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'Wie Gott mir, so ich dir' -
dieser Satz ist wie ein Strom,
der aus einer unsichtbaren Quelle fließt.
Er erinnert mich daran,
dass mein Leben nicht aus eigener Kraft lebt.
Alles, was mich trägt, kommt mir zuvor:
Gnade, die mich aufrichtet, wenn ich gefallen bin.
Liebe, die mich hält,
auch wenn ich mich selbst nicht halten kann.
Güte, die mich umfängt,
noch bevor ich etwas geleistet habe.
Wenn ich aus dieser Quelle trinke,
verändert sich etwas in mir.
Der Drang, zurückzuschlagen, wird leiser.
Die Härte, mit der ich mich und andere richte,
beginnt zu schmelzen.
Stattdessen wächst eine neue Bewegung:
Ich reiche weiter, was mich selbst geheilt hat.
Ich antworte nicht mehr mit Gegenschlag,
sondern mit Zärtlichkeit.
Nicht mehr aus Mangel, sondern aus Fülle.
So wird mein Leben zu einem Spiegel dessen,
was ich empfange:
Liebe fließt weiter als Liebe,
Trost wird zu Trost,
Barmherzigkeit gebiert Barmherzigkeit.
Und mitten in dieser Welt beginnt ein anderer Kreislauf -
nicht der der Vergeltung, sondern der der Gnade.
Vom Gegenschlag zur Gnade - Wandlung eines inneren Musters
Text: Matthäusevangelium 5, 38–42 - Einheitsübersetzung neu
Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin! Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel! Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm! Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab!
Gottes Wort ist unseres Fußes Leuchte und Licht auf unserem Weg
Wir kennen den alten Spruch: 'Wie du mir, so ich dir.' Er beschreibt eine tiefe menschliche Logik: Wer mich verletzt, den verletze ich zurück. Wer mich freundlich behandelt, dem begegne ich freundlich. Wer mich übersieht, den übersehe ich. Es ist eine Logik der Gegenseitigkeit, aber sie ist in ihrem Kern oft eine Logik der Vergeltung. Sie hält uns gefangen in einer Spirale aus Reaktion und Gegenreaktion.
Das Evangelium lädt uns zu einer anderen Haltung ein - zu einer Verwandlung dieser Logik. Es verwandelt 'Wie du mir, so ich dir' in 'Wie Gott mir, so ich dir.' Das klingt auf den ersten Blick nur nach einer kleinen Veränderung. Aber in Wirklichkeit bedeutet es einen tiefen inneren Wandel. Denn plötzlich steht nicht mehr der andere im Mittelpunkt - nicht mehr das, was er mir antut oder nicht antut. Plötzlich steht am Anfang etwas anderes: Was Gott mir getan hat.
'Wie Gott mir ...' - das ist der Anfang. Nicht: 'Wie ich mich bemühe.' Nicht: 'Wie sehr ich mich anstrenge, ein besserer Mensch zu sein.' Sondern: Was ich empfangen habe, das darf durch mich weiterfließen.
Wenn ich wirklich glaube - nicht nur im Kopf, sondern tief im Herzen -, dass Gott mir mit Gnade begegnet, dass er mich liebt, auch wenn ich nicht vollkommen bin, dass er mich mit Güte und Barmherzigkeit ansieht, dann verändert das mein Inneres. Wenn ich erfahre, dass Gott mich versteht und mit vergibt, dass er mich mit Sanftmut behandelt, geduldig mit mir ist, mich nicht mit Gewalt lenkt, sondern in Schalom, im Frieden, führt - dann verändert sich der Ton meines Lebens. Wenn ich spüre, dass Gott mein Leben mit Trost und Zärtlichkeit umhüllt, dann muss ich nicht mehr mit Härte reagieren. Dann darf ich anders sein. Das Evangelium sagt: Du musst dich nicht verkrampfen, um gut zu sein. Lass dich zuerst beschenken - und dann teile weiter, was du empfangen hast.
Tiefenpsychologisch ist das ein entscheidender Punkt: Unsere Reaktionen auf andere sind oft Spiegel unseres inneren Zustandes. Wer sich ungeliebt fühlt, reagiert leicht mit Härte. Wer sich minderwertig fühlt, sucht Kontrolle. Wer sich verletzt fühlt, schlägt zurück. Doch wenn der innere Grundton ein anderer wird - wenn er getragen ist von Liebe, Güte und Barmherzigkeit -, dann verändern sich auch unsere Reaktionen. Dann muss ich nicht mehr vergelten, weil ich nicht mehr aus Mangel handle, sondern aus Fülle. Dann muss ich nicht mehr beweisen, dass ich wertvoll bin, weil ich weiß Ich bin wertvoll - in Gottes Augen. Dann muss ich nicht mehr kämpfen, weil ich mich schon geborgen weiß. 'Wie Gott mir, so ich dir' ist deshalb keine moralische Forderung, sondern eine Frucht innerer Heilung. Es ist das Zeichen dafür, dass ich mich in der Tiefe von Gottes Liebe habe berühren lassen.
'Wie Gott mir, so ich dir' heißt: Ich spiegle nicht mehr das, was der andere mir tut, sondern das, was Gott mir getan hat. Ich begegne dem Ungeduldigen mit Geduld - nicht weil ich besser bin, sondern weil Gott mit mir geduldig ist. Ich vergebe dem, der mich verletzt hat - nicht weil ich stark bin, sondern weil ich weiß, dass mir vergeben wurde. Ich bleibe friedfertig - nicht weil ich konfliktscheu bin, sondern weil ich in Gottes Frieden lebe. Ich tröste - nicht aus eigener Kraft, sondern weil ich selbst getröstet bin. Und plötzlich geschieht etwas: Der Teufelskreis der Vergeltung wird zu einem Kreislauf der Gnade. Aus Reaktion wird Resonanz. Aus Gegenschlag wird Geschenk. Aus Härte wird Zärtlichkeit.
Das Ziel ist nicht, dass wir uns krampfhaft bemühen, so zu handeln wie Gott. Das Ziel ist, dass wir durchlässig werden für das, was Gott in uns wirkt. Gott will nicht unsere Anstrengung, sondern unser Herz. Ein Herz, das sich lieben lässt. Ein Herz, das empfänglich ist für Gnade. Ein Herz, das weiß: Ich bin nicht allein. Ich bin getragen. Ich bin geliebt. Dann kann sich dieser innere Reichtum nach außen entfalten. Dann können wir sagen: 'Wie Gott mir, so ich dir.' Dann begegnen wir dem anderen nicht mehr aus unserer Verletzung heraus, sondern aus unserer Heilung. Nicht mehr aus unserem Mangel, sondern aus unserer Fülle. Nicht mehr aus unserer Angst, sondern aus unserer Liebe.
Die Welt kennt viele Kreisläufe - von Gewalt, von Angst, von Vergeltung. Aber mitten in dieser Welt darf durch uns ein anderer Kreislauf sichtbar werden: der Kreislauf der Liebe. 'Wie Gott mir, so ich dir' - das ist kein Satz für besonders Fromme. Es ist ein Satz für jeden Menschen, der sich von der göttlichen Liebe berühren lässt. Und wenn das geschieht, dann geschieht das Wunder: Aus der Spirale der Verletzung wird eine Spirale der Heilung. Aus dem 'Wie du mir, so ich dir' wird ein 'Wie Gott mir, so ich dir'. Und in dieser Bewegung spiegelt sich Gottes Wesen selbst in unserem Tun wider.