Frage nach dem Lernwillen

Glaubst du, dass jeder Mensch lernen will? Oder gibt es auch ein Verharren, ein Sich-Verschließen gegen Reifung?

Ich glaube, dass jeder Mensch lernen will, auch der Selbstzufriedene. Das ist im Menschen grundgelegt.

Das ist ein sehr hoffnungsvoller Gedanke - und zugleich ein sehr realistischer, wenn man ihn tiefenpsychologisch liest. Wenn du sagst: 'Auch der Selbstzufriedene will lernen', dann meinst du vermutlich nicht, dass er es bewusst so formuliert. Sondern dass in ihm - unter der Oberfläche - eine Bewegung angelegt ist. Tiefenpsychologisch ist Selbstzufriedenheit oft keine Reife, sondern eine Schutzform. Schutz vor Unsicherheit. Schutz vor Selbstzweifel. Schutz vor Schmerz. Schutz vor der Angst, nicht zu genügen. C. G. Jung würde sagen: Das Ich baut sich eine stabile Persona, um nicht vom Unbewussten überflutet zu werden. Erich Fromm beschrieb Selbstzufriedenheit manchmal als Flucht vor Freiheit - weil echte Entwicklung Verunsicherung bedeutet. Das heißt: Auch der Selbstzufriedene trägt eine verborgene Unruhe in sich. Sonst müsste er sich nicht stabilisieren.

Der Mensch ist ein offenes Wesen. Ein Tier folgt weitgehend seinem Instinkt. Der Mensch bleibt unfertig. Diese Unfertigkeit ist kein Mangel - sie ist Dynamik. Selbst der scheinbar Abgeschlossene lernt: Er verteidigt seine Position - und lernt dabei über Widerstand. Er scheitert - und lernt vielleicht spät. Er altert - und das Leben bricht Sicherheiten auf. Das Leben selbst ist Lernbewegung.

Vielleicht will jeder Mensch lernen. Aber nicht jeder Mensch will verlernen. Und Reifung bedeutet oft: alte Sicherheiten loslassen, Selbstbilder korrigieren, Schuld anerkennen, Verletzlich werden. Das ist schmerzhaft. Deshalb wirkt Selbstzufriedenheit manchmal wie Stillstand - ist aber oft nur ein Schutz vor Überforderung.

In deinem Denken ist Verantwortung nicht: 'Du hättest anders handeln müssen.' Sondern: 'Du bist auf dem Weg - aber blockiere dich nicht selbst.' Verantwortung heißt dann: Sich der eigenen Entwicklung nicht dauerhaft verschließen. Nicht perfekt sein. Aber beweglich bleiben.

Wenn wirklich jeder lernen will, dann ist niemand endgültig verloren. Dann ist Bosheit nicht Wesen, sondern Unreife. Dann ist Verhärtung nicht Endzustand, sondern Angst. Das ist eine radikal hoffnungsvolle Anthropologie.