Ego und Gnade - ein Zwiegespräch

Ego:
"Gnade, sag mir, wer bist du?"

Gnade:
"Meinen Namen gaben mir biblische Schriftsteller. Gleich am Anfang möchte ich einem Missverständnis vorbeugen. Mit 'gnädig' im Sinne von herablassend, von oben herab, gönnerhaft habe ich gar nichts gemein. LIEBE BIN ICH, die vom dreieinen Gott bedingungs- und voraussetzungslos geschenkt wird. Mich muss sich niemand verdienen. Niemand muss für mich Leistungen erbringen. Mich kann sich jemand nur schenken lassen und sich darüber freuen."

Ego:
"Ich habe meinen persönlichen Stolz. Ich will mir lieber alles selbst erarbeiten. Ich möchte nichts geschenkt. Was ich habe, habe ich mit meiner Leistungsfähigkeit und meiner Geistes- und Körperkraft zustande gebracht. Ich bin stark. Du kommst mir schwach vor."

Gnade:
"Ego, mein lieber Freund, ich weiß, so denkt und lebt Ego. Jetzt lade ich dich ein, einmal gründlich über eine Frage nachzudenken: Was hast du, was dir nicht geschenkt wurde?"

Ego:
"Da muss ich dich sofort unterbrechen. Mir wurde und wird gar nichts geschenkt. Ich schaffe alles allein. Und außerdem will ich auf keinen angewiesen sein. Abhängigkeit ist mir zuwider. Andere brauche ich vielleicht dazu, dass sie mir Bestätigung liefern für meine Erfolge und mich bewundern. Komplimente nehme ich gerne an. Um aufrichtig zu sein, für Aufmerksamkeit und Anerkennung tue ich alles. Sie heben meinen Selbstwert."

Gnade:
"Ego, woher hast du deine Leistungsfähigkeit? Hast du sie dir selber gegeben? Woher hast du deine Schaffenskraft? Woher hast du dein Wissen? Von dir selber? Woher hast du deine Gesundheit, woher hast du alle Voraussetzungen, die du brauchst, um etwas zu schaffen?"

Ego:
"Deine Fragen bringen mich etwas in Verlegenheit. Du hast nicht ganz unrecht. Wenn ich mir das so überlege, das meiste habe ich tatsächlich von anderen und von irgendwo her."

Gnade:
"Ego, mein lieber Freund, du hörst und siehst doch täglich, wie schnell es gehen kann, und alles ist verloren, was Menschen aufgebaut haben. Irgendwann musst auch du alles aus deiner Hand geben, alles, was du fertiggebracht hast, alles, was du mit deiner Leistung und deinen geistigen und körperlichen Kräften erreicht hast. Auch deine Kräfte, deine soziale Stellung und selbst dein Leben, an dem du so hängst, wirst du einmal einbüßen. Was bleibt dir?"

Ego:
"Ja, allerdings, das stimmt. Aber daran möchte ich jetzt gar nicht denken. Jetzt lebe ich erst einmal, genieße mein Leben und gestalte es nach meinem Willen und meiner Vorstellung."

Gnade:
"Mein lieber Freund, ich möchte meine Frage noch einmal aussprechen: Was ist das Bleibende in deinem Leben? Du brauchst mir nicht zu antworten. Vielleicht magst du darüber nachdenken."

Ego:
"Gnade, du forderst mich sehr heraus. Was beabsichtigst du eigentlich mit deinen Fragen? Was willst du bei mir erreichen? Eines muss ich schon sagen, du hast ein angenehmes Wesen, eine wunderbare Ausstrahlung und begegnest mir so liebevoll, wie ich es noch nie erfahren habe. Ich muss es ehrlich sagen, ich fühle mich bei dir gut."

Gnade:
"Ego, mein lieber Freund, vielleicht denkst du, ich will dich ändern. Das habe ich nicht im Geringsten vor. Zum Nachdenken möchte ich dich anregen. Das schon. Ich dränge dich zu nichts. Vielleicht kommst du durch tieferes Nachdenken einmal soweit, deine gegenwärtigen Vorstellungen über das Leben zu überdenken. An dir und deinem Leben etwas ändern, das kannst nur du selber."

