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Drei Jahre später - ein Gespräch am Ufer
Text: Matthäusevangelium 8, 18–22 - Übersetzung: Das Buch
18 Als Jesus merkte, wie immer größere Menschenmengen zu ihm drängten, gab er die Anweisung, an das gegenüberliegende Ufer zu fahren. 19 Dort kam ein Theologe auf ihn zu und sprach ihn an: 'Lehrer! Von dir will ich lernen und dir will ich überall hin folgen!' 20 Aber Jesus sagte: 'Die Füchse besitzen Erdhöhlen und die Vögel in der Luft haben ihre eigenen Nester. Aber der Menschensohn, der, den Gott eingesetzt hat, besitzt gar nichts, nicht einmal ein eigenes Bett!' 21 Ein anderer Schüler von Jesus sagte zu ihm: 'Herr, gib mir bitte die Erlaubnis, so lange noch zu Hause zu wohnen, bis mein Vater gestorben ist.' 22 Aber Jesus sagte zu ihm: 'Komm jetzt sofort mit mir mit! Lass doch die, die tot sind, ihre eigenen Toten zu Grabe tragen!'
Das Gespräch
Das Licht des späten Nachmittags lag weich auf dem See. Ein leichter Wind kräuselte die Wasseroberfläche. In jener stillen Stunde saß im Schatten eines Olivenbaums ein Mann, der eine kleine Schriftrolle entrollt hatte und sie gedankenverloren in Händen hielt. Seine Kleidung war sauber, aber nicht mehr so kostbar wie früher. Als Schritte im Kies erklangen, hob er den Kopf. Ein anderer Mann kam den Pfad herab - kräftiger Körper, wettergegerbte Haut, Augen, die zugleich Müdigkeit und tiefen Frieden trugen. Ein Jünger. Er erkannte ihn sofort wieder.
Schriftgelehrter (Theologe):
'Ich kenne dich ... Du warst damals bei Jesus. Der, der ihm ohne Zögern gefolgt ist.'
Jünger:
'Ja. Und du bist der Schriftgelehrte, der sagte: 'Ich will dir folgen, wohin du auch gehst.' Ich erinnere mich.'
Ein stilles Lächeln. Beide setzten sich unter den Baum.
Schriftgelehrter:
'Weißt du ... ich dachte, Nachfolge sei ein Weg des Wissens. Ein Weg der Sicherheiten. Ein Weg, den man argumentieren kann. Aber als er zu mir sagte: 'Die Füchse besitzen Erdhöhlen und die Vögel in der Luft haben ihre eigenen Nester. Aber der Menschensohn, der, den Gott eingesetzt hat, besitzt gar nichts, nicht einmal ein eigenes Bett!' - da spürte ich, dass er in mein Herz traf. Ich wollte ihm wirklich folgen. Aber ich musste lernen: Ich folgte mehr meinen theologischen, dogmatischen Vorstellungen als ihm.'
Jünger:
'Wie meinst du das?'
Schriftgelehrter:
'Ich ging zurück zu meinen Schriftrollen, meinen Debatten, meinen Gewohnheiten ... Doch es ließ mich nicht los. In mir brannte etwas - wie eine Glut. Ich konnte meine alten Sicherheiten nach und nach nicht mehr halten. Am Ende habe ich meinen Platz im Lehrhaus verloren. Einige nannten mich verwirrt, andere einen Verräter. Aber zum ersten Mal war ich innerlich frei.'
Er sah auf seine Hände.
Schriftgelehrter:
'Ich habe jetzt eine kleine Schule in Kafarnaum. Ich unterrichte Kinder. Nicht Gesetzesparagrafen - sondern Geschichten, die das Herz wecken. Und manchmal erzähle ich von Jesus. Nicht als Lehrer der Reinheit, sondern als Lehrer des Lebens.'
Der Jünger nickte langsam. Auch seine Augen glänzten von Erinnerungen.
Jünger:
'Als er zu mir sagte: 'Komm jetzt sofort mit mir mit! Lass doch die, die tot sind, ihre eigenen Toten zu Grabe tragen!' - das war wie ein Schlag. Mein Vater ... er war alt, einsam. Ich fühlte mich schuldig, dass ich wegging. Meine Geschwister verachteten mich dafür. Sie nannten mich einen Träumer, einen Spinner, der einem Wanderprediger hinterherläuft.'
Er holte tief Luft.
Jünger:
'Aber ich bin gegangen. Und in den ersten Monaten war es schwer. Sehr schwer. Ich fühlte mich zerrissen zwischen ihm und meiner Familie. Doch dann merkte ich: Dieser Mann führt mich nicht fort - er führt mich heim. Nicht in ein Haus aus Stein, sondern in ein Leben, das weiter wird.'
Der Schriftgelehrte sah ihn aufmerksam an.
Jünger:
'Ich habe Frieden mit meinen Geschwistern geschlossen. Nicht alle verstehen meinen Weg, aber sie sehen, dass ich verändert bin. Ich arbeite am See, flicke Netze, begleite Menschen in Trauer. Und ich erzähle von dem, der mir Mut machte, die Angst vor den Erwartungen anderer zu verlieren.'
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Das Wasser glitzerte warm. Möwen kreisten über dem See.
Schriftgelehrter:
'Wir waren damals wie zwei Suchende auf derselben Schwelle ... du bist gegangen, ich bin geblieben.'
Jünger:
'Und doch sind wir beide unterwegs geblieben.'
Der Schriftgelehrte lachte leise.
Schriftgelehrter:
'Weißt du, ich habe manchmal gedacht: Vielleicht war Jesu Wort an mich kein Nein ... sondern ein Spiegel. Vielleicht musste ich erst lernen, was es heißt, keinen Ort zu haben - damit mein Herz ein Ort werden kann.'
Jünger:
'Vielleicht ist Nachfolge kein Weg der ersten Stunde, sondern der zweiten. Manchmal sogar der dritten.'
Sie sahen beide auf das gegenüberliegende Ufer - jenes geheimnisvolle, nebelige Ufer, das in der Abendsonne schimmerte.
Schriftgelehrter:
'Es tut gut, dass wir uns begegnet sind. Wir sind zwei Kapitel derselben Geschichte.'
Jünger:
'Zwei Antworten auf denselben Ruf.'
Schriftgelehrter:
'Und vielleicht ... zwei Zeugen. Zeugen dafür, dass Jesus Menschen nicht gleich macht, sondern frei.'
Jünger:
'Ja. Frei für den Weg, der eigentlich schon immer in uns lag.'
Der Wind wehte etwas stärker. Das Licht wurde goldener. Beide Männer standen auf. Nicht hastig, sondern wie Menschen, die wissen, dass sie einen Weg gefunden haben, der in die Tiefe führt. Sie reichten einander die Hand.
Schriftgelehrter:
'Schalom.'
Jünger:
'Schalom.'
Dann gingen sie auseinander - in verschiedene Richtungen, aber mit demselben Frieden im Herzen.