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Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir
'Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.' Dieser Satz im Galaterbrief 2, 20 gehört zu den dichtesten und zugleich missverständlichsten Sätzen des Paulus. Er klingt radikal - fast so, als würde der Mensch ausgelöscht, verschluckt von etwas Größerem. Doch genau das meint Paulus nicht. Er spricht nicht vom Verschwinden des Menschen, sondern von seiner Verwandlung.
Paulus sagt diesen Satz nicht als fromme Parole, sondern als Lebensbilanz. Er blickt zurück auf sein Leben, das lange Zeit ganz vom eigenen Ich bestimmt war: vom religiösen Ehrgeiz, vom Eifer, vom Drang, vor Gott recht zu haben. Ein Ich, das alles richtig machen wollte - und dabei hart wurde. Gegen andere. Gegen sich selbst. Vielleicht auch gegen Gott.
Und dann kam die Begegnung mit Christus. Kein moralischer Appell. Keine neue To-do-Liste. Sondern ein Bruch. Ein Sterben. Paulus sagt: Ich bin mit Christus gekreuzigt. Das alte Ich - das Ich, das sich rechtfertigen muss, das sich beweisen will, das sich über andere erhebt oder an sich selbst verzweifelt - dieses Ich hat seine letzte Macht verloren.
Hier beginnt nicht Leere, sondern Lebensfülle. 'Christus lebt in mir.' Das heißt: In mir wohnt nicht mehr der Zwang, mich selbst zu retten. In mir lebt einer, der sich verschenkt. In mir wirkt eine Liebe, die nicht zuerst fragt: Was habe ich davon? Sondern: Was dient dem Leben?
Paulus beschreibt kein mystisches Aufgehen im Göttlichen. Er bleibt ganz Mensch - mit Konflikten, mit Schwächen, mit offenen Fragen. Aber der innere Antrieb hat sich verändert. Nicht mehr Angst, nicht mehr Leistung, nicht mehr Selbstbehauptung treiben ihn an, sondern Vertrauen.
'Was ich jetzt lebe im Fleisch,' schreibt er weiter, 'das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat.' Das ist entscheidend: Christus lebt in mir - nicht als Richter, nicht als Kontrolle, sondern als Liebender. Als einer, der sein Leben gibt, nicht nimmt. Wer so lebt, muss sich nicht mehr selbst ins Zentrum stellen. Und wer sich nicht mehr selbst ins Zentrum stellen muss, wird frei.
Da wahrscheinlich der Kern dieses Satzes: Nicht mehr ich lebe - das heißt: Nicht mehr mein verletztes Ego, nicht mehr meine Angst, zu kurz zu kommen, nicht mehr mein Drang, besser zu sein als andere. Sondern Christus lebt in mir - als Maßstab, als Herzschlag, als innere Richtung. Das verändert den Blick auf uns selbst und auf andere. Wenn Christus in mir lebt, dann begegne ich dem Mitmenschen nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe. Dann muss ich niemanden abwerten, um mich selbst zu erhöhen. Dann darf ich schwach sein, ohne wertlos zu sein. Dann kann ich loslassen, ohne mich zu verlieren. Diese Worte sind keine Einladung zur Selbstverleugnung im negativen Sinn. Sie sind eine Einladung zur Entlastung. Ich muss nicht alles aus mir selbst herausholen. Ich muss nicht mein eigener Erlöser sein. Ich darf leben - aus einer Quelle, die größer ist als ich.
'Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.' Das ist kein einmal erreichter Zustand. Es ist ein Weg. Ein tägliches Üben: nicht aus dem verletzten Ich zu reagieren, sondern aus dem Geist Christi. Nicht Recht haben zu wollen, sondern lieben zu können. Nicht Angst vor dem Verlust, sondern Vertrauen in die Fülle des Lebens, die mir von Christus geschenkt wird.
Das Zentrum meines Lebens liegt nicht mehr in mir selbst. Es liegt in dem, der mich liebt - und der in mir lebt.