Texterläuterung zu Matthäus 9, 32-34
Text: Matthäusevangelium 9, 32-34 - Einheitsübersetzung neu
Als sie gegangen waren, siehe, da brachte man einen Stummen zu ihm, der von einem Dämon besessen war. Er trieb den Dämon aus und der Stumme konnte reden. Alle Leute staunten und sagten: So etwas ist in Israel noch nie gesehen worden. Die Pharisäer aber sagten: Mit Hilfe des Anführers der Dämonen treibt er die Dämonen aus.
Texterläuterung
Die kurze Szene am Ende des neunten Kapitels wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Wir befinden uns in Galiläa, in einer dörflich geprägten Region, die vom Alltag der einfachen Leute lebt: Handwerker, Tagelöhner, Familien, die vom Ertrag ihrer Felder abhängen. Krankheit ist hier keine private Angelegenheit. Wer stumm ist, ist abgeschnitten von der Gemeinschaft. Sprache bedeutet Teilhabe. Verstummung bedeutet Ausschluss. Dass Matthäus ausdrücklich von einem 'dämonisierten' Stummen spricht, zeigt, wie man solche Zustände verstand: als Macht, die den Menschen gefangen hält und ihm seine Stimme raubt.
Der Kontext ist entscheidend. Jesus ist auf dem Weg, heilt, vergibt, berührt. Blinde sehen, Gelähmte gehen, eine tote Tochter steht auf. Die Heilung des Stummen steht nicht isoliert, sondern schließt eine Kette von heilenden Begegnungen ab, die alle auf dasselbe hinauslaufen: Das Reich Gottes drängt in eine Welt, die Menschen stumm, gelähmt oder resigniert zurückgelassen hat. Dass Jesus den Dämon austreibt und der Mann spricht, ist daher mehr als medizinische Wiederherstellung. Es ist Rückgabe von Würde. Ein Mensch kann wieder sagen, wer er ist.
Die Reaktion der Menge ist Staunen. 'So etwas ist in Israel noch nie gesehen worden', sagen sie. Darin schwingt Erinnerung mit. Israel kennt Heilungsgeschichten, kennt Propheten, kennt Gottes Eingreifen. Doch hier geschieht etwas, das über das Gewohnte hinausgeht. Jesus handelt nicht bittend, nicht rituell, nicht vermittelnd. Er handelt mit eigener Vollmacht. Genau das provoziert. Denn während die Sprachlosen ihre Stimme zurückbekommen, formt sich auf der anderen Seite ein Gegenwort. Die Pharisäer deuten dasselbe Geschehen völlig anders: 'Durch den Obersten der Dämonen treibt er die Dämonen aus.' Es ist die klassische Umkehrung. Was Leben schafft, wird als Zerstörung gedeutet. Was befreit, wird als gefährlich erklärt. Matthäus zeichnet hier die Frontlinien, die sich durch sein Evangelium ziehen: Staunen und Ablehnung, Offenheit und Verhärtung, Vertrauen und Angst vor Kontrollverlust.
Begrifflich bewegt sich der Text in der Vorstellungswelt seiner Zeit. Dämonen sind keine abstrakten Ideen, sondern reale Mächte, die Menschen beherrschen. Doch Matthäus interessiert sich weniger für das 'Wie' der Besessenheit als für das 'Was danach'. Das erste Zeichen der Befreiung ist Sprache. Wer befreit ist, kann sprechen - und damit bezeugen. Darin liegt eine deutliche Botschaft an die Gemeinde: Wo Christus wirkt, lösen sich die Zungen. Wo sein Wirken verleumdet wird, entsteht neue Sprachlosigkeit.