Texterläuterung zu Johannes 1, 29-34
Text: Johannesevangelium 1, 29-34 - Einheitsübersetzung
Am Tag darauf sah er Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinweg nimmt. Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, um Israel mit ihm bekanntzumachen. Und Johannes bezeugte: Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb. Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft. Das habe ich gesehen, und ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes.
Texterläuterung
In der Bibel spielt die Zahlensymbolik eine wesentliche Rolle. Das betrifft auch den Aufbau des Johannesevangeliums. Es beginnt mit den "ersten 7 Tagen" des öffentlichen Wirkens Jesu und endet mit den "letzten 7 Tagen".
- Joh 1, 29: "Am Tag darauf sah er (= Johannes der Täufer, Anm.) Jesus auf sich zukommen ...". Diese Formulierung setzt den ersten Tag voraus.
- Joh 1, 35: "Am Tag darauf stand Johannes wieder dort ...".
- Joh 1, 43: "Am Tag darauf wollte Jesus nach Galiläa aufbrechen ...".
- Joh 2, 1: "Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt ...".
- Joh 2, 12: "Danach zog er (= Jesus, Anm.) mit seiner Mutter, seinen Brüdern und seinen Jüngern nach Kafarnaum hinab."
- Joh 3, 22: "Darauf ging Jesus mit seinen Jüngern nach Judäa."
- Joh 12, 1: "Sechs Tage vor dem Paschafest kam Jesus nach Betanien ...". Diese Formulierung besagt, dass ein siebenter Tag folgt.
Die Zahl "7" hat Symbolcharakter und bedeutet in der Bibel göttliche Ganzheit, Vollkommenheit, Vollständigkeit, Vollendung. Mit dem Rahmen von jeweils "7 Tagen", den der Verfasser des Johannesevangeliums seinem Evangelium gibt, will er ausdrücken, dass Jesu Leben, Reden und Handeln eingebettet ist in die Ganzheit und Vollkommenheit Gottes. Das Werk des irdischen Jesus ist vollständig und vollendet. Seine letzten Worte, die uns das Johannesevangelium überliefert, lauten: "Es ist vollbracht!" (Joh 19, 30)
Mit wem Johannes der Täufer hier spricht, wird nicht gesagt. Es ist anzunehmen, dass der Verfasser des Johannes-Evangeliums dieses Glaubenszeugnis von Johannes dem Täufer an alle richtet, die seine Worte lesen oder hören.
Der Bildname "Lamm Gottes" kommt in der ganzen Bibel nur zweimal vor. Beide Male im Johannes- Evangelium und beide
Male aus dem Mund von Johannes dem Täufer. (Joh 1, 29 und 1, 36)
Was bedeutet dieser Name? Dazu gibt es mehrere Erklärungen aus den Schriften des Alten Testamentes:
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Das Paschalamm:
Das Blut getöteter Lämmer, an die Türpfosten der Häuser gestrichen, hat die israelitischen Familien in der Nacht ihrer Flucht aus Ägypten bewahrt, als der Engel des Todes vorüberging und alle Erstgeburten der Ägypter erschlug. (2. Buch Mose 12, 12f)
Das hebräische Wort "pás-cha" oder "péssach" bedeutet wörtlich "vorübergehen", "verschonen".
Die Kreuzigung Jesu geschah am "Rüsttag", der in Israel dem Abend des alljährlichen Paschafestes vorausging, das in Erinnerung an die Errettung der Israeliten aus Ägypten in allen Familien gefeiert wurde. Jesus starb in der Stunde, als im Tempelvorhof die Lämmer für die Paschafeier geschlachtet wurden.
In den Anweisungen zur Paschafeier im 2. Buch Mose heißt es: "Ihr sollt keinen Knochen des Paschalammes zerbrechen." (2. Buch Mose 12, 46) Darauf nimmt der Verfasser des Johannesevangeliums bezug: "Also kamen die Soldaten und zerschlugen dem ersten die Beine, dann dem andern, der mit ihm (= Jesus, Anm.) gekreuzigt worden war. Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht, ... das ist geschehen, damit sich das Schriftwort erfüllte: Man soll an ihm kein Gebein zerbrechen." (Joh 19, 32-36) -
Das Opferlamm:
Anweisungen für den Opferkult im Tempel im 2. Buch Mose: "Folgendes sollst du auf dem Altar darbringen: Tagtäglich und ständig zwei männliche einjährige Lämmer. Das eine Lamm sollst du am Morgen, das andere zur Zeit der Abenddämmerung darbringen, ..." (2. Buch Mose 29, 38-41)
Diese täglichen Opfer wurden Gott dargebracht zur Sühne für die Sünden der Menschen. -
Der "Sündenbock":
Am jüdischen Versöhnungstag (hebräisch: Jom Kippur) wurden jedes Jahr einem Bock die Sünden des Volkes auferlegt. Dann wurde das Tier in die Wüste gejagt, wo es einem Dämon zum Opfer fallen und dessen Zorn besänftigen sollte. -
Der stellvertretend leidende Gottesknecht:
In seinem vierten Lied vom Gottesknecht schreibt der Prophet Jesaja: "Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn (= seinen Knecht, Anm.) die Schuld von uns allen. Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf." (Jes 53, 6f)
Meist geht es da um Sühne: Das unschuldige Lamm wird Gott geopfert für die Schuld der Menschen. Das Blut des Lammes soll Gott versöhnen. Dieses Bild vom stellvertretend sterbenden Lamm wurde auf Christus übertragen.
Die Sichtweise von der Versöhnung Gottes durch Blut und vom Kreuzestod Jesu als stellvertretendes Leiden und Sterben ist allerdings angesichts des Gottesbildes, das Jesus durch seine Botschaft und sein Leben vermittelt hat, nicht zu halten.
Das griechische Wort für "Sünde" heißt "hamartí-a" und hat die Grundbedeutung "Zielverfehlung".
Johannes der Täufer sagte: "Auch ich kannte ihn (= Jesus, Anm.) nicht." Johannes wusste zwar, wer Jesus war; denn er war ja sein Verwandter. Aber er erkannte bis dahin das Geheimnis der Person Jesu nicht.
Johannes tauchte die Menschen, die sich zum Zeichen ihrer Umkehr zu einem Leben nach dem Willen Gottes von ihm taufen ließen, in das Wasser des Jordan ein. Die Wassertaufe des Johannes hatte für die Menschen im Volk Israel Zeichen- und Zeugnischarakter. Sie zeigte auf das Kommen dessen, der die Menschen in den Geist Gottes, in den Geist der Liebe und des Friedens, "eintaucht", also auf den Messias Gottes.
Auch Johannes der Täufer war auf die Offenbarung Gottes angewiesen, dass er Jesus als Messias und Sohn Gottes erkennen konnte. Gott schenkte ihm diese Erkenntnis, als Jesus zu ihm kam und sich von ihm taufen ließ.
"Offenbar werden" bedeutet: "jemandem geht eine Erkenntnis auf", "jemandem wird etwas klar". Unter Offenbar werden und Offenbarung versteht die Bibel das Sich-Erschließen einer göttlichen Wahrheit oder des göttlichen Willens. Nicht eigenes Denken und Erfassungsvermögen führen zur Erkenntnis göttlicher Wahrheiten und des göttlichen Willens, sondern Mitteilung durch Gottes Geist, wie auch immer sie geschieht.