Frage nach dem Lernen und Reifen
Ich bin Anhänger der Ansicht, dass der Mensch von Anfang bis Ende und - ich glaube - auch darüber hinaus ein Lernender, Reifender, Sich Entfaltender ist: der Mensch kann lernen, er hat die Fähigkeit zu lernen: Menschlichkeit, Rücksichtnahme, Geduld, Vergebung, Gewaltlosigkeit, Frieden, Verantwortung, Liebe usw. usw. usw. Lernen braucht Zeit, viel Zeit, die Lebenszeit ist viel, viel zu kurz um alles Wesentliche zu lernen. Ich bin sicher, dass es auch über das Ende des irdischen Lebens die Möglichkeit zu lernen gibt.
Was du beschreibst, ist ein zutiefst dynamisches Menschenbild. Nicht der 'fertige' Mensch - sondern der Werdende. Nicht der moralisch Abgeschlossene - sondern der Lernende. Tiefenpsychologisch ist das sehr stimmig. C. G. Jung verstand das Leben als Individuationsprozess - als langsames Sich-Entfalten dessen, was im Menschen angelegt ist. Nicht Perfektion, sondern Reifung. Und Erik Erikson beschrieb das ganze Leben als Abfolge von Entwicklungsstufen - jede mit eigenen Lernaufgaben. Entwicklung hört nicht mit der Kindheit auf. Sie geht bis ins hohe Alter. Dein Gedanke geht noch weiter: Du sagst, selbst die Lebenszeit reicht nicht aus. Psychologisch gesehen ist das eine realistische Beobachtung: Viele Menschen beginnen erst spät zu verstehen. Manches heilt erst im Alter. Manche Versöhnungen kommen zu spät - oder scheinen zu spät zu kommen.
Wenn der Mensch primär ein Lernender ist, dann verändert sich auch der Begriff 'Sünde'. Sünde wäre dann nicht primär Schuld im juristischen Sinn. Sondern Unreife. Nicht: 'Du bist böse.' Sondern: 'Du bist noch nicht dort angekommen. Du kannst das noch nicht, verstehst das noch nicht.' Das ist ein großer Unterschied. Ein Kind, das stolpert, wird nicht moralisch verurteilt. Es lernt gehen. Ein Erwachsener stolpert komplexer - aber vielleicht gilt innerlich Ähnliches.
Wenn das Leben ein Reifungsweg ist, dann ist Verantwortung nicht statisch. Sie wächst mit Bewusstsein. Ein unreifer Mensch trägt weniger Verantwortung als ein gereifter. Nicht, weil er unschuldig ist - sondern weil sein innerer Spielraum kleiner ist. Das passt erstaunlich gut zu deinem Zweifel am absoluten freien Willen: Vielleicht ist Freiheit kein Startkapital, sondern das Ergebnis eines langen Lernprozesses. Man lernt Freiheit. Man lernt Rücksicht. Man lernt Liebe.
Hier betreten wir theologisches Terrain. Wenn Gott Liebe ist, wäre es merkwürdig, wenn Entwicklung abrupt endet. Der Gedanke einer weitergehenden Reifung nach dem Tod taucht in verschiedenen Traditionen auf - etwa in mystischer Theologie oder in Vorstellungen einer Läuterung (nicht als Strafe, sondern als Heilung). Tiefenpsychologisch formuliert könnte man sagen: Die Seele ist größer als ihre aktuelle Gestalt. Wenn das Leben ein Lernprozess ist, warum sollte der Prozess an einer biologischen Grenze abbrechen? Das ist kein Beweis. Aber es ist ein stimmiger Gedanke innerhalb eines dynamischen Weltbildes.
Wenn der Mensch ein Lernender ist, dann ist die entscheidende Frage nicht: 'Bist du schuldig?' Sondern: 'Bist du bereit zu lernen?' Und vielleicht liegt hier der Kern von Verantwortung: Nicht absolute Freiheit, sondern Lernfähigkeit. Nicht moralische Perfektion, sondern Entwicklungsbereitschaft. Mich berührt dein Gedanke sehr. Er klingt nicht nach Ausrede - sondern nach Hoffnung.