Einladung zum Vertrauen
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Eine Geschichte

Manuela sitzt spätabends am Küchentisch. Vor ihr liegt ein Stapel Briefe. Stromrechnung. Versicherung. Eine Mahnung. Sie starrt auf die Zahlen, als könnten sie dadurch kleiner werden. Aber sie werden nicht kleiner. Im Gegenteil: In ihrem Kopf wachsen sie zu einem ganzen Gebirge. 'Wie soll ich das nur schaffen?', flüstert sie. Der Gedanke zieht Kreise. Morgen könnte dies passieren. Übermorgen das. Und was, wenn alles noch schlimmer wird? Ihr Herz schlägt schneller, ihre Hände werden kalt.

In diesem Moment kommt ihre Tochter Lisa schlaftrunken in die Küche. 'Mama, warum bist du noch wach?' Manuela zwingt sich zu einem Lächeln. 'Ich denke nur ein bisschen nach.' Lisa setzt sich auf ihren Schoß, legt den Kopf an ihre Schulter. 'Weißt du, was Papa immer sagt?' murmelt sie. 'Heute ist heute. Morgen kommt erst morgen.'

Manuela atmet tief ein und aus. Zum ersten Mal seit Stunden spürt sie wieder den warmen Körper ihrer Tochter. Den Duft nach Shampoo. Die Stille der Nacht. Das Gebirge in ihrem Kopf ist nicht verschwunden, aber es rückt einen Schritt weiter weg. Sie legt die Briefe zur Seite, löscht das Licht und geht mit Lisa ins Bett. Am nächsten Tag ruft sie bei der Energieversorgung an. Sie bekommt eine Ratenlösung. Ein Schritt nach dem anderen.

Einladung zum Vertrauen

Text: Matthäusevangelium 6, 25–34 - Übersetzung: Das Buch

25 Deshalb sage ich euch: Zermartert euch nicht mit Sorgen darüber, ob ihr genug zum Essen haben werdet! Macht euch auch keinen Kopf darüber, was ihr anziehen könnt! Denn euer Leben besteht aus viel mehr als der Nahrung. Und auch der Körper ist mehr wert als die Kleidung, mit der ihr ihn schmückt. 26 Schaut genau hin: Die Vögel, die in der Luft umherfliegen, machen sich doch auch keine Sorgen! Sie säen nicht selbst, sie bauen sich keine Rücklagen auf und sammeln die Nahrung auch nicht in Vorratskammern. Und doch schenkt euer Vater, der über allen wacht, ihnen ihre Nahrung. Seid ihr nicht noch viel bedeutsamer als sie? 27 Kein Einziger von euch kann durch seine ständigen Sorgen und sein Grübeln auch nur eine einzige Sekunde zu seiner Lebenszeit hinzufügen. 28 Und es bringt auch überhaupt nichts, wenn ihr euch darum Sorgen macht, womit ihr euch kleidet. Schaut euch doch einmal um in der Welt! Die Feldblumen zum Beispiel strengen sich überhaupt nicht an! Ohne eigene Mühe und Arbeit wachsen und blühen sie. 29 Ich sage euch klipp und klar: Selbst der große König Salomo in all seiner Pracht war nicht so wunderbar gekleidet wie auch nur die kleinste Feldblume. 30 Macht euch das klar: Diese Gräser blühen an einem Tag überall auf dem Feld und am nächsten werden sie abgemäht und als Brennstoff verwendet. Wenn Gott selbst diese vergänglichen Pflanzen mit einer solchen Schönheit ausstattet, wie viel mehr wird er für euch sorgen! Warum habt ihr denn so wenig Vertrauen? 31 Also grübelt nicht darüber nach, was ihr essen oder trinken werdet oder womit ihr euch kleiden könnt! 32 Alle Menschen dieser Welt, ganz egal, wer sie sind oder woran sie glauben, strengen sich an, diese Grundbedürfnisse zu sichern. Ihr habt doch einen Vater, der über allem thront! Er weiß genau, dass ihr das alles braucht. 33 Macht es zu eurem obersten Ziel, dass sich Gottes gute Herrschaft in eurem Leben und überall ausbreitet! Setzt euch dafür ein, dass endlich die Gerechtigkeit Gottes diese Welt bestimmen kann und dass ihr selbst auch so lebt, wie es gut und richtig ist. Dann wird Gott euch alles andere schenken. 34 Also zersorgt euch nicht mit Gedanken über die Zukunft! Denn jeder neue Tag bringt sowieso schon ausreichend Schwierigkeiten mit sich.

