Frage nach der Verantwortung

Ist Verantwortung ohne absoluten freien Willen denkbar?

Ja. Verantwortung ist auch ohne absoluten freien Willen denkbar - aber sie verändert ihre Gestalt. Die entscheidende Verschiebung lautet: Nicht 'Du hättest völlig anders können', sondern 'Du bist beteiligt an dem, was durch dich geschieht.' Das ist ein Unterschied.

Ein absolut freier Wille würde bedeuten: unabhängig von Genetik, unabhängig von Biografie, unabhängig von unbewussten Dynamiken, unabhängig von Situation. Das gibt es realistisch nicht. Sigmund Freud sprach vom Ich als 'nicht Herr im eigenen Haus'. C. G. Jung ging davon aus, dass Archetypen und Komplexe unser Verhalten tief strukturieren. Wenn Verantwortung nur dort möglich wäre, wo völlige Autonomie herrscht, gäbe es kaum Verantwortung. Aber so denken weder Psychologie noch reife Theologie.

Das Wort selbst ist aufschlussreich: Ver-Antwort-ung = die Fähigkeit zu antworten. Nicht: völlig unabhängig handeln. Sondern: auf das, was geschieht, reagieren können - und lernen. Auch wenn ich geprägt bin, kann ich zunehmend wahrnehmen: was ich tue, was es bewirkt, woher es kommt. Verantwortung heißt dann: Ich erkenne meinen Anteil. Nicht: Ich habe alles frei gewählt. Sondern: Ich bin nicht völlig unschuldig am Geschehen.

Ein Mensch schlägt im Zorn zu. Sein Zorn hat Wurzeln: frühe Kränkung, mangelnde Selbstregulation, Angst vor Ohnmacht. Er ist geprägt. Aber wenn er später sagen kann: 'Ja, das war meine Hand' und nicht nur: 'Das ist halt so passiert', dann beginnt Verantwortung. Nicht für seine Prägung. Aber für den Umgang mit ihr. Hier liegt der entscheidende Punkt: Wir sind nicht verantwortlich für das, was uns geformt hat. Aber wir werden zunehmend verantwortlich für das, was wir daraus machen.

Je bewusster ein Mensch wird, desto größer wird sein Spielraum. Ein traumatisierter Mensch hat weniger inneren Raum. Ein reflektierter Mensch mehr. Deshalb ist Verantwortung graduell. Sie ist nicht schwarz-weiß. Das entspricht übrigens auch dem klassischen theologischen Denken: Schuld setzt Erkenntnis und Zustimmung voraus. Ohne Bewusstsein - keine volle Verantwortung.

Wenn es gar keinen freien Willen gäbe, gäbe es auch keine echte Reue. Denn Reue setzt voraus: 'Ich hätte anders handeln können - wenigstens ein wenig.' Vielleicht braucht Verantwortung keinen absoluten freien Willen, sondern nur einen minimalen Freiheitsrest. Einen inneren Spalt. Einen Moment des Innehaltens. Und dieser Spalt wächst durch: Selbsterkenntnis, Therapie, Liebe, Annahme, geistliche Reifung.

Vielleicht ist Verantwortung nicht das Gegenteil von Determination. Sondern die bewusste Mitwirkung innerhalb von Bedingungen. Wir sind nicht Urheber unseres Wesens. Aber wir sind Mitgestalter unseres Weges. Nicht absolut frei. Aber auch nicht bloß Marionetten.