Versöhne dich zuerst
generiertes Bild: Versöhne dich zuerst

Klicke auf das Bild, um es zu vergrößern!

Jakob und Ruben - eine Geschichte

Text: Matthäusevangelium 5, 23-26 - Übersetzung dem griechischen Originaltext nahe

23 Wenn du also darbringst deine Gabe auf dem Altar und dort dich erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, 24 lass dort deine Gabe vor dem Altar und gehe hin zuvor, versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und bringe hin deine Gabe! 25 Sei wohlwollend deinem Gegner schnell, solange du bist mit ihm auf dem Weg, damit dich der Gegner nicht übergibt dem Richter und der Richter dem Diener und du ins Gefängnis geworfen werden wirst! 26 Wahrlich, ich sage dir: Keinesfalls wirst du herauskommen von dort, bis du zurückgezahlt hast den letzten Pfennig.

Eine Geschichte

Es war nichts gewesen, nichts, was in der Stadt Aufsehen erregt hätte. Kein Skandal. Nur ein Grenzstein zwischen den Grundstücken zweier Bauern. Der Winterregen hatte die Erde zwischen den beiden Feldern ausgespült. Als im Frühjahr die Saat aufging, war plötzlich nicht mehr ganz klar, wo die Furche des einen endete und die des anderen begann. Jakob - so hieß der eine - war überzeugt, dass sein Nachbar Ruben beim Pflügen ein Stück zu weit herübergezogen war. 'Nur eine Handbreit', hatte Ruben gesagt. 'Der Stein stand schon immer so.' Aber für Jakob war es nicht nur eine Handbreit. Es war ein Zeichen. Ein Übergriff. Eine Missachtung. Worte wurden schärfer. Der Ton rauer. Stimmen lauter. Alte, längst vergessene Vorwürfe kamen mit auf den Acker: Wer damals beim Brunnen geholfen hatte - und wer nicht. Wer sich beim letzten Dorffest geziert hatte. Schließlich wandte man sich ab. Kein Gruß mehr. Kein Blick. Zwei Felder, zwei Männer - und eine Mauer aus Schweigen dazwischen.

Wochen vergingen. An einem Morgen machte sich Jakob auf den Weg nach Jerusalem. Es war Zeit für das Opfer. In einer Schale trug er die Erstlingsfrüchte seiner Ernte: Feigen, Trauben, etwas Brot. Er ging den steinigen Weg hinauf, zwischen Pilgern, die Psalmen murmelten. Doch je näher er dem Tempel kam, desto schwerer wurde die Schale in seiner Hand. Vor ihm stiegen die Stufen zum Vorhof empor. Rauch stieg vom Altar auf. Das goldene Leuchten der Flammen mischte sich mit dem Murmeln der Gebete. Jakob trat näher - und da fiel es ihm ein. Er hatte es selbst gehört, damals auf dem Hügel, als dieser Rabbi Jesus aus Galiläa sprach. 'Wenn du deine Gabe zum Altar bringst und dort fällt dir ein, dass dein Bruder etwas gegen dich hat - dann lass deine Gabe dort vor dem Altar, geh zuerst und versöhne dich mit deinem Bruder.'

Plötzlich stand nicht der Altar vor seinem inneren Auge, sondern Rubens Gesicht. Die verhärteten Züge. Die Enttäuschung. Und vielleicht - ja, vielleicht auch die eigene Härte. Jakob blieb stehen. Hinter ihm drängten Menschen. Vor ihm wartete der Altar. Er drehte die Schale in seinen Händen. Und dann tat er etwas, das ihm schwerer fiel als jeder Weg nach Jerusalem: Er wandte sich um.

Der Rückweg kam ihm länger vor. Jeder Schritt war ein Ringen. 'Er wird lachen', dachte er. 'Er wird sagen, ich sei schwach.' Doch etwas in ihm wusste: Der Rauch des Altars konnte nicht verdecken, was zwischen ihnen war.

Als Jakob den Hof seines Nachbarn erreichte, war Ruben gerade dabei, ein Joch zu reparieren. Er blickte auf, überrascht. Die beiden Männer standen sich schweigend gegenüber. 'Ruben', begann Jakob, und seine Stimme war rau. 'Vielleicht war es nur eine Handbreit. Aber mein Herz ist weiter abgewichen als dein Pflug. Ich will keinen Streit mehr. Wenn ich dich verletzt habe - vergib mir.'

Es war kein großes Wort. Keine Rede. Nur ein Satz, der ehrlich war. Ruben schwieg lange. Dann legte er das Werkzeug zur Seite. 'Ich hätte auch anders reden können', sagte er schließlich. 'Der Grenzstein ... wir setzen ihn neu. Gemeinsam. Und so standen sie wenig später bei den Feldern, hoben den alten Grenzstein an und setzten ihn neu - nicht nur in der Erde, sondern auch zwischen ihren Herzen.

Erst am nächsten Tag ging Jakob wieder nach Jerusalem. Die Schale fühlte sich leichter an, obwohl sie genauso gefüllt war wie zuvor. Und als er die Gabe diesmal auf den Altar legte, wusste er: Jetzt stimmt es.