Texterläuterung zu Matthäus 8, 23-27

Text: Matthäusevangelium 8, 23–27 - Übersetzung: Das Buch

23 Dann stieg Jesus in ein Boot und seine Schüler stiegen mit ihm ein. 24 Als sie schon auf dem See fuhren, wurde das Wasser von starkem Wind zu hohen Wellen aufgewühlt. Das Boot war kurz davor, völlig von den Wellen begraben zu werden. Jesus selbst aber hatte sich zum Schlafen niedergelegt. 25 Da kämpften sie sich zu ihm vor, weckten ihn auf und riefen: 'Hilfe! Herr! Wir gehen unter!' 26 Aber Jesus sagte zu ihnen: 'Warum habt ihr solche Angst? Ihr habt ja überhaupt kein Vertrauen!' Dann richtete er sich auf und wies die Windböen und die Wassermassen in ihre Schranken. Da wurde es vollkommen still. 27 Die Leute, die dabei waren, waren völlig erstaunt und fragten sich: 'Was ist das für einer? Das ist unglaublich! Ihm gehorchen sogar die Sturmwinde und die Wassermassen!'

Texterläuterung

Der See Gennesaret (auch See von Galiläa) ist in einer Art Beckenlage eingebettet, umgeben von Hügeln und Steilhängen. Durch diese geografische Lage können plötzliche Fallwinde entstehen, die innerhalb weniger Minuten einen spiegelglatten See in ein tobendes Meer verwandeln. Fischer und Einheimische kannten diese Gefahr gut - dennoch konnte ein unerwarteter Sturm selbst erfahrene Seeleute in panische Angst versetzen.

Das Boot ist ein kleines Fischerboot. 1986 wurde am Nordwestufer des Sees Gennesaret ein gut erhaltenes Fischerboot aus dem 1. Jahrhundert entdeckt. Weil es zeitlich genau in die Epoche Jesu fällt, bekam es umgangssprachlich den Namen: 'Jesusboot'. Der Name bedeutet nicht, dass Jesus es tatsächlich benutzt hat, sondern dass es aus seiner Zeit stammt. Solche Boote hatten kaum Schutz: niedrige Bordwände, offen, nicht besonders stabil bei Wellen.

Für die Jünger war das Boot kein Symbol, sondern Arbeitswerkzeug - ein Ort, an dem sie oft zwischen Leben und Tod pendelten. Die Episode ist daher lebensnah, nicht heroisch: Sie spiegelt reale Erfahrungen.

Matthäus ordnet die Stillung des Sturmes dramaturgisch in eine Reihe von Hinweisen auf die Kraft der heilenden Liebe Jesu:
• Heilung des Aussätzigen (8,1-4)
• Heilung des Knechtes des römischen Hauptmanns (8,5-13)
• Heilung der Schwiegermutter des Petrus (8,14-17)
• Jesus fordert radikale Nachfolge (8,18-22)
• Sturmstillung (8,23-27)
• Heilung der Besessenen von Gadara (8,28-34)

Unmittelbar vor der Erählung von der Sturmstillung lesen wir Jesu Einladung zur entschlossenen Nachfolge. Und genau jetzt - im Boot auf dem See - wird diese Entscheidung 'unter Sturmbedingungen' erprobt.

Das ist die zentrale Stelle der Szene: 'Was ist das für einer? Das ist unglaublich! Ihm gehorchen sogar die Sturmwinde und die Wassermassen!'

Im Alten Testament ist Gott allein derjenige, der Meer und Chaos bändigt (Ps 65; Ps 89), der die Urfluten zum Schweigen bringt, der Sturm und Wellen befiehlt (Ps 107). Wenn Jesus dasselbe tut, zeigt Matthäus: Durch Jesus wirkt Gottes schöpferische Autorität.

Dass Jesus schläft, ist theologisch vielschichtig: Ausdruck echter Menschlichkeit, zugleich Symbol des Vertrauens, Kontrast zum Angstzustand der Jünger. Im Schlaf Jesu liegt die Botschaft: Was für Menschen bedrohlich wirkt, ist für Gott nicht bedrohlich.

Jesus bemängelt nicht, dass die Jünger ihn wecken - sondern die Panik, mit der sie es tun. Glaube meint im Matthäus-Evangelium nicht Gefühlssicherheit, sondern Vertrauensbeziehung.