Texterläuterung zu Matthäus 5, 17-20

Text: Matthäusevangelium 5, 17-20 - Übersetzung: Münchener Neues Testament

17 Meint nicht, dass ich kam, aufzulösen das Gesetz oder die Propheten; nicht kam ich aufzulösen, sondern zu erfüllen. 18 Amen, denn ich sage euch: Bis vergeht der Himmel und die Erde, nicht ein einziges Jota oder ein einziges Häkchen vergeht vom Gesetz, bis alles geschieht. 19 Wer immer also auflöst ein einziges dieser geringsten Gebote und lehrt so die Menschen, der Geringste wird er gerufen werden im Königtum der Himmel; wer aber immer es tut und so lehrt, dieser wird groß gerufen werden im Königtum der Himmel. 20 Denn ich sage euch: Wenn nicht überfließt eure Gerechtigkeit mehr als die der Schriftkundigen und Pharisaier, nicht werdet ihr hineingehen ins Königtum der Himmel.

Texterläuterung

Jesus steht am Anfang der Bergpredigt, und man spürt: In der Luft liegt eine Frage, die viele umtreibt. Er spricht von Gottes Reich, von Seligpreisungen, von Salz und Licht - und sofort entsteht der Verdacht, der in religiösen Umbruchszeiten fast automatisch aufkommt: Will der da das Alte wegschieben? Will er Mose relativieren? In Galiläa, wo Juden unter römischer Besatzung leben und sich in Synagogen und Häusern um die Tora sammeln, ist diese Sorge nicht theoretisch. Die Tora ist Identität, Gedächtnis, Hoffnung - und zugleich Streitpunkt. In genau diese Spannung hinein sagt Jesus: Ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen.

Der Schauplatz ist Galiläa, ein Landstrich mit Dörfern, Feldern, Fischern, Handwerkern, mit Nähe zu Handelswegen und dadurch auch zu sprachlicher und kultureller Vielfalt. Die römische Ordnung ist spürbar, aber das religiöse Leben pulsiert in Synagogen, in Familien, in Sabbatpraxis, Speisegewohnheiten, Festkalender. 'Gesetz' ist hier nicht bloß eine Sammlung von Paragrafen, sondern der Weg, wie ein Volk unter Gott lebt - gerade in einer Welt, die von fremder Macht geprägt ist.

Wenn Jesus 'Gesetz und Propheten' sagt, hört das Publikum nicht nur 'Regeln', sondern die ganze Erzählung Israels: Befreiung aus Ägypten, Bundesschluss, Weisung zum Leben, prophetische Kritik an Unrecht, Verheißung eines erneuerten Herzens. Jesus spricht in eine religiös hoch aufmerksame Landschaft hinein - nicht als kühler Systematiker, sondern als einer, der die Tradition kennt und sie in Brand setzt, ohne sie zu verbrennen.

Im Matthäus-Evangelium ist die Bergpredigt so etwas wie die programmatische Visitenkarte Jesu. Nach der Taufe, der Versuchung und dem Beginn seiner Verkündigung sammelt Jesus Menschen um sich und legt aus, wie Gottes Wille 'von innen her' Gestalt gewinnt. Matthäus schreibt für eine Gemeinde, die stark jüdisch geprägt ist oder sich jedenfalls ständig gegenüber jüdischer Tradition verorten muss. Darum ist dieser Abschnitt nicht Nebensatz, sondern Weichenstellung: Matthäus will zeigen, dass Jesus nicht gegen Israel steht, sondern dass in Jesus Israels Hoffnung auf ihren Sinn zuläuft. Gleichzeitig bereitet dieser Abschnitt den Konflikt vor, der im Evangelium immer wieder aufflammt: Jesus wird nicht kritisiert, weil er 'zu wenig religiös' wäre, sondern weil er die Tora so ernst nimmt, dass sie Menschen nicht mehr klein machen darf. Matthäus 5,17-20 ist also wie ein Tor: Wer hier falsch abbiegt, liest die Bergpredigt als Moralprogramm. Wer hier richtig abbiegt, merkt: Es geht um eine Gerechtigkeit (= richtig vor Gott), die tiefer reicht als äußere Korrektheit.

Wenn Jesus sagt: 'aufheben', meint er nicht nur 'abschaffen', sondern 'niederreißen', 'zum Einsturz bringen'. Er distanziert sich ausdrücklich von jedem Eindruck, er wolle Gottes Weisung demolieren.

Dann kommt das Schlüsselwort: 'erfüllen'. Das ist mehr als 'befolgen'. Erfüllen heißt: etwas zu seiner vollen Gestalt bringen, es an sein Ziel führen. Jesus behauptet: In seinem Reden und Handeln kommt das, wovon Tora und Propheten getragen sind, in eine neue, dichte Wirklichkeit.

Wenn er von 'Jota und Häkchen' spricht, nimmt er die kleinsten Zeichen der Schrift in den Mund (das kleinste Hebräisch-Zeichen und die winzigen Häkchen, welche die Buchstaben unterscheiden). Das ist keine Pedanterie, sondern ein Bild: Gottes Wille ist nicht beliebig, nicht formbar nach Stimmung. Und doch führt Jesus im selben Atemzug weg von der Buchstabenreligion hin zur Herzensreligion.

Die 'Gerechtigkeit' ist bei Matthäus ein Lieblingswort. Es bedeutet nicht zuerst 'juristische Korrektheit', sondern 'stimmig, richtig vor Gott leben'. Und wenn Jesus sagt, diese Gerechtigkeit müsse die der Schriftgelehrten und Pharisäer 'übertreffen', meint er nicht: noch strenger, noch mehr leisten, sondern: tiefer, wahrhaftiger, barmherziger, mehr vom Geist Gottes durchdrungen. Nicht mehr Zäune um das Gesetz, sondern mehr Herz im Gesetz.

Bemerkenswert ist, wie Jesus über 'die Gebote' spricht: Wer sie 'löst' und andere so lehrt, wird 'der Kleinste' heißen - wer sie tut und lehrt, wird 'groß' heißen. Da schwingt etwas Gemeindepädagogisches mit: Jesus weiß, dass Lehre Menschen prägt. Wer Gottes Weisung klein redet, macht am Ende auch Menschen klein. Wer aber Gottes Willen so lebt, dass er Leben aufrichtet, wird im Reich Gottes 'groß' - nicht wegen Status, sondern weil Gottes Maßstäbe anders sind als die üblichen Wertordnungen.