Texterlaeuterung Matthäus 11, 25–30
Text: Matthäusevangelium 11, 25-30 - Übersetzung: Elberfelder Bibel
25 Zu jener Zeit begann Jesus und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor Weisen und Verständigen verborgen und es Unmündigen offenbart hast. 26 Ja, Vater, denn so war es wohlgefällig vor dir. 27 Alles ist mir übergeben worden von meinem Vater; und niemand erkennt den Sohn als nur der Vater, noch erkennt jemand den Vater als nur der Sohn, und der, dem der Sohn (ihn) offenbaren will. 28 Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe schenken. 29 Nehmt auf euch mein Joch, und lernt von mir! Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen; 30 denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Texterläuterung
'Zu jener Zeit': Das griechische Wort, das hier mit Zeit übersetzt wird, heißt 'kairós' und bedeutet wörtlich: der richtige Augenblick, die rechte Zeit. Gott macht alles zum richtigen Zeitpunkt und lässt alles zur rechten Zeit geschehen. Gottes Timing ist perfekt. Was Jesus gesagt und getan hat, hat er alles gesagt und getan, als die Zeit dafür reif war.
'Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde ...': Das ist die Sprache des jüdischen Segensgebets, wie man es morgens und abends betet.
Die 'Weisen und Verständigen' sind nicht einfach Intelligente, sondern die, die sich in ihrer Deutungssicherheit eingerichtet haben: religiös sattelfest, geübt im Beurteilen und Begreifen. Die 'Unmündigen' sind nicht romantisierte Kinderseelen, sondern Menschen ohne Rang, ohne Deutungsmacht, ohne religiöse Stimme: die, die nichts vorzuweisen haben, die sich das Wesen eines Kindes behalten haben.
Das griechische Wort für 'verbergen' hat die wörtliche Bedeutung 'verhüllen', 'eine Decke darüber hüllen'. Das griechische Wort für 'offenbaren' bedeutet wörtlich 'enthüllen', 'die Decke wegziehen'.
'Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will': Das ist eine Aussage über das Wesen des Christus. 'Erkennen' ist hier nicht das Ergebnis von Analyse durch Verstand, sondern durch vertrauensvolle Herzensbeziehung.
'Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe gschenken.': Man hört darin das Alltagsbild der damaligen Welt: Menschen, die Lasten tragen, die auf dem Feld schuften, die vom religiösen Druck zusätzlich beschwert sind. Und man hört zugleich den Blick des Matthäus auf die religiöse Praxis jener Zeit. Später wird Jesus an die Schriftgelehrten die Worte richten, sie binden 'schwere Bürden' und legen sie anderen auf (Mt 23,4). In der jüdischen Tradition ist das Joch ein ambivalentes Bild: Es kann das gute Joch der Tora sein - eine Lebensordnung, die trägt - und es kann zur drückenden Last werden, wenn daraus Kontrollreligion wird. Die jüdischen Schriftgelehrten sprachen vom 'Joch des Gesetzes' und vom 'Joch der Herrschaft des Himmels''. Sie haben eine unterjochende Religion vermittelt, indem sie von allen Leuten die peinlich genaue und strenge Einhaltung von 613 religiösen Vorschriften verlangt haben (365 Verbote und 248 Gebote).
"Joch" ist ein bildhafter Begriff aus dem Arbeitsleben. Zugtieren - zum Beispiel einem Ochsengespann - wurde früher ein Joch auf den Nacken gelegt, damit man sie vor einen Wagen oder Pflug spannen konnte, und damit sie gemeinsam in dieselbe Richtung zogen. Die jüdischen Schriftgelehrten sprachen vom "Joch des Gesetzes" und vom "Joch der Herrschaft des Himmels". Sie haben eine unterjochende Religion vermittelt, indem sie von allen Leuten die peinlich genaue und strenge Einhaltung von 613 religiösen Vorschriften verlangt haben (365 Verbote und 248 Gebote). Wie hätten die normal Sterblichen im jüdischen Volk, die zum Großteil Analphabeten waren, alle diese Bestimmungen erlernen und einhalten sollen?!
'Ich werde euch Ruhe schenken': Ich werde eure Ruhe sein.
'Nehmt auf euch mein Joch, und lernt von mir! Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig: Das ist Rabbinen-Sprache - 'lernen' heißt hier Jesu Schüler werden, sich von ihm prägen lassen, einen Weg einüben. Das Überraschende ist, woran man Jesus erkennt: nicht zuerst an einer To-Do-Liste, sondern an einem Herzenston. 'Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig': Sanftmut ist keine Schwäche, sondern die Stärke dessen, der nicht im Geringsten Gewalt anwendet. Und 'Demut von Herzen' ist kein Selbsthass, sondern die Freiheit, nicht dauernd sich selbst behaupten zu müssen. Darum ist sein Joch 'sanft' - wörtlich passend, brauchbar - und seine Last 'leicht', weil es nicht zerdrückt. Es ist die Last, die nicht gegen das Leben steht, sondern mit dem Leben geht.
'ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen': Unter dem Begriff 'Seele' ist in der Bibel der ganze Mensch zu verstehen, nicht ein Teil von ihm.