Texterläuterung zu Matthäus 15, 21-28

Text: Matthäusevangelium 24, 29-51 - Einheitsübersetzung neu

21 Danach zog Jesus von dort weiter und kam in die Gegend der Städte Tyrus und Sidon. 22 Dort geschah es: Eine nichtjüdische Frau, eine Kanaanäerin, die aus jenem Gebiet stammte, kam zu ihm und schrie: 'Herr! Davidssohn! Du musst mir unbedingt helfen! Meine Tochter wird furchtbar von einem bösen Geist gequält!' 23 Aber Jesus antwortete ihr überhaupt nicht. Seine Schüler kamen zu ihm und baten ihn: 'Erfüll ihre Bitte doch! Denn sie läuft hinter uns her und schreit ohne aufzuhören!' 24 Aber Jesus gab ihnen diese Antwort: 'Gott hat mich nur zu den Menschen geschickt, die zum Volk Israel gehören. Denn sie sind wie Schafe, die sich in der Wildnis verlaufen haben!' 25 Aber die Frau kam und warf sich vor ihm nieder mit den Worten: 'Herr, bitte hilf mir doch!' 26 Doch Jesus antwortete: 'Es ist nicht richtig, den eigenen Kindern das Brot wegzunehmen, um es dann den kleinen Hündchen vorzuwerfen!' 27 Da sagte die Frau: 'Du hast recht, Herr! Und doch ist es so, dass die kleinen Hündchen das zu fressen bekommen, was an Essensresten vom Tisch ihrer Besitzer auf die Erde fällt!' 28 Da antwortete Jesus ihr: 'Frau, dein Vertrauen ist groß! Es soll genauso geschehen, wie du es gewollt hast!' Von diesem Augenblick an war ihre Tochter gesund.

Texterläuterung

Das Gebiet von Tyrus und Sidon befand sich zur Zeit Jesu in der römischen Provinz Syrien, also im benachbarten, nördlichen Ausland von Galiläa, der heimatlichen Region von Jesus. Tyrus und Sidon liegen am Mittelmeer und zählten in der Antike zu den wichtigsten Hafenstädten der Phönizier. Heute gehört dieses Gebiet zum Libanon. Sidon liegt nördlich von Tyrus und südlich der Hauptstadt Beirut.

Die Kanaanäer waren die Ureinwohner Palästinas. Die Frau, die aus jener Gegend zu Jesus kam, war ihrer Religion nach Kanaanäerin, ihrer Nationalität nach Syrophönizierin. Sie war also keine Jüdin. Sie hatte eine andere Religion. Somit gehörte sie nicht dem von den Juden so bezeichneten "auserwählten Volk Gottes" an. Die Juden waren fest davon überzeugt, dass sie das Volk Gottes schlechthin sind, dass sie bei Gott allen anderen Völkern gegenüber eine herausgehobene Stellung, eine Sonderstellung einnehmen.

"Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält": Eigenartigerweise bittet die Frau für sich und nicht für ihre Tochter, die "krank" ist. Warum? Macht sie das Leiden der Tochter zu ihrem eigenen Leid? Identifiziert sie sich mit dem Leiden ihrer Tochter? Übernimmt sie das Leiden ihrer Tochter? Fühlt sie sich verantwortlich für das Leiden ihrer Tochter? Hat sie Schuldgefühle? Hat sie das Leiden ihrer Tochter mit verursacht? Kann sie das Leiden ihrer Tochter nicht mehr tragen und ertragen? Bevormundet die Mutter ihre Tochter? Warum geht die Mutter zu Jesus, warum nicht die Tochter selbst? Traut sie ihrer Tochter nicht zu, selbst die Verantwortung für ihre "Krankheit" zu übernehmen?

Die Frau sprach Jesus mit "Herr" (griechisch: kýrios) und mit "Sohn Davids" an. Im Alten Testament wurde die Bezeichnung "kýrios" für Gott angewendet. Die Urkirche übertrug diese Bezeichnung auf Jesus den Christus. "Sohn Davids" (= Nachkomme des König David) war für die Juden ein anderer Name für Messias (griechisch: Christos, deutsch: der Gesalbte). Es fällt auf, dass hier eine Nichtjüdin Jesus mit "kýrios" und "Sohn Davids" angesprochen hat.

Dämon ist eine "Macht", die einem Menschen die Möglichkeit der freien Entfaltung raubt, die einen Menschen gefangen nimmt, ihn in Abhängigkeit zieht, einengt, nicht leben lässt, nicht "atmen" lässt. War der Dämon, der die Tochter gequält hat, die erstickende Überfürsorge der Mutter, das erdrückende Bemuttern, das überängstliche Besorgtsein der Mutter um die Tochter, das Nicht-Loslassen und Nicht-Freigeben der Tochter durch die Mutter, die fehlende Abnabelung, sodass die Tochter daran gehindert war, selbst zu denken, selbst zu fühlen, selbst zu leben, selbst zu sein, sich selbst zu finden?

"das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen":Damit sind die Haus- und Schoßhunde gemeint. In dieser Unterscheidung zwischen Kindern und Hunden wird der Glaube des jüdischen Volkes an seine Vorrangstellung bei Gott vor allen anderen Völkern ganz deutlich. Geringschätzig und verächtlich bezeichneten die Juden die Menschen in anderen Völkern und Religionen als "ausländische Hunde".

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