Texterläuterung zu Matthäus 8, 18-22
Text: Matthäusevangelium 8, 18–22 - Übersetzung: Das Buch
18 Als Jesus merkte, wie immer größere Menschenmengen zu ihm drängten, gab er die Anweisung, an das gegenüberliegende Ufer zu fahren. 19 Dort kam ein Theologe auf ihn zu und sprach ihn an: 'Lehrer! Von dir will ich lernen und dir will ich überall hin folgen!' 20 Aber Jesus sagte: 'Die Füchse besitzen Erdhöhlen und die Vögel in der Luft haben ihre eigenen Nester. Aber der Menschensohn, der, den Gott eingesetzt hat, besitzt gar nichts, nicht einmal ein eigenes Bett!' 21 Ein anderer Schüler von Jesus sagte zu ihm: 'Herr, gib mir bitte die Erlaubnis, so lange noch zu Hause zu wohnen, bis mein Vater gestorben ist.' 22 Aber Jesus sagte zu ihm: 'Komm jetzt sofort mit mir mit! Lass doch die, die tot sind, ihre eigenen Toten zu Grabe tragen!'
Texterläuterung
Die Szene spielt am See Genezareth, dem zentralen Wirkungsort Jesu in Galiläa. Der See ist ein langgestreckter Süßwassersee (ca. 21 km lang, 12 km breit), umgeben von Hügeln und besiedelten Orten wie Kafarnaum, Bethsaida, Magdala und Gergesa. Jesus befindet sich vermutlich auf der Nordwestseite, in der Gegend um Kafarnaum, dem Zentrum seines galiläischen Wirkens.
Die Volksmenge bedrängt Jesus - ein wiederkehrendes Bild. Daraufhin entscheidet er, auf die andere Seite des Sees zu fahren. Das 'Hinüberfahren' ist nicht nur eine geografische Bewegung, sondern hat oft symbolischen Charakter: Jesus überschreitet Grenzen zwischen Juden und Nichtjuden, zwischen Nähe und Distanz, zwischen Verkündigung und Rückzug.
Matthäus 8-9 bildet eine große Sammlung von Heilungen, die auf die Bergpredigt (Kap. 5-7) folgt. Matthäus präsentiert diese Wunder als Erfüllung von Jesaja 53,4: 'Er hat unsere Leiden getragen'(Mt 8,17).
Warum stehen die zwei kurzen Dialoge genau hier? Sie dienen als Rahmen für das, was folgt: das Hinüberfahren, die Sturmstillung und die Begegnung mit den Besessenen in Gadara (8,23-34). Matthäus zeigt: Jüngerwerden ist eine Entscheidung, die Konsequenzen hat. Bevor jemand Jesus 'in den Sturm' folgt, muss klar sein, was Jüngerschaft bedeutet.
'Jünger' bedeutet: Lernender, Schüler, Nachfolger. Nicht abstrakt, sondern jemand, der im Alltag mitgeht, von Jesu Wort und Tun geprägt wird, von Jesus lernt.
'Der Menschensohn': Selbstbezeichnung Jesu. Mehrdeutig, aber im Matthäusevangelium häufig messianisch. Bezug auf Daniel 7,13f - die himmlische Menschengestalt mit Vollmacht. zugleich Hinweis auf Jesu Selbsterniedrigung: 'Der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.'
'Toten das Begräbnis bereiten': Im Judentum des 1. Jh.s eine der heiligsten Pflichten. Jesu Antwort provoziert: Die Nachfolge relativiert selbst zentrale familiäre Verpflichtungen. Es geht nicht gegen die Familie als solche, sondern um die Priorität des Reiches Gottes.
Die beiden Dialoge im Detail:
1. Der Schriftgelehrte (8,19-20) - ein überraschender Bewerber: Schriftgelehrte stehen bei Matthäus oft in Opposition zu Jesus, hier jedoch ist einer ein Sympathisant Jesu. Er sagt: 'Ich will dir folgen, wohin du auch gehst.' Jesus antwortet nicht abweisend, sondern realistisch: Füchse haben Höhlen, Vögel des Himmels Nester. Der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann. Nachfolge bedeutet Loslösung, kein irdisches Sicherheitsversprechen.
2. Der andere Jünger (8,21-22): Er ist bereits ein Jünger - also nicht Außenstehender. 'Herr, erlaube mir zuerst ...' Das 'Zuerst' ist das Problem: Es gibt keinen Vorrang vor der Entscheidung für das Reich Gottes. Jesu Antwort: 'Komm jetzt sofort mit mir mit! Lass doch die, die tot sind, ihre eigenen Toten zu Grabe tragen!' Eine rabbinische Überzeichnung. Mit den 'Toten' können die geistlich Toten gemeint sein - Menschen, die Jesus nicht folgen.