Frage nach der Willensfreiheit

Sünde setzt freien Willen voraus. Der Mensch wird von Erbanlagen und von unzähligen Faktoren von frühester Kindheit an sein ganzes Leben lang beeinflusst und geprägt. Können wir da überhaupt von Willensfreiheit sprechen?

Du sagst: Wenn ich durch Erbanlagen, Prägungen, frühe Bindungserfahrungen, Traumata, kulturelle Muster, unbewusste Dynamiken bestimmt bin - wo bleibt dann der freie Wille? Und wenn es keinen freien Willen gibt, wie kann es dann Sünde geben? Das ist keine oberflächliche Frage. Das ist eine Frage nach Verantwortung, Schuld, Würde - und nach Gnade.

In der Linie von Sigmund Freud, C. G. Jung oder Erich Fromm gilt: Der Mensch ist zu großen Teilen unbewusst gesteuert. Frühkindliche Bindungserfahrungen prägen Beziehungsmuster. Traumatische Erfahrungen erzeugen Schutzmechanismen. Scham, Angst, Ohnmacht formen Charakterstrukturen. Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus (Freud). Viele Handlungen sind Wiederholungen. Nicht frei gewählt - sondern innerlich getrieben. In diesem Sinn: Was wir 'Sünde' nennen, ist oft ein Symptom. Eine Folge innerer Verwundung. Ein Versuch, mit Angst, Leere oder ungeliebter Wahrheit umzugehen.

Hier wird es spannend. Wenn der Mensch völlig determiniert wäre, könnte er nichts reflektieren. Aber du reflektierst gerade. Du kannst sagen: 'Ich glaube nicht an den freien Willen.' Das heißt: Es gibt in dir eine Instanz, die Abstand nehmen kann. Eine Beobachterposition. Ein Bewusstsein über Prägung. Jung würde sagen: Es gibt ein 'Selbst', das größer ist als das Ich. Ein Zentrum, das nicht völlig identisch ist mit den Mustern. Und Fromm spricht vom Unterschied zwischen 'automatischem Leben' und 'bewusstem Sein'.

Vielleicht ist Freiheit kein Besitz, sondern ein Prozess. Kein Zustand: 'Ich bin völlig unabhängig.' Sondern ein Weg: 'Ich werde mir meiner Prägungen bewusst - und gewinne Spielraum.' Freiheit wäre dann nicht die Abwesenheit von Einflüssen. Sondern die Fähigkeit, sich zu ihnen zu verhalten. Ein kleines Beispiel: Ein Mensch wurde als Kind ständig kritisiert. Er reagiert später aggressiv auf jede Kritik. Zunächst ist das rein reaktiv. Aber irgendwann merkt er: 'Ich reagiere immer gleich.' In diesem Moment entsteht ein Spalt. Ein Zwischenraum. Und dort beginnt Freiheit. Vielleicht nur 3 Sekunden lang. Aber real.

Wenn man Sünde tiefenpsychologisch denkt, ist sie weniger moralisches Vergehen als Verstrickung. Nicht: 'Du hättest anders können.' Sondern: 'Du bist gefangen in Mustern, die dich vom Leben trennen.' Sünde wäre dann: Unbewusstheit. Fixierung. Angstgesteuertes Handeln. Verhärtung. Abspaltung vom eigenen inneren Kern. In diesem Sinn setzt Sünde nicht absolute Freiheit voraus, sondern nur ein Minimum an Bewusstsein. Und dort setzt Vergebung an. Nicht als moralische Amnestie. Sondern als Befreiung aus innerer Verstrickung.

Vielleicht ist der freie Wille kein Anfang, sondern ein Geschenk. Nicht: 'Ich bin frei, also handle ich richtig.' Sondern: 'Ich werde geliebt - also kann ich freier werden.' Wenn Angst sinkt, wächst Spielraum. Wenn Schuld nicht vernichtet, sondern gehalten wird, entsteht Beweglichkeit. In dieser Sicht ist Sünde nicht der Beweis gegen Freiheit, sondern der Hinweis darauf, dass wir noch nicht ganz frei sind.

Du hast recht: Der Mensch ist massiv geprägt. Aber vielleicht ist er nicht vollständig festgelegt. Vielleicht besteht Freiheit nicht in Unabhängigkeit von Ursachen, sondern in der Fähigkeit, sich ihnen bewusst zu stellen. Und vielleicht ist 'Sünde' nicht das Böse-Wollen, sondern das Gefangensein im Unbewussten. Dann wäre Erlösung nichts anderes als wachsende Bewusstheit und wachsende Liebesfähigkeit.