Wachsamkeit im Alltag
generiertes Bild: Wachsamkeit im Alltag - Mitmenschlichkeit ist Begegnung mit Christus

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'Die Wachsamkeit im Augenblick.
In jedem Augenblick pocht Gott an unsere Türe.
Es sind die leisen Impulse,
mit denen er uns darauf aufmerksam macht,
was gerade das Gebot der Stunde ist.
Da spüren wir im Innern,
dass wir auf diesen Menschen zugehen
und ihn ansprechen sollten.
Aber schon verdrängen wir diese leise Stimme.
Oder wir tun das,
was die Psychologen 'Rationalisierung' nennen.
Wir finden viele Gründe,
warum es nicht angebracht ist, das zu tun,
wozu uns die innere Stimme antreibt.
Wachsamkeit im Augenblick meint,
dass ich ganz präsent bin,
dass ich mich auf den gegenwärtigen Augenblick
ungeteilt einlassen kann,
ohne an Vergangenes zu denken
oder schon die Zukunft zu planen.'

Anselm Grün, in: 50 Engel für die Seele

Der Augenblick, den er fast verpasst hätte - Wachsamkeit im Alltag

Text: Matthäusevangelium 24, 29-51 - Einheitsübersetzung neu

Sofort nach den Tagen der großen Drangsal wird die Sonne verfinstert werden und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Danach wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen; dann werden alle Völker der Erde wehklagen und man wird den Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit. Er wird seine Engel unter lautem Posaunenschall aussenden und sie werden die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenühren, von einem Ende des Himmels bis zum andern. Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist. So erkennt auch ihr, wenn ihr das alles seht, dass das Ende der Welt nahe ist. Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater. Denn wie es in den Tagen des Noach war, so wird die Ankunft des Menschensohnes sein. Wie die Menschen in jenen Tagen vor der Flut aßen und tranken, heirateten und sich heiraten ließen, bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging, und nichts ahnten, bis die Flut hereinbrach und alle wegraffte, so wird auch die Ankunft des Menschensohnes sein. Dann wird von zwei Männern, die auf dem Feld arbeiten, einer mitgenommen und einer zurückgelassen. Und von zwei Frauen, die an derselben Mühle mahlen, wird eine mitgenommen und eine zurückgelassen. Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. Bedenkt dies: Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, würde er wach bleiben und nicht zulassen, dass man in sein Haus einbricht. Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet. Wer ist denn der treue und kluge Knecht, den der Herr über sein Gesinde einsetzte, damit er ihnen zur rechten Zeit die Nahrung gebe? Selig der Knecht, den der Herr damit beschäftigt findet, wenn er kommt! Amen, ich sage euch: Er wird ihn über sein ganzes Vermögen einsetzen. Wenn aber der Knecht böse ist und in seinem Herzen sagt: Mein Herr verspätet sich! und anfängt, seine Mitknechte zu schlagen, und mit Zechern isst und trinkt, dann wird der Herr jenes Knechtes an einem Tag kommen, an dem er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt; und der Herr wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Platz unter den Heuchlern zuweisen. Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.

Eine Alltagsgeschichte

Markus war an diesem Morgen spät dran. Zu spät, um gemütlich zu frühstücken. Zu spät, um die Straßenbahn ohne Hektik zu erreichen. Er hastete die Stufen hinunter, den Kopf voller Aufgaben, die ihn im Laufe des Tages erwarteten. Er war gedanklich schon im Büro, obwohl seine Schuhe noch nicht einmal den Gehsteig berührt hatten.

Er überquerte die Straße, ohne wirklich aufzusehen. Der Wind war kalt, er zog die Jacke enger. Ein älterer Mann stand am Rand des Gehwegs und stützte sich schwer auf seinen Rollator. Markus bemerkte ihn - aber nur in dem flüchtigen Sinn, in dem man etwas bemerkt, ohne es wirklich wahrzunehmen. Er war zu sehr in Eile.

Doch dann - kaum spürbar - war da dieser kleine innere Stich. Eine kurze Unruhe. Ein Gedanke, der sich meldete wie ein leises Klopfen: 'Schau hin.'

Er blieb stehen. Nur einen Moment. Der ältere Mann versuchte, eine kleine Stufe bei der Ampel zu überwinden, kam aber nicht recht weiter. Er wirkte erschöpft, ein bisschen verloren zwischen dem morgendlichen Lärm und der vorbeiströmenden Menge.

Markus seufzte. Ein Teil von ihm wollte weiter. Der Bus, der Termin, die Uhrzeit. Aber da war auch dieses andere Gefühl: ein waches, stilles Wissen, dass man gerade vor einer kleinen Entscheidung steht, die größer ist, als sie aussieht.

Er ging zurück, griff an den Rollator und fragte: 'Darf ich Ihnen helfen?' Der Mann nickte dankbar. Gemeinsam überquerten sie die Straße. Die paar Minuten, die das dauerte, waren nicht viel - und doch spürte Markus, dass sie Gewicht hatten.

Als sie auf der anderen Seite ankamen, sagte der Mann: 'Danke. Die Leute schauen oft vorbei. Ich glaube, viele sehen mich gar nicht.' Seine Stimme war nicht bitter. Eher traurig, aber auch freundlich.

Markus verabschiedete sich und ging weiter zur Haltestelle. Er würde zu spät kommen, das wusste er. Aber plötzlich war das nicht mehr so wichtig. Etwas in ihm war wach geworden, etwas, das die letzten Wochen wie eingeschlafen war: die Fähigkeit, das Leben zu sehen, das direkt vor den eigenen Füßen stattfindet.

Er dachte darüber nach, wie oft man im Alltag vorbeiläuft an den kleinen Gelegenheiten, menschlich zu sein. Nicht aus Bosheit, sondern aus Müdigkeit, aus Eile, aus gedanklicher Abwesenheit. Man ist körperlich da und doch woanders.

An diesem Morgen, in einer einfachen Szene auf der Straße, hatte er gespürt, was Wachsamkeit meint: nicht mit erhobenem Zeigefinger leben, sondern mit offenen Augen; nicht alles kontrollieren wollen, sondern aufmerksam sein für das, was einem genau jetzt begegnet.

Als der Bus endlich kam, lächelte Markus. Er war spät. Aber er war hellhörig geworden für das Leben. Und manchmal ist genau das die viel wichtigere Pünktlichkeit.