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Der Geheilte erzählt
Text: Matthäusevangelium 12, 9-14 - Übersetzung: Hoffnung für alle
9 Nach diesen Worten ging er weiter und kam in ihre Synagoge. 10 Dort war ein Mann mit einer verdorrten Hand. Die Pharisäer fragten ihn: 'Erlaubt das Gesetz Gottes, am Sabbat zu heilen?' Sie suchten damit einen Vorwand, um Anklage gegen ihn zu erheben. 11 Jesus antwortete: 'Angenommen, jemand von euch besitzt ein Schaf und das fällt am Sabbat in eine Grube. Wird er es nicht sofort herausholen? 12 Und ein Mensch ist doch viel mehr wert als ein Schaf! Also ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun.' 13 Dann forderte er den Mann auf: 'Streck deine Hand aus!' Er streckte sie aus, und die Hand war wiederhergestellt; sie war gesund wie die andere. 14 Da verließen die Pharisäer die Synagoge und fassten miteinander den Beschluss, Jesus zu töten.
Der Geheilte erzählt
Ich heiße Nathan. Viele Jahre lang war mein Name für die meisten Menschen nur ein Nebensatz: 'der mit der kranken Hand'. So stellte man mich vor. So sah man mich. Nicht als Mann, nicht als Vater, nicht als Nachbarn - nur als den, der nicht richtig arbeiten konnte.
Es begann langsam. Zuerst spürte ich nur Schwäche in meiner rechten Hand. Dann wurden die Muskeln dünner, die Finger steif. Irgendwann konnte ich kaum noch etwas greifen. Ein Becher rutschte mir aus der Hand, ein Werkzeug fiel zu Boden. Für einen Mann, der von seiner Arbeit lebt, ist das wie ein stiller Absturz. Die Leute merkten es sofort. Auf dem Markt hörte ich ihr Tuscheln: 'Er ist nicht mehr zu gebrauchen.' 'So einen stellt niemand ein.' Manche sagten es auch offen. Ich wurde vorsichtig behandelt, wie einer, der zerbrechlich ist. Mitleid kann schwerer wiegen als Spott. Am schlimmsten waren nicht einmal die Schmerzen. Am schlimmsten war die Scham. Wenn ich meine Hand unter dem Mantel versteckte. Wenn ich beim Essen den Blick der anderen spürte. Wenn ich meinem kleinen Sohn nicht zeigen konnte, wie man ein Netz flickt oder ein Holzstück schnitzt.
Und dann war da noch etwas anderes: die Frage nach Gott. Manchmal dachte ich: Habe ich etwas falsch gemacht? Hat er mich bestraft? Hat er mich vergessen? In unserer Welt wird eine Behinderung schnell zu einem Urteil. Wer krank ist, muss doch irgendwie selbst schuld sein - so reden die Leute. Und irgendwann fängt man an, ihnen zu glauben.
Eines Sabbats ging ich in die Synagoge - wie immer. Ich erwartete nichts Besonderes. Ich stellte mich an meinen gewohnten Platz, hielt die Hand verborgen und hoffte nur, nicht aufzufallen.
Dann kam dieser Wanderlehrer aus Galiläa, Jesus. Ich hatte von ihm gehört: von seinen Worten, von seinen Heilungen. Aber ich dachte nicht, dass er mich beachten würde. Warum auch? Plötzlich sah ich seinen Blick. Kein mitleidiger Blick. Kein prüfender. Ein klarer, warmer Blick, als würde er nicht meine kranke Hand sehen, sondern mich. Die Gelehrten stellten ihm eine Frage. Es ging um den Sabbat, um Gesetze, um Erlaubtes und Verbotenes. Ich verstand schnell: Sie benutzten mich nur als Beispiel, als Fall, als Problem. Jesus aber benutzte mich nicht. Er sprach über den Wert eines Menschen. Über Barmherzigkeit. Und dann wandte er sich direkt an mich. 'Streck deine Hand aus.' Mehr sagte er nicht. Ich zögerte. Jahre der Enttäuschung saßen in mir. Was, wenn wieder nichts geschieht? Was, wenn ich mich blamiere? Doch in seiner Stimme lag eine solche Ruhe, dass ich gehorchte. Ich streckte sie aus. In diesem Augenblick geschah es. Wärme durchströmte meinen Arm. Die Finger, die so lange kraftlos gewesen waren, richteten sich auf. Die Haut spannte sich, die Muskeln füllten sich mit Leben. Ich konnte greifen, fühlen, drücken - wie früher.
Ich stand da wie einer, der neu geboren wird. Die Menschen ringsum waren still. Einige staunten. Andere wurden zornig. Aber ich sah nur ihn. Und ich wusste: Gott hat mich nicht vergessen. Seit diesem Tag ist mein Leben anders. Ich kann wieder arbeiten. Ich kann meinen Sohn an der Hand nehmen. Ich muss mich nicht mehr verstecken. Aber noch wichtiger ist etwas anderes: Ich habe gelernt, dass ich mehr bin als meine Schwäche. Dass Gott nicht auf unsere Fehler und Mängel schaut, sondern auf unser Herz. Und dass ein einziger Moment der Barmherzigkeit ein ganzes Leben verwandeln kann. Früher war ich 'der Mann mit der verdorrten Hand'. Heute bin ich einfach Nathan - ein Mensch, dem neues Leben geschenkt wurde. Und jedes Mal, wenn ich meine Hand öffne, erinnere ich mich: Gott will, dass Menschen heil werden - am Sabbat und an jedem anderen Tag.