Texterläuterung zu Matthäus 9, 27-31
Text: Matthäusevangelium 9, 27-31 - Einheitsübersetzung neu
Als Jesus weiterging, folgten ihm zwei Blinde und schrien: Hab Erbarmen mit uns, Sohn Davids! Nachdem er ins Haus gegangen war, kamen die Blinden zu ihm. Und Jesus sagte zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich dies tun kann? Sie antworteten: Ja, Herr. Darauf berührte er ihre Augen und sagte: Wie ihr geglaubt habt, so soll euch geschehen. Da wurden ihre Augen geöffnet. Jesus aber wies sie streng an: Nehmt euch in Acht! Niemand darf es erfahren. Doch sie gingen weg und erzählten von ihm in der ganzen Gegend.
Texterläuterung
Die Szene in Mt 9,27-31 schließt unmittelbar an die Erzählung von der Auferweckung des Mädchens und der Heilung der blutflüssigen Frau an. Jesus ist unterwegs, im Gehen, im Strom der Begegnungen, als sich ihm zwei Blinde anschließen. Sie sehen nichts - und erkennen doch. Während andere staunen oder schweigen, rufen sie laut, fast verzweifelt: 'Erbarme dich unser, Sohn Davids!'
Diese Worte tragen bereits den ganzen historischen und geistlichen Hintergrund der Szene in sich. Wir befinden uns in Galiläa, wahrscheinlich in oder nahe Kafarnaum, einem Ort mit staubigen Wegen, kleinen Häusern, engen Räumen. Blindheit war hier keine bloß medizinische Einschränkung. Wer blind war, war abhängig, ausgegrenzt, oft zum Betteln gezwungen. Blindheit bedeutete gesellschaftliche Unsichtbarkeit - und im religiösen Empfinden vieler auch einen Mangel, der Fragen nach Schuld und Gottesferne aufwarf.
Gerade deshalb ist der Ruf der beiden Männer so bemerkenswert. Sie nennen Jesus 'Sohn Davids'. Das ist kein höflicher Titel, sondern ein messianisches Bekenntnis. In ihm klingt die große Hoffnung Israels an, die sich aus den Propheten speist: dass mit dem kommenden Gesalbten die Augen der Blinden geöffnet werden. Jesaja hatte davon gesprochen, dass Gott selbst kommt, um zu retten, und dass dann die Blinden sehen werden (Jes 35,5). Wenn diese beiden Männer Jesus so ansprechen, dann sagen sie mehr, als sie vielleicht selbst ganz erfassen: In diesem Menschen vermuten sie Gottes heilendes Eingreifen.
Jesus reagiert zunächst nicht öffentlich. Er lässt sie mitgehen, bis er im Haus ist. Erst dort, im geschützten Raum, stellt er die entscheidende Frage: 'Glaubt ihr, dass ich das tun kann?' Auffällig ist, dass Jesus nicht nach der Stärke ihres Glaubens fragt, nicht nach ihrer Frömmigkeit oder ihrem Lebenswandel. Er fragt schlicht nach Vertrauen. Und sie antworten ebenso schlicht: 'Ja, Herr.'
Dann berührt er ihre Augen. Berührung ist hier nicht Nebensache. Sie stellt Nähe her, Würde, Beziehung. Und Jesus spricht einen Satz, der im Matthäusevangelium wie ein Schlüssel klingt: 'Euch geschehe nach eurem Glauben.' Der Glaube ist hier keine Leistung, sondern Offenheit - ein Sich-Anvertrauen. Und sofort wird sichtbar, was innerlich schon geschehen ist: Ihre Augen werden geöffnet.
Im Kontext des Evangelium nach Matthäus steht diese Heilung nicht isoliert. Sie gehört zu einer Kette von heilenden Begegnungen, in denen sichtbar wird, wer Jesus ist. Matthäus sammelt diese Geschichten nicht zufällig, sondern verdichtet sie zu einem Zeugnis: In Jesus ist das verheißene Heil da. Auffällig ist dabei, dass gerade die Randgruppen - Kranke, Frauen, Ausgegrenzte - oft schneller sehen als die religiös Etablierten.
Bemerkenswert bleibt der Schluss der Szene. Jesus gebietet den Geheilten, niemandem davon zu sagen. Doch sie können nicht schweigen über das, was ihnen geschehen ist. Kaum sehen sie, beginnen sie zu erzählen. Das Sehen drängt nach außen, will geteilt werden. Matthäus lässt diese Spannung bewusst stehen: zwischen dem verborgenen Messias und der unaufhaltsamen Wirkung seines Handelns.