Vögel und Lilien
© Vögel und Lilien

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Tiefenpsychologische Betrachtung

1. Archetypische Ebene: Vertrauen statt Kontrolle

Tiefenpsychologisch betrachtet, spricht dieser Text den archaischen Grundkonflikt zwischen Vertrauen und Kontrolle an. Der Mensch steht seit jeher in einem Spannungsfeld: Auf der einen Seite das Bedürfnis, sich gegen Unsicherheit zu schützen - auf der anderen Seite die Erfahrung, dass das Leben nie vollständig kontrollierbar ist. In C. G. Jungs Begriffen: Das 'Ego' möchte planen, sichern, kontrollieren, um das Gefühl von Stabilität zu gewinnen. Das 'Selbst' (im Sinne der Ganzheit des Menschen) lädt jedoch zur Hingabe ein - an einen tieferen Lebensstrom, an eine göttliche oder transzendente Ordnung. Die Vögel und Lilien sind in diesem Text Symbole des archetypischen Urvertrauens: Sie verkörpern jene Seelenhaltung, die nicht im Mangel, sondern in der Fülle verwurzelt ist.

2. Die Angst als Schwellenwächter

Die Sorge um das Morgen ist nicht bloß praktische Vorsicht, sondern oft ein psychischer Mechanismus, mit dem das Ego versucht, eine existentielle Grundangst abzuwehren: die Angst, ausgeliefert zu sein. Diese Angst tritt besonders hervor, wenn alte Sicherheiten bröckeln - bei Krankheit, Verlust, Umbruch oder innerer Krise. In solchen Momenten erscheint das Morgen bedrohlich, unberechenbar. Doch diese Angst ist nicht der Feind, sondern ein Schwellenwächter: Sie zeigt, wo wir eingeladen sind, unsere innere Haltung zu wandeln.

3. Transformation: Vom Haben zum Sein

Erich Fromm beschreibt diesen Wandel als 'vom Haben zum Sein': Das Ego klammert sich an Besitz, Pläne, Berechenbarkeit. Das Selbst lädt zur Gegenwärtigkeit, zur lebendigen Beziehung mit dem Jetzt ein. Jesus sagt nicht: 'Tu nichts' - sondern: 'Trachte zuerst nach dem Reich Gottes.' Das heißt tiefenpsychologisch: Richte dein Bewusstsein zuerst auf das, was in dir unverlierbar ist - auf das Vertrauen, auf die innere Mitte, auf die Verbindung zur Transzendenz. Dann ordnen sich die äußeren Dinge oft auf überraschende Weise neu.

4. Praktische psychologische Dynamik

Wer sich ständig sorgt, lebt psychisch nicht in der Gegenwart, sondern im projizierten Morgen. Sorgen sind wie innere Schleifen - sie binden Energie, ohne reale Sicherheit zu erzeugen. Sie sind ein Versuch, Unsicherheit gedanklich zu bannen, aber sie führen oft zur Erschöpfung. Sobald ein Mensch dagegen wieder in Kontakt mit der Gegenwart tritt - z. B. durch Atmen, Gebet, Stille oder bewusste Wahrnehmung - verschiebt sich der seelische Raum: Das Morgen verliert seine übermächtige Gestalt. Die Angst wird zur Lehrmeisterin. Vertrauen kann sich einstellen - nicht als naiver Optimismus, sondern als geerdete innere Haltung.

5. Tiefenpsychologischer Kern

Dieser Text lädt nicht zu Leichtsinn ein, sondern zur inneren Umkehr: von einer Haltung, die Sicherheit erzwingen will, hin zu einer Haltung, die Sicherheit in sich trägt. In der Sprache Jungs könnte man sagen: Das Ego darf lernen, den Archetyp des Vertrauens (des 'inneren Kindes', des 'Selbst') wieder an die Seite zu nehmen. So kann die Seele frei atmen, anstatt sich in der engen Kammer der Zukunftssorgen einzusperren.

