Texterläuterung zu Matthäus 10, 34-36
Text: Matthäusevangelium 10, 37–39 - Einheitsübersetzung neu
Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert. Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.
Texterläuterung
Matthäus 10,37-39 steht wie ein scharfes Nachwort hinter den harten Worten über Spaltung (10,34-36): Jesus zieht den Gedanken nicht zurück - er führt ihn zu seinem Kern. Nicht Streit um des Streites willen ist das Thema, sondern die Frage, wer oder was im Herzen den ersten Platz bekommt, wenn Loyalitäten kollidieren. In der Erzählbewegung des Kapitels klingt das wie ein realistischer Blick in die Welt der Jünger: Wer mit Jesus geht, gerät nicht selten zwischen die Fronten der eigenen Familie, der Dorfgemeinschaft, der religiösen Erwartung - und der eigenen Angst, 'zu viel' zu verlieren.
Wenn Matthäus diese Worte über Liebe zu Vater, Mutter, Sohn, Tochter überliefert, hören die ersten Adressaten nicht nur Privatgefühle, sondern ein ganzes soziales System. Im Galiläa und Judäa des 1. Jahrhunderts war Familie wirtschaftliche Lebensbasis, soziale Absicherung und religiöse Zugehörigkeit in einem. Wer 'aus der Reihe' tanzte - wer etwa einem wandernden Lehrer folgte, der Konflikte mit Autoritäten provozierte -, riskierte Schande, Ausschluss, den Verlust von Netzwerken, manchmal sogar Erbe und Schutz. 'Würdigkeit' ist hier nicht moralisches Perfektsein, sondern 'passt das zu mir?' im Sinn von: Entspricht dein Weg wirklich dem Weg Jesu, wenn du im Ernstfall zurückweichst?
Und dann das Wort vom Kreuz (10,38): Für die Gemeinde des Matthäus ist das kein abstraktes Symbol. Sie kennt die römische Brutalität, kennt Kreuzigung als öffentliche Machtdemonstration. Bei Jesus wird daraus keine Drohkulisse, sondern eine realistische Metapher: Wer mir nachfolgt, nimmt in Kauf, dass dieser Weg etwas kostet - bis hin zur gesellschaftlichen Hinrichtung des eigenen Rufes.
Auffällig ist, dass Matthäus 10,37-39 nicht gegen die Familie polemisiert. Matthäus ist sonst sehr familiennah (Stammbäume, Generationen, das Motiv 'Vater im Himmel'). Der Text zielt nicht auf Gefühlsarmut, sondern auf Rangordnung: Liebe darf groß sein - aber sie soll nicht zum letzten Maßstab werden, der Gottes Ruf relativiert.
Das 'mehr lieben' beschreibt keine Abwertung von Eltern oder Kindern, sondern eine Priorität, die in Konfliktfällen entscheidet. Wenn Vater, Mutter oder Kinder (oder wer auch immer) zur Instanz werden, die letztgültig bestimmt, was richtig ist, dann wird Jüngerschaft unmöglich. Das Wort 'würdig' (axios) klingt in unseren Ohren schnell nach Leistung; hier meint es eher: 'stimmig, passend, dem Verhältnis entsprechend'. Wer Jesus als den Messias bekennt, aber sich im entscheidenden Moment von Angst oder Besitz bestimmen lässt, lebt nicht 'passend' zu diesem Bekenntnis.
'Sein Kreuz aufnehmen' wird oft moralisch spiritualisiert. Im Kontext ist es konkreter: nicht selbstgewähltes Leiden sammeln, sondern die Konsequenzen annehmen, die aus Treue entstehen. Und 'Leben' (psyche) ist mehr als Biologie: es umfasst das ganze Selbst, die Existenz, das, was ich 'mein Leben' nenne. Darum die Paradoxie: Wer sein Leben krampfhaft sichern will, verliert es; wer es hingibt, findet es. Matthäus liebt diese Umkehrlogik, weil sie das Herz des Evangeliums ausdrückt.
Matthäus 10,37-39 letztlich von einer inneren Ordnung: Nicht weniger Liebe, sondern gereihte Liebe. Nicht weniger Bindung, sondern eine Bindung, die trägt, wenn andere Bindungen brechen. Und nicht Tod als Ziel - sondern Leben, das man gerade dann findet, wenn man aufhört, es wie eine Beute festzuhalten.