus das Schwert aus der Hand nimmt. Zu dem Jesus, der lieber selbst Gewalt erleidet, als Gewalt auszuüben.

Ich glaube, wir müssen genauer hinhören. Jesus kommt in den Tempel. Er sieht den Ort, der Menschen Gott nahebringen soll. Er hört das Geschrei der Händler, das Klirren der Münzen, das Feilschen um Preise. Wo Menschen beten sollten, herrscht Geschäftigkeit. Wo Herzen zur Ruhe kommen sollten, wird gerechnet. Wo Gott gesucht werden sollte, ist kein Platz für ihn.

Und da geschieht etwas in Jesus. Nicht Hass. Nicht Wut. Sondern tiefer Schmerz. Es ist der Schmerz eines Liebenden. Wer liebt, leidet daran, wenn das Geliebte entstellt wird. Eine Mutter leidet, wenn ihr Kind sich selbst zerstört. Ein Vater leidet, wenn seine Tochter einen lebensfeindlichen Weg einschlägt. Ein Freund leidet, wenn eine Freundschaft zerbricht.

So leidet Jesus am Tempel. Er leidet nicht, weil Regeln verletzt werden. Er leidet, weil Gott verloren geht. Der Tempel war nicht dafür gebaut worden, möglichst viele Opfer zu verkaufen. Er war gebaut worden, damit Menschen Gott begegnen können. Aus einem Haus des Gebets ist ein Haus religiöser Geschäfte geworden. Nicht nur Geld wird gewechselt. Auch das Gottesbild hat sich verändert. Man kann den Eindruck gewinnen, Gott sei nur über Leistungen erreichbar. Man müsse erst bezahlen, erst opfern, bevor man zu ihm kommen darf.

Jesus erkennt, wie sehr dieses Bild Menschen von Gott entfernt. Darum zitiert er den Propheten Jesaja: 'Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein.' Ein Gebet kann man nicht kaufen. Liebe kann man nicht verkaufen. Vertrauen entsteht nicht durch Geschäfte. Und dann folgt der Satz aus Jeremia: 'Aber ihr habt es in eine Räuberhöhle verwandelt.' Eine Räuberhöhle ist kein Ort, an dem geraubt wird. Sie ist der Ort, an den Räuber sich zurückziehen und glauben, dort sicher zu sein. Jeremia meint Menschen, die Unrecht tun und anschließend denken: Im Tempel sind wir wieder in Ordnung.

Religion wird zur Tarnung. Das schmerzt Jesus. Er liebt den Tempel. Die Tische, die er umstößt, sind deshalb nicht Ausdruck blinder Aggression. Sie sind eine prophetische Geste. Die Propheten Israels haben oft durch Zeichen gesprochen. Jeremia zerbricht einen Krug. Ezechiel baut eine Belagerung nach. Jesus stößt Tische um. Er will Menschen aufrütteln. Nicht verletzen. Er schlägt niemanden. Nirgendwo lesen wir, dass jemand verletzt wird. Sein Ziel ist nicht Zerstörung. Sein Ziel ist Veränderung.

Und sofort zeigt Matthäus, worum es Jesus wirklich geht. Kaum sind die Händler fort, geschieht etwas Neues. 'Blinde und Lahme kamen zu ihm im Tempel, und er heilte sie.' Das ist der eigentliche Höhepunkt. Wo vorher Geld zählte, zählen jetzt Menschen. Wo vorher gehandelt wurde, wird geheilt. Wo vorher gerechnet wurde, wird geliebt.

Noch eindrucksvoller wird das Bild. Kinder beginnen zu rufen: 'Hosanna dem Sohn Davids!' Die führenden Priester ärgern sich. Jesus freut sich. Denn Kinder besitzen etwas, das Erwachsene oft verloren haben. Sie staunen. Sie vertrauen. Sie freuen sich. Sie erkennen mit dem Herzen. Der Tempel wird wieder lebendig. Nicht durch Opfer. Nicht durch Geld. Sondern durch Heilung, Freude und Lob.

Es ist kein Zufall, dass das Lukasevangelium kurz vor der Tempelszene erzählt, wie Jesus über Jerusalem weint. Die Tränen und die Tempelreinigung gehören zusammen. Beides entspringt der Liebe. Jesus kommt nicht als Richter, der abrechnet. Er kommt als Liebender, der leidet. Er leidet daran, dass Menschen Gott verfehlen und sich selbst den Zugang zu seiner Liebe versperren. Darum räumt Jesus den Weg frei. Nicht aus Zorn, sondern aus Liebe. Nicht um Menschen hinauszuwerfen, sondern damit sie wieder heimkommen können. Seine Tränen über Jerusalem und seine prophetische Geste im Tempel erzählen dieselbe Botschaft: Gott gibt den Menschen nicht auf. Sein Herz ist voller Schmerz - und voller Hoffnung, dass Menschen den Weg zu ihm finden oder wiederfinden.