Texterläuterung zu Matthäus 10, 40-42

Text: Matthäusevangelium 10, 40–42 - Einheitsübersetzung neu

Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten. Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist - Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.

Texterläuterung

Man muss sich die Szene im historischen und geografischen Horizont vorstellen: Galiläa und Judäa bestehen aus Dörfern und Kleinstädten, verbunden durch staubige Wege. Reisende sind auf Gastfreundschaft angewiesen - und Gastfreundschaft ist im Alten Orient nicht bloß Nettigkeit, sondern eine Frage von Ehre, Schutz und Gottesfurcht. Wer jemanden ins Haus nimmt, übernimmt Verantwortung. Genau das macht die Entscheidung so deutlich: Wer die Jünger aufnimmt, positioniert sich. Er nimmt nicht nur einen Menschen auf, sondern eine Sendung - und damit den, der sendet.

Darum setzt Jesus so zugespitzt an: 'Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.' In der Welt des Judentums ist der Gedanke vertraut, dass der Gesandte in einer gewissen Weise für den Sender steht. Nicht als 'Ersatz-Jesus', aber als rechtmäßiger Repräsentant: Wenn du den Boten ehrst, ehrst du den, in dessen Namen er kommt. Matthäus betont diese Sendungslogik immer wieder: Jesus handelt 'im Auftrag' des Vaters - und die Jünger handeln im Auftrag Jesu. So wird die Kette der Nähe spürbar: Vater → Sohn → JüngerIn → Haus, das öffnet.

Die Begriffswelt in den drei Versen ist schlicht und gerade dadurch dicht. 'Aufnehmen' (griechisch dechomai) meint mehr als 'kurz hereinbitten': Es ist das Annehmen einer Person mit ihrer Sache, ihrer Würde, ihrem Anliegen. Wer 'einem von diesen Kleinen' - das sind nicht Kinder, sondern die 'Geringen'', die Unscheinbaren, die im Ranggefüge wenig zählen. Jüngerschaft macht oft einen verletzlich, abhängig, manchmal sogar verdächtig.

Gerade hier leuchtet der Alltag auf: 'ein Becher frisches Wasser'. In einem Land, in dem Wasser nicht selbstverständlich ist, ist das keine romantische Kleinigkeit. Es ist eine echte Gabe. Nicht die Größe der Tat ist entscheidend, sondern die Liebe, die im Kleinen treu wird. Der Jesus des Matthäus hat ein Gespür dafür, dass das Reich Gottes nicht in großen Szenen kommt, sondern im unspektakulären Tun, das niemand bejubelt.

Im Kontext des Matthäusevangeliums passt das perfekt. Kapitel 10 ist die große Sendungsrede: Die Jünger werden nicht als Helden gezeichnet, sondern als ausgesandte, gefährdete Menschen. Und dann endet diese Rede mit einer Verheißung, die wie eine Brücke zur Gemeinde wirkt, für die Matthäus schreibt: Wenn ihr Boten Christi aufnehmt, seid ihr selbst mitten im Geschehen Gottes. Und wenn ihr nur Kleines tut, geht es bei Gott nicht verloren.