Ego:
"Ich lasse mir ohnehin von keinem vorschreiben, wie ich zu leben habe. Schon gar nicht, wenn jemand mich bedrängt. Du nimmst mich an, wie ich bin. Das kann ich deutlich spüren. Du sprichst mit mir in einer wohltuenden Art, wie ich sie noch nie erlebt habe. Sag mir bitte noch mehr! Ich höre dir gerne zu."

Gnade:
"Mein lieber Freund, weil du mich aufforderst dir mehr zu sagen, rede ich jetzt ganz offen zu dir. Du bist von Dingen im Außen abhängig, von Leistungen und Erfolgen, von Anerkennung und Bewunderung, von materiellen Dingen. Deine Abhängigkeit grenzt in gewisser Weise an Sucht. Das, was du hast und bist, ist dir nie genug. Der Größte, der Beste und der Schönste möchtest du gern sein, legst großen Wert auf eine glänzende Fassade. Gesichtsverlust, Kritik an deiner Person, Verletzungen deines Ichs machen dir am meisten Angst. Du bist getrieben, der Welt zu beweisen, dass du wertvoll bist. Wie ein Hamster im Laufrad läufst und läufst du nach immer mehr und kommst nicht ans Ziel deiner Sehnsucht. Du bist und bleibst innerlich leer.
Du sagst, du bist unabhängig und brauchst andere nicht. Denn du hast dein Leben selbst unter Kontrolle. Die anderen gebrauchst du, um dich mit ihnen zu vergleichen. Du willst besser sein als sie. Dein Umgang mit anderen ist geprägt von Überheblichkeit, Geringschätzung und Abwertung. Damit trennst du dich von anderen. Dein Ego-Verhalten lässt Beziehung, Gemeinschaft, Einfühlen, Mitmenschlichkeit, Liebe nicht zu: weder Liebe zu geben noch zu empfangen. Im Grunde spürst du tiefe Unzufriedenheit in dir, Mangel und Einsamkeit. Wer auf sich selbst setzt, wird früher oder später erkennen, dass er sich selbst betrügt.
Zu Beginn unseres Gespräches hast du gesagt: Du bist stark. Und ich komme dir schwach vor. Ja, du hast recht, ich bin schwach. Ich stehe zu meiner Schwachheit. Aber in meiner Schwachheit bin ich stark. Liebe erscheint ohnmächtig. In Wahrheit ist sie die größte Macht. LIEBE BIN ICH. Wer sich loslässt und sich in mich fallen lässt, erfährt meine Kraft und wahres Leben.
Alles, was du hast, hast du in Wahrheit von mir. Alles ist dir von mir geschenkt. Ob du es weißt oder nicht, ob du es glaubst oder nicht, du bist von Anfang an durch dein ganzes Leben und über dein irdisches Leben hinaus ein von mir grenzenlos Beschenkter.
Du kannst deinen persönlichen Stolz loslassen, deinen Zwang, bewundert und verehrt zu werden, deine Fassade, deine Großartigkeiten, deine Erfolge und Leistungen, deine persönliche Einbildung, alles würdest du aus eigenem Können schaffen. Du kannst alles, was du bist und was du hast, von dir weg in meine Hände legen, und du kannst aus meinen Händen alles wieder entgegennehmen. Dann wird dein Leben neu, ganz neu. Du wirst erfahren: in meiner Schwachheit bist du stark. Du wirst erkennen: es gibt nichts Schöneres und nichts Größeres als geliebt zu sein und zu lieben, bedingungslos, ohne Gegenleistung, einfach um deiner selbst willen. Nimm mich auf in dein Herz und du hast alles!"

Ego:
"Gnade, meine liebe Freundin, deine Worte machen mich sehr nachdenklich. Von dir kann ich viel lernen. Von dir werde ich viel lernen. Du hast bedenkenswerte Worte für mein Leben. Ich danke dir dafür!"