Worte des Lebens für uns

Jesus sagt: 'Sorgt nicht um euer Leben.' Das klingt zunächst provokant. Denn wer sorgt sich nicht? Sorgen gehören zum Leben. Wir sorgen uns um unsere Kinder, um Gesundheit, um den Arbeitsplatz, um die Zukunft. Und gerade wenn vieles unsicher ist, wenn Krisen die Schlagzeilen bestimmen, klingt dieser Satz beinahe wie eine Zumutung: 'Sorget nicht.' Aber Jesus meint nicht: 'Seid gleichgültig.' Er ruft nicht dazu auf, die Augen vor der Realität zu verschließen. Sein Wort zielt tiefer. Es spricht nicht zu unserem Verstand, der gerne alles kontrollieren möchte, sondern zu unserem Herzen, das nach Sicherheit hungert.

Sorgen entstehen dort, wo das Morgen größer wird als das Heute. Wir verlieren den Kontakt zur Gegenwart, wenn wir versuchen, das Unkontrollierbare zu kontrollieren. Wir drehen uns in Gedanken um Eventualitäten, die vielleicht nie eintreten. Und während wir das tun, entgleitet uns das Leben, das jetzt stattfindet. Jesus führt uns zurück: 'Seht die Vögel unter dem Himmel an.' Sie planen nicht, sie speichern nicht, und doch leben sie. Sie sind kein Beweis für Naivität, sondern ein Bild für Vertrauen. Vertrauen bedeutet nicht, dass alles einfach wird - aber dass ich getragen bin, selbst mitten in der Unsicherheit.

Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass ich alle Probleme gelöst habe. Vertrauen entsteht, wenn ich mitten in der Unsicherheit einen Halt finde, der tiefer ist als meine Sorgen. Jesus nennt diesen Halt: 'Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes.' Das heißt: Richte dein Herz zuerst auf das, was bleibt, auch wenn alles andere ins Wanken gerät. Auf das, was in dir unverlierbar ist. Auf die Gegenwart Gottes. Auf die Liebe, die dich trägt. Wenn dieser Halt spürbar wird, verlieren die Sorgen nicht sofort ihre Stimme - aber sie verlieren ihre Macht. Die Zukunft steht nicht mehr wie ein dunkler Berg vor uns, sondern wie ein Weg, den wir Schritt für Schritt gehen dürfen.

'Der morgige Tag wird für das Seine sorgen.' Das ist kein billiger Trost. Es ist eine Einladung, das Leben nicht vorwegzunehmen. Heute ist genug. Heute ist Gott da. Heute kann ich atmen, sehen, fühlen, handeln. Wenn ich das übe, verwandelt sich Sorge. Aus lähmender Angst wird wachsames Vertrauen. Aus Enge wird Weite. Aus Grübeln wird Gelassenheit. Sorge, die mich sonst gefangen hält, wird zu einer Wegweiserin: Sie zeigt mir, wo ich mich wieder an Gott und das Leben anlehnen darf - statt alles alleine tragen zu wollen.

Diese Haltung ist kein Zustand, den man einmal erreicht und nie mehr verliert.
Es ist ein tägliches Üben:
- innehalten
- atmen
- die Gegenwart Gottes erfahren
- das Morgen loslassen, um das Heute wirklich zu leben.
Wenn wir das lernen, erfahren wir: Das Leben ist mehr als Nahrung. Der Leib ist mehr als Kleidung. Und das Morgen ist nicht unser Feind, sondern Gottes Raum.

Glaube heißt nicht, dass wir nie mehr Angst haben. Glaube heißt, dass die Angst nicht das letzte Wort hat. Glaube heißt: 'Ich bin getragen - heute und morgen.'

Darum: Sorgt nicht um morgen. Lebt heute. Vertraut. Gott ist da.

'Mütterlich und väterlich ewig Liebender, ich lasse meine Sorgen, meine Ängste, meine Befürchtungen los und lege sie in deine Hände.'