Texterläuterung zu Matthäus 11, 12-14
Text: Matthäusevangelium 11, 12–14 - Übersetzung: Lutherbibel 2017
12 Aber von den Tagen Johannes des Täufers bis heute leidet das Himmelreich Gewalt, und die Gewalt tun, reißen es an sich. 13 Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis hin zu Johannes; 14 und wenn ihr's annehmen wollt: Er ist Elia, der da kommen soll.
Texterläuterung
Wir sind im Raum Galiläa/Judäa, im Schatten von Herodes Antipas. Johannes der Täufer hat Herodes öffentlich kritisiert und wurde inhaftiert (die Evangelien erzählen das an verschiedenen Stellen; im Matthäuskontext ist klar: Johannes ist nicht mehr frei). Damit bekommt die Verkündigung vom 'Reich der Himmel' (typisch matthäisch formuliert) eine politische Auswirkung: Gottes neue Wirklichkeit ist nicht bloß innerlich, sie berührt Macht, Angst, Kontrolle. Wo Menschen bisher Sicherheit aus Systemen, Ehre, Tempelstatus oder römisch-herodianischer Ordnung gezogen haben, entsteht plötzlich eine andere Mitte. Genau deshalb ist das Schicksal des Johannes mehr als Privatdrama: Es zeigt, dass diese Botschaft Widerstand auslöst.
Mt 11 beginnt mit einem erschütternden Kontrast: Johannes, der einst den Kommenden angekündigt hat, lässt aus dem Gefängnis Jesus fragen: 'Bist du der, der kommen soll?' (Mt 11,3). Jesus antwortet nicht mit Theorie, sondern mit Zeichen: Blinde sehen, Lahme gehen, Armen wird gute Nachricht verkündet.
Vers 12: Der griechische Urtext lässt zwei verschiedene Übersetzungen und somit zwei Deutungen zu.Übersetzung 1: 'Seit den Tagen Johannes des Täufers bis jetzt leidet das Himmelreich Gewalt, und Gewalttätige reißen es an sich.'
Das Reich Gottes ist Objekt von Gewalt. Jesus beschreibt eine leidvolle Realität: Johannes der Täufer wird verfolgt und inhaftiert. Jesus selbst stößt auf Ablehnung. Gottes Boten werden bekämpft. Religiöse und politische Macht spielen sich auf als Gottesbesitzer. Das Reich Gottes wird nicht willkommen geheißen, sondern bedrängt und unterdrückt. Gemeint sind mit den Gewalttätigen: Religiöse Gottesbesitzer und politische Machteliten. Sie reißen das Reich Gottes an sich, indem sie Gott vereinnahmen, regulieren, verzerren.
Übersetzung 2: 'Seit den Tagen Johannes des Täufers bis jetzt drängt das Himmelreich machtvoll voran, und entschlossene Menschen greifen danach.'
Mit dem 'danach greifen' ist nicht Gewalt gegen andere gemeint, sondern existenzielle Entschiedenheit. Das Reich Gottes löst alte Grenzen, erschüttert Sicherheiten, stellt Traditionen in Frage. Und deshalb können es nur jene ergreifen, die loslassen, die riskieren, die sich innerlich aufmachen. Gemeint sind die Armen, die zu Sündern Gestempelten, die Ausgeschlossenen, die Suchenden.
Vers 13-14 rückt dann alles in einen großen Erzählstrang: 'Denn alle Propheten und das Gesetz haben bis Johannes geweissagt.' Johannes ist der Scharnierpunkt: Vor ihm ist Verheißung im Modus des Voraus-Sagens; mit ihm beginnt die Zeit, in der die Verheißung sich in Jesus von Nazareth erfüllt.
'Und wenn ihr es annehmen wollt: Er ist Elija, der kommen soll.' Das ist keine Reinkarnationsidee, sondern Sendungsdeutung: Johannes erfüllt die Elija-Erwartung als der, der vorbereitet, aufrüttelt und Herzen wendet.