Die zärtliche Macht der Güte
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Die zärtliche Macht der Güte oder: Warum die Menschen in Scharen zu Jesus kamen

Text: Matthäusevangelium 14, 34-36 - Übersetzung: Drewermann

34 So hinübersetzend kamen sie ans Land nach Genezareth. 35 Doch wie ihn die Männer jenes Ortes erkannten, schickten sie in die ganze Umgebung dort, und sie trugen ihm zu alle, die übel dran waren. 36 Und sie redeten ihm zu, sie möchten doch nur berühren den Saum seines Mantels, und so viele berührten, wurden errettet.

Gottes Wort ist Botschaft der zärtlichen Güte für uns

Wo immer Jesus hinkam, verbreitete sich die Kunde von seiner Anwesenheit wie ein Lauffeuer. Und sofort machten sich die Menschen auf den Weg und kamen in Scharen zu ihm. Wer nicht gehfähig war, wurde zu ihm getragen. Jesus hatte einen außergewöhnlichen Zulauf, besonders von Menschen, denen das Leben übel mitspielte: Menschen mit verschiedenerlei seelischen und körperlichen Beschwerden und Gebrechen, Sorgen, Ängsten und Nöten, Arme, Ausgegrenzte, Belastete oder Verzweifelte.

Die Evangelien lassen erkennen, dass dies nicht nur an seinen Heilungen lag. Viele andere Wanderprediger und Wunderheiler gab es damals ebenfalls. Bei Jesus kam Vieles hinzu.

Er sah die Menschen auf Augenhöhe an

Viele Menschen waren es gewohnt, übersehen, unbeachtet oder verurteilt zu werden. Jesus sah sie. Er nahm sie wahr. Er fragte nach ihrem Leid. Er hörte zu. Er schenkte Empathie. Er begegnete ihnen nicht als Fällen, Problemen oder Sündern, sondern als geliebten Menschen. Der Blinde am Wegesrand war für viele ein Störfaktor. Jesus blieb stehen und wendete sich ihm zu. Die Frau, die als Sünderin galt, wurde von anderen gemieden. Jesus ließ sie an sich heran. Der Zöllner Zachäus wurde verachtet. Jesus setzte sich mit ihm an einen Tisch und aß mit ihm. Menschen spürten: Jesus schaut mich nicht von oben herab an. Er verbreitet keine Angst. Viele religiöse Stimmen seiner Zeit arbeiteten mit Angst: Angst vor Gottes Gericht, Angst vor Unreinheit, Angst vor dem Versagen. Jesus dagegen sagte immer wieder: 'Habt keine Angst.' Er sprach von Gott nicht als von einem strengen Kontrolleur, sondern als von einem liebenden Vater und einer barmherzigen Mutter, die ihre Kinder sucht und trägt. Wer sein Leben lang Angst gemacht bekommen hat, spürt sofort, wenn ihm jemand die Angst nimmt.

Er schenkte Würde

Jesus gab den Menschen ihre Würde zurück. Den Kranken sagte er nicht: Du bist von Gott bestraft. Den Armen sagte er nicht: Du bist selbst schuld. Den Ausgegrenzten sagte er nicht: Du gehörst nicht dazu. Er vermittelte: Du bist wertvoll. Du gehörst dazu. Gott liebt dich. Das muss auf viele Menschen wie ein Aufatmen gewirkt haben.

Er verkörperte, was er sagte

Menschen merken meist schnell, ob jemand nur schöne Worte macht oder ob er das lebt, was er verkündet. Jesus sprach von Liebe - und liebte. Er sprach von Vergebung - und vergab. Er sprach von Barmherzigkeit - und lebte barmherzig. Zwischen seinen Worten und seinem Leben gab es keine Kluft. Das macht glaubwürdig.

Von ihm ging Heilung, Stärkung und Trost aus

Die Evangelien berichten immer wieder, dass Menschen schon die Berührung seines Gewandes suchten. Natürlich dachten viele an körperliche Heilung. Aber offenbar geschah noch mehr. Menschen fühlten sich in seiner Nähe angenommen, verstanden und getröstet. Von Jesus ging eine Atmosphäre aus, in der Menschen aufatmen konnten. Man könnte sagen: Er strahlte Vertrauen aus. Frieden. Güte. Empathie.

Er gab Hoffnung

Die Menschen seiner Zeit lebten unter Besatzung, Armut, hohen Steuern, Krankheiten und sozialer Unsicherheit. Jesus verkündete: Das Reich Gottes ist nahe. Damit meinte er nicht eine ferne Zukunft. Er ließ die Menschen spüren: Gottes heilende und befreiende Wirklichkeit ist schon da - hier und jetzt. Wer keine Hoffnung mehr hat, klammert sich an jeden Hoffnungsschimmer. Jesus war für viele unendlich mehr als ein Hoffnungsschimmer. Er war die Erfahrung, dass Gott sie nicht vergessen hat. Vielleicht war das Wichtigste: Wenn Menschen Jesus begegneten, hatten sie die Gewissheit: Bei ihm muss ich mich nicht verstecken und nicht schämen. Ich darf arm sein. Ich darf krank sein. Ich darf zweifeln. Ich darf scheitern. Ich darf weinen. Und trotzdem werde ich geliebt.

Jesus zog die Menschen an, wie eine Quelle frischen Wassers Menschen anzieht, die lange Durst gehabt haben.

Christus, du bist in uns, und wir sind in dir. Wir trinken aus deiner Quelle, aus der Quelle des Lebens. Bei dir löschen wir unseren Durst nach Leben in Fülle.