Jesus der Seelsorger
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Wenn dir die Kraft fehlt,
wenn du nur noch schweigst oder weinst,
wenn kein Mensch dich versteht -
dann kommt einer,
setzt sich neben dich
und bleibt:
Jesus.

Esplagchnísthê
oder: Jesus der Seelsorger

Text: Matthäusevangelium 9, 35-38 und 10, 1 - Übersetzung: Elberfelder Bibel

35 Und Jesus zog umher durch alle Städte und Dörfer und lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium des Reiches und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen. 36 Als er aber die Volksmengen sah, wurde er innerlich bewegt über sie, weil sie erschöpft und verschmachtet waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. 37 Dann spricht er zu seinen Jüngern: Die Ernte zwar ist groß, die Arbeiter aber sind wenige. 38 Bittet nun den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter aussendet in seine Ernte! 10,1 Und als er seine zwölf Jünger herangerufen hatte, gab er ihnen Vollmacht über unreine Geister, sie auszutreiben und jede Krankheit und jedes Gebrechen zu heilen.

Gottes Wort ist Hoffnungsbotschaft für uns

Als Jesus die Menschen sah, blieb er nicht auf Abstand. Er sah nicht 'die Masse'. Nicht 'die Sünder'. Nicht 'die Fälle'. Nicht 'die moralischen Defizite'. Nicht die, über die man urteilt, predigt oder den Kopf schüttelt. Er sah Menschen.

Und Matthäus schreibt ein Wort, das man kaum übersetzen kann. Ein Wort aus der Tiefe des Körpers: 'esplagchnísthê'. Es ging ihm unter die Haut. Es traf ihn mitten ins Herz. Es fuhr ihm in die Eingeweide. Nicht bloß Mitleid. Nicht höfliche Betroffenheit. Nicht distanzierte Fürsorge. Die Not der Menschen ging ihm körperlich nahe. Denn im Denken der damaligen Welt waren die Eingeweide der Sitz des tiefsten Mitgefühls. Dort, wo der Mensch nicht mehr nur denkt, sondern erbebt. Jesus erbebt an den Menschen. Er sieht ihre Müdigkeit. Ihre Erschöpfung. Die zerrissenen Beziehungen. Die Angst hinter den Gesichtern. Die Einsamkeit mitten im Gedränge. Die Frauen, die funktionieren und sich unterordnen müssen. Die Männer, die keine Kraft mehr haben. Die Kinder, die zu wenig Liebe spüren. Die Alten, die niemand mehr besucht.

Jesus urteilt nicht. Er sagt nicht: 'Ihr müsst euch ändern.' Er sagt nicht: 'Ihr habt zu wenig Glauben.' Er sagt nicht: 'Ihr lebt falsch.' Bevor Jesus spricht, lässt er sich berühren. Das unterscheidet ihn von vielen religiösen Stimmen dieser Welt. Jesus ist kein kalter Dogmatiker. Kein Moraltheologe mit erhobenem Zeigefinger. Kein Wächter der reinen Lehre, der nur darüber wacht, wer zu Gott gehört und wer nicht.

Jesus ist Seelsorger. Einer, der den Menschen nachgeht. Der durch die Dörfer zieht. Durch staubige Straßen. An Zollhäuser. An Krankenbetten. An Brunnen. An gedeckte Tische der Verachteten. An die Ränder. Er wartet nicht, bis die Menschen zu ihm kommen. Er geht ihnen entgegen. Wie ein Hirte, der das verlorene Schaf sucht. Wie eine Mutter, die nachts aufsteht, weil ihr Kind weint. Wie einer, der nicht fragt: 'Ist dieser Mensch würdig?' sondern: 'Was fehlt ihm zum Leben?'

Darin liegt gewiss eine tiefe Sehnsucht unserer Zeit: Nicht zuerst bewertet zu werden. Nicht analysiert. Nicht etikettiert. Sondern gesehen. Mit einem Blick, der nicht klein macht. Mit einem Herzen, das sich treffen lässt. Auch heute tragen viele Menschen unsichtbare Wunden. Sie lächeln und sind innerlich am Zerbrechen. Sie funktionieren und sind längst erschöpft. Sie posten Bilder ihres Glücks und schlafen jede Nacht mit Angst ein.

Christus geht durch die Straßen dieser Welt. Nicht triumphierend. Nicht kontrollierend. Nicht strafend. Sondern mit jenem erschütterbaren Herzen. Mit jenem 'esplagchnísthê'. Da ereignet sich Glaube, wo ein Mensch vertraut: Da ist einer, der mich nicht abschreibt. Da ist einer, der meine Not versteht. Da ist einer, dem meine Tränen unter die Haut gehen. Dieser eine ist in mir Tag und Nacht. Er geht mit mir alle Höhen und Tiefen meines Lebens.

Texterläuterung Matthäus 9, 35-38 und 10, 